Blitzeis hat am Montag Berlin in eine gefährliche Rutschbahn verwandelt. Über Stunden stürzten Fußgänger und Radfahrer auf spiegelglatten Straßen und Wegen, Autos krachten ineinander. Es habe so viele Notrufe an einem Tag wie seit Jahren nicht mehr gegeben, sagte ein Feuerwehrsprecher. Beim Rettungsdienst der Feuerwehr wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Das Wetter überforderte die Einsatzkräfte. Gestürzte Menschen wurden nach Angaben des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB) sogar mit Löschfahrzeugen gebracht, weil es nicht mehr genügend Rettungswagen gegeben habe.

Grund für das Chaos war offenbar das Wetterfrühwarnsystem. Obwohl seit Tagen eine Kaltfront aus dem Osten angekündigt war, gab es am frühen Montagmorgen noch immer keine Glatteiswarnung. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Feuerwehr bereits den Ausnahmezustand in der spiegelglatten Stadt verhängt. Die Stadt Berlin gab aber erst am späten Montagvormittag mit deutlicher Verspätung über den offiziellen Katastrophen-Warndienst „Katwarn“ eine Mitteilung raus: „Stadt Berlin meldet: Warnung. Extremwetterlage, gültig ab sofort. Zu Hause bleiben.“

Am späten Sonntagnachmittag hatte der Lagedienst der Berliner Feuerwehr noch keine Glatteiswarnung für Montag erhalten. Der Deutsche Wetterdienst hatte am späten Sonntagabend dann aber eine solche Warnung herausgegeben.

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Bis zum Nachmittag wurden 1600 Notfalleinsätze gefahren, wie ein Feuerwehrsprecher sagte. Das sei ein Höchstwert. „Wir arbeiten im Maximum. Teilweise wurden pro Minute drei Einsätze disponiert.“ Weil die Rettungswagen nicht reichten, fuhren auch Löschfahrzeuge zu Verletzten. Bei den meisten Notrufen ging es um Fußgänger, die auf Gehwegen stürzten. Betroffen waren vor allem ältere Menschen.

Zusätzliche Kräfte von Freiwilligen Feuerwehren wurden alarmiert. Hilfsorganisationen stellten zwölf Rettungswagen bereit. Trotzdem kam Hilfe oft erst verspätet an. Notrufende mussten laut Feuerwehr öfter mehrere Minuten unter 112 warten, bis ihr Notruf entgegengenommen werden konnte. Erschwerend sei hinzugekommen, dass das Computersystem der Leitstelle überlastet war. Es habe technische Probleme gegeben, die zuvor noch nie aufgetaucht waren, sagte der Sprecher. Kollegen mussten vorübergehend zu Stift und Papier greifen.

Krankenhäuser überfüllt

Im UKB sowie in den Rettungsstellen der Charité wurden deutlich mehr Patienten behandelt als sonst. „Das Haus ist voll“, sagte UKB-Sprecherin Angela Kijewski. „Die Verletzten haben sich die Hände gebrochen oder die Becken, es kommen Leute mit Kopf-Platz-Wunden und Prellungen hierher. Bis zum frühen Abend wurden dort rund 90 Menschen nach Stürzen oder Unfällen eingeliefert. Auch Platzwunden am Kopf, Sprunggelenksverletzungen, Bänderdehnungen und andere Brüche wurden verarztet. Die Charité meldete allein bis zum frühen Abend 200 Blitzeis-Betroffene, die verletzt in den Rettungsstellen ankamen. „Überdurchschnittlich viele Patienten erlitten Brüche, Prellungen und Stauchungen“, so der Pressesprecher der Charité Uwe Dolderer.

Ausfälle im Busverkehr

Bei der Polizei hieß es, etliche Autofahrer hätten sich nicht genügend auf gefrierenden Regen eingestellt. Allein zwischen 10 und 11 Uhr kam es zu 295 Karambolagen. Am Nachmittag waren die Unfallzahlen auf 1045 gestiegen. Die Zahl der Verletzten durch Autounfälle war zunächst noch unklar. In Straßenbahnen, U-Bahnen und Bussen riefen die Fahrer Passagiere auf, beim Aussteigen vorsichtig zu sein.

Besonders hart hat das Blitzeis die Bewohner vieler Randberliner Gemeinden getroffen. Die kalten Luftmassen waren in der Nacht aus dem Nordosten in die Stadt hereingezogen, daher waren die Böden in den Orten am Stadtrand durchgängig überfroren. Kurz nach 8 Uhr setzte ein feiner Nieselregen ein, sofort waren Straßen und Gehwegen mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Weil der Winterdienst sich zunächst auf die Bundesstraßen konzentrierte, waren die meisten Nebenstraßen spiegelglatt. Autos und auch die Busse kamen oft nur im Schritttempo voran, Verspätungen und Ausfälle im Linienverkehr waren die Folge.

Wegen eines Kurzschlusses hatte die BVG den Zugverkehr der Linie U1 aber 11.25 Uhr zwischen den Bahnhöfen Kottbusser Tor und Warschauer Straße eingestellt, ab 12.30 fuhren die Züge nur bis Schlesisches Tor. Laut einem BVG-Sprecher sei es schwierig gewesen, die Ursache für den Kurschluss – ein schadhaftes Kabel - zu finden. Am frühen Abend fuhr die U1 wieder.

Ein Sprecher der Berliner Stadtreinigung sagte: „Wir bleiben konsequent im Einsatz.“ Rund um die Uhr seien 2100 Mitarbeiter mit 480 Fahrzeugen unterwegs, um Straßen passierbar zu machen. Immerhin warnt der Deutsche Wetterdienst auch für den Dienstag vor gefrierendem Regen und Schneefall. Bei Temperaturen im Frostbereich muss gebietsweise erneut mit gefährlicher Glätte gerechnet werden.

Wege selbst um die Mittagszeit nicht gestreut

Für viele Berliner wurde der Gang vor die Haustür zur gefährlichen Rutschpartie. Die Gehwege waren spiegelglatt. Viele Passanten beklagten, dass am Morgen an kaum einer Ecke Berlins gestreut wurde - selbst um die Mittagszeit waren die Wege noch glatt. Nach § 3 des Berliner Straßenreinigungsgesetzes müssen Immobilienbesitzer bei Schnee- und Eisglätte die Gehwege vor ihren Häusern „unverzüglich mit abstumpfenden Mitteln bestreuen“. Auch Gabriele Mittag, Sprecherin der Gewobag, weiß vom Sturz einer Mieterin in einer Anlage der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. „Sonst ist uns nichts zu Ohren gekommen, dass unser Winterdienst irgendwo versagt hätte“, so die Sprecherin.

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Die Berliner Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land, die rund 40.000 Wohnungen unter anderem in Hellersdorf, Treptow-Köpenick und Neukölln betreut, ist mit den von ihr beauftragten Winterdiensten zufrieden. Rund eine Stunde nach Beginn des Glatteisregens seien die Firmen im Einsatz gewesen. „Schneller ist das kaum machbar“, sagte Sprecherin Anja Liebramm. „Die Firmen können nicht überall zugleich sein“, sagte Anja Liebramm. Am schlimmsten sei die Situation in Hellersdorf gewesen. Noch am frühen Nachmittag hätten Hausmeister und Sicherheitsfirmen Kontrollgänge gemacht.

Die meisten Winterdienste arbeiten mit Saison- und Aushilfskräften. Bei unvorhergesehenem Blitzeis kann es so einige Zeit dauern, bis die Räumdienste angerückt sind. Ein bis zwei Stunden rechnet beispielsweise der „Winterdienst-Best“ aus Wilmersdorf, bis die Mitarbeiter an Ort und Stelle sind. Oft würden bei einem plötzlichen Wintereinbruch aber auch die Fahrzeuge der Räumdienste mit den anderen Verkehrsteilnehmern im Stau stehen, sagte Kundenbetreuer Horst Schulze. Das Problem am Montag sei gewesen, dass das Blitzeis nur punktuell im Stadtgebiet aufgetaucht sei, so Schulze. Eine offizielle Warnung vom Wetterdienst sei sogar erst um 11 Uhr bei der Firma eingegangen. Den ganzen Tag seien die Raumtrupps nun unterwegs, um in ihren jeweiligen Revieren den Zustand der Gehwege zu kontrollieren und nötigenfalls zu streuen, sagte Schulze.

Weitere Warnungen für die Nacht

Auch in für die Nacht und am Dienstag soll es ungemütlich und glatt bleiben. Der Deutsche Wetterdienst hat seine Warnungen vor Glätte für die Hauptstadtregion bis Mitternacht verlängert, für Berlin gilt allerdings die niedrigere Warnstufestufe 2. Die verlängerte Unwetterwarnung betrifft weite Teile Brandenburgs: die Kreise Dahme-Spreewald, Elbe-Elster, Havelland, Oberspreewald-Lausitz, Ostprignitz-Ruppin, Potsdam-Mittelmark, Prignitz, Teltow-Fläming sowie die Städte Potsdam und Brandenburg. Die Meteorologen rieten, Autofahrten zu vermeiden und zu Hause zu bleiben. Am Dienstagmorgen soll der Nieselregen im Nordosten Deutschlands in Schnee übergehen.