Ein Notfall zwang den ICE Berlin–Hamburg mit mehr als 100 Fahrgästen an Bord am Freitagmorgen in Neustadt (Dosse) im Landkreis Ostprignitz-Ruppin (Brandenburg) zu einer Notbremsung: Die Verbindung zwischen den beiden aneinander gekoppelten Zugteilen drohte, wegen eines Kupplungsschadens zu reißen. Unmittelbar bevor es dazu kam, wurde der Zug zum Stehen gebracht.
Der vordere Zugteil konnte die Fahrt nach einem kurzen Aufenthalt fortsetzen, die Fahrgäste im hinteren Teil mussten jedoch bei ausgefallener Heizung und Minustemperaturen knapp eine Stunde warten, bis sie in einen nachfolgenden ICE umsteigen konnten.
„Zuerst gab es einen ohrenbetäubenden Knall, dann roch es nach verbranntem Gummi“, beschrieb Fahrgast Thomas L. das Geschehen. Die Notbremsung habe zahlreiche Fahrgäste regelrecht aus ihren Sitzen gerissen, Gläser, Handys und andere Gegenstände seien durch die Abteile geflogen, berichtete ein anderer Passagier. Die Fahrgäste waren zunächst geschockt, anschließend begann der Ärger. Der Strom fiel aus, die Heizung ebenso. Die Betroffenen mussten im hinteren Zugteil ausharren, bis sie ihre Fahrt in einem anderen Zug fortsetzen konnten.
Vorderer Zugteil war weitgehend voll besetzt
Der ICE hatte den Berliner Hauptbahnhof gegen 7.20 Uhr verlassen. Um 8.13 Uhr habe die automatische Anzeige im Führerstand des Zuges ein Kupplungsproblem angezeigt, daraufhin sei automatisch der Bremsvorgang ausgelöst worden, sagte Bahnsprecher Holger Auferkamp.
Eine erste Untersuchung vor Ort habe ergeben, dass die Schadstelle sich im hinteren Zugteil befand, daraufhin habe der vordere Teil sich gegen 8.30 Uhr wieder in Bewegung gesetzt. „Die Fahrgäste im hinteren Teil hat man nicht umsteigen lassen, weil der vordere Teil weitgehend voll besetzt war und zunächst die Chance bestand, dass der Defekt schnell behoben werden konnte“, sagte Auferkamp weiter.
Die Hoffnung blieb allerdings vergeblich, der Kupplungsschaden erwies sich als zu schwer. Die betroffenen Fahrgäste mussten knapp eine Stunde warten. Dann hielt ein nachfolgender ICE auf dem Weg nach Hamburg in Neustadt (Dosse) und nahm die frierenden Passagiere auf. Gegen 9.30 Uhr ging es für sie weiter.
Die Gestrandeten erreichten Hamburg schließlich mit eineinhalb Stunden Verspätung. Kurze Zeit, nachdem sich die frierenden Passagiere wieder auf dem Weg befanden, traf eine Lokomotive in Neustadt (Dosse) ein und schleppte den hinteren Zugteil ins Ausbesserungswerk Berlin-Rummelsburg. Dort soll jetzt der genaue Schaden ermittelt und behoben werden.
Irritationen über Vorfall
Um den Vorgang hatte es am Freitagvormittag erhebliche Irritationen gegeben. Die Bahn meldete zunächst nur eine kurze Version des Geschehens, da Einzelheiten am frühen Morgen in der Zentrale noch nicht bekannt waren. Etwas später gab es Berichte, wonach sich der hintere Zugteil bei voller Fahrt gelöst hatte. Äußerungen von Augenzeugen, die der Vorfall offenbar stark mitgenommen hatte, bestätigten diese Version, bevor Bahn-Sprecher Auferkamp diese Darstellung gegen Mittag dementierte. „Der Zug wurde erst entkoppelt, nachdem er zum Stillstand gekommen war“.
Die Verunsicherung der Passagiere sei noch gewachsen, weil zunächst niemand gewusst habe, was eigentlich passiert war, sagte ein Fahrgast. Per Lautsprecherdurchsage sei mitgeteilt worden, dass es keine Verbindung zum vorderen Teil gegeben habe. Weitere Auskünfte habe es zunächst nicht gegeben. „Dann hieß es für uns einfach mal wieder warten“, monierte der sichtlich genervte Bahnkunde. Derartige Vorfälle gebe es ausgesprochen selten, kommentierte die Bahn am Freitag das Geschehen.



