Am Anfang des Tages steht für David L. die Lebendkontrolle. Um 6 Uhr 20 geht der 33-jährige Justizvollzugsbeamte von Haftraum zu Haftraum, öffnet die Türen und sieht nach, ob alle Inhaftierten noch leben. Die Gefangenen müssen irgendein Lebenszeichen von sich geben, sei es durch ein Handzeichen, sei es durch ein müdes Knurren.
L. versieht seinen Dienst seit sieben Jahren in der Untersuchungshaftanstalt in Moabit. „Ich habe es bis heute nicht bereut“, sagt er am Donnerstag beim Marsch durch die Anstalt. Wie für die meisten Justizvollzugsbeamten stand die Berufswahl bei der Justiz nicht an erster Stelle ihrer Karrierepläne. Die meisten Mitarbeiter landen am Ende eher zufällig bei der Justiz.
So war es auch bei David L., der nach dem Abitur zunächst zur Bundeswehr ging und danach zur Polizei wollte. Doch das klappte nicht. „Kurz bevor ich verzweifelte, habe ich von der Möglichkeit erfahren, im Gefängnis als Justizbeamter zu arbeiten.“ Er bewarb sich – und wurde genommen. Seitdem ist die Teilanstalt II mit rund 400 Gefangenen sein Arbeitsplatz. Der berühmteste Insasse der Teilanstalt war in den 90-er Jahren der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz. Sein Vorgänger Erich Honecker und Stasi-Chef Erich Mielke saßen in der heutigen Teilanstalt IV, dem damaligen Haftkrankenhaus.
Berliner Justiz sucht händeringend Auszubildende
Die Justiz sucht derzeit händeringend nach Leuten wie David L. Nachdem die Verwaltung wegen des Spardrucks die Ausbildung stark heruntergefahren hat – in den letzten beiden Jahren wurden jeweils mehr als 30 Prozent weniger ausgebildet als im Vorjahr –, ist nun ein Umdenken eingetreten. Bis Ende Januar läuft die Bewerbungsfrist für 20 Anwärterstellen, die zum 1. Mai anfangen, bis Ende Februar läuft die Frist für einen weiteren Lehrgang, der am 1. August startet. In den vergangenen Jahren konnten nicht alle Ausbildungsplätze besetzt werden, weil es nicht genug geeignete Bewerber gab und weil die Justiz als Arbeitsplatz nicht attraktiv erscheint.
Das soll sich ändern. Dabei will die Justiz vor allem die Vorurteile gegen einen beruflichen Alltag hinter Gittern abbauen. Der Beruf des Vollzugsbeamten sei viel abwechslungsreicher und herausfordernder als gedacht, versichert Justizsprecherin Lisa Jani. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung sind entweder ein Hauptschulabschluss plus Ausbildung und zweijähriger Berufsausbildung oder ein höherer Schulabschluss mit einer zweijährigen Berufserfahrung. Bewerber müssen deutsche Staatsbürger oder EU-Bürger sein und über eine Persönlichkeit verfügen, die Herausforderungen im Umgang mit Gefangenen zu bewältigen.
„Eine gewisse Charakterfestigkeit gehört dazu“, sagt Serhat A., der wie sein Kollege David seit sieben Jahren bei der Justiz arbeitet. Er sprang fast in letzter Sekunde auf den Vollzugszug auf. Erst mit 39,5 Jahren bewarb er sich für die zweijährige Ausbildung. Mit 40 ist für die Laufbahn bei der Justiz Schluss. Anders als in anderen Berufen ist das fortgeschrittene Alter kein Hinderungsgrund. Im Gegenteil. „Lebenserfahrung und Berufserfahrung sind hier gern gesehen“, sagt Ausbildungsleiter Detlef Wenk, der in seinem früheren Berufsleben Technischer Zeichner war und mittlerweile 30 Jahre im Vollzug arbeitet. Erfahrung hilft im Umgang mit den Insassen.
Viele unterschiedliche Charaktere und Kulturen hinter Gittern
Dabei hat sich in den vergangenen Jahren viel im Umgang mit Gefangenen geändert. Auch für Untersuchungshäftlinge gibt es schulische und Sportangebote, damit sie nicht den ganzen Tag im Haftraum verbringen. Eine „Freistunde“ darf jeder Untersuchungshäftling täglich auf dem Hof verbringen. Sitzt er länger als 18 Monate, sind es zwei. „Insgesamt hat sich der Umgang stark zum Positiven gewendet“, sagt Wenk. Der Strafvollzug sei menschlicher geworden, die Mitarbeiter werden psychologisch und soziologisch geschult, um mit den vielen unterschiedlichen Charakteren und Kulturen hinter Gittern besser zurecht zu kommen.
Das einzige, was sich in den letzten Jahren kaum verändert hat, ist der Gebäudetrakt. Das Gebäude wurde 1892 als „Zuchthaus Berlin“ gebaut. Insgesamt 977 Insassen sitzen derzeit in den insgesamt sieben Gebäudetrakten. Dazu kommt die Teilanstalt IV, in der sich heute die Werkstätten des Gefängnisses befinden. Im Zentrum steht „der Stern“. Dabei handelt es sich um den Mittelpunkt, in dem fünf Flügel zusammentreffen. Von hier aus lassen sich alle Gänge der Untersuchungshaft einsehen und kontrollieren. Was vor hundert Jahren aus Gründen der Überwachung sinnvoll erschien, passt heute nicht mehr zum modernen Strafvollzug. Der ständige Lärm und das Scheppern der Schlüsselbunde stresst Gefangene wie Beamte. Neue Gefängnisse sind anders konzipiert.
Nicht nur wegen des überalterten Gebäudes kommt es in der U-Haft, wie in allen anderen Gefängnissen auch, zu gewalttätigen Übergriffen. Meist unter den Gefangenen, aber auch gegen Bedienstete. 2012 wurden berlinweit 17 Vollzugsbeamte angegriffen, elf davon in Moabit, im Jahr davor waren es zwölf Angriffe. In solchen Fällen wird Alarm ausgelöst und alle Gefangenen müssen in ihre Hafträume. Die Beamten sind geschult darin, kühlen Kopf zu bewahren. „Man darf nicht alles persönlich nehmen“, sagt David L.





