Brandenburg

Potsdams Parlament hat Deutschlands modernsten Landtag

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Thomas Vitzthum

Brandenburg wagt den Neustart: Das Parlament zieht in ein Schloss im Herzen Potsdams. Ändert die Architektur der Preußen die Politik? Oder dominiert die Banalität, wie in vielen deutschen Parlamenten?

„Neuer Landtag. Wache!“: Als Erste haben die vormaligen Pförtner verinnerlicht, dass nicht alles bleiben konnte, wie es war. Ohne einen Anflug von Ironie melden sich die Angestellten am Eingang zum neuen Landtag auf dem Alten Markt, als wäre nicht die Demokratie, sondern die Monarchie hier zu Hause. Die leistete sich Wachen. Die Demokraten verlassen sich auf eine „Security“. „Wache“ klingt natürlich besser, wenn man ein Schloss hütet.

Im Januar startete der Parlamentsbetrieb im modernsten Landtag Deutschlands. Die Moderne offenbart sich aber erst im Inneren, hinter der Wache. Dort dominieren aseptisches Weiß, niedrige Decken, monochromes Licht, glatte Kunststofftüren, Schlösser, die nicht Schlüssel, sondern Chips öffnen. Äußerlich orientiert sich der Bau am Potsdamer Stadtschloss.

„Landtag“ statt „Schloss“

Eine Spende erlaubte die Rekonstruktion der historischen Fassade. Sogar das preußische Wappen wurde am Mittelbau rekonstruiert. Verbaut wurden auch 307 Teile des alten Stadtschlosses, das Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff unter Friedrich dem Großen in eine Form brachte, die bis zum Abriss 1960 die Stadtmitte definierte.

Wie wird das 100 Millionen Euro teure Schloss Brandenburg verändern? „Ich finde, die Bezeichnung Stadtschloss oder Landtag im Schloss sollte langsam nicht mehr benutzt werden. Das hier ist der brandenburgische Landtag. Auch mit dem Wort Landtagsschloss kann ich leben, aber das ist nicht das Stadtschloss“, sagt Gunter Fritsch (SPD), Präsident des Landtags.

Der SPD-Politiker hat im Dezember sein Büro bezogen. Die Wände sind kahl. Einen Nagel darf er nicht einschlagen. Das erlaubt der Architekt Peter Kulka nicht, der auch für den Innenausbau, für Möbel, Farben, Details verantwortlich ist. Hinter dem Schreibtisch steht ein Wappen auf dem Boden. Der brandenburgische Adler. Ein Mitbringsel aus dem alten Landtag. Er wird im neuen Plenarsaal nicht mehr fliegen. Dort hängt ein Adler in Weiß – auf weißer Wand. Kunst. Sein Wunsch nach einem neuen Namen macht den Potsdamern klar, dass sie ihr Schloss wiederbekommen, es aber ein zweites Mal verlieren. Eine ähnliche Debatte gab es über den Reichstag in Berlin, nachdem aus ihm der Bundestag geworden war. Die Reiche sind schließlich untergegangen. Bundestag im Reichstagsgebäude lautet die Sprachregelung – an die sich nur Pedanten halten.

Geschichtsverdrossen oder geschichtsbewusst?

„Reichstag/Bundestag“ – so sagt es dagegen die Stimme in der Buslinie 100, aus dem Touristen vor den Bau stolpern. Die Bürger haben sich um die bedeutungsschwangeren, geschichtssatten Debatten nicht gekümmert. Sind sie also geschichtsvergessen? Eher im Gegenteil. Wahrscheinlich hatte die Debatte mit dem aufgeklärten Verhältnis der Bürger zu Geschichte und Geschichten einfach nichts mehr zu tun.

Es ist schon ein Phänomen, dass man den Deutschen ein hohes Geschichtsbewusstsein nachsagt, gerade wenn es um die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem die Jahre zwischen 1933 und 1945 geht. Spricht man dagegen über die Rekonstruktion von Gebäuden, die damals verloren gingen, wirkt es, als genügte ein Nachbau aus Stein und Beton, um Faschismus, Militarismus und Antisemitismus auferstehen zu lassen. Ein älteres Ehepaar betritt das Treppenhaus des neuen Landtags. Es hallt, jedes laute Wort verbietet sich. Am Übergang zwischen den barocken Fassaden und dem nüchternen Verwaltungsbau hat der Architekt das Treppenhaus von Knobelsdorff in seinen Maßen wiederhergestellt. In den Ecken hängen die vier Atlanten, die einmal die Kuppel trugen.

Heute wären sie dazu schwerlich in der Lage. Ihnen fehlt teilweise der Kopf, die Arme. Es sind ebenfalls Fragmente des Vorgängerbaus. „Das ist doch Quatsch, dass mit so einem Bau plötzlich wieder der preußische Militarismus aufleben soll. Preußen war mehr als Militär. Wer so was sagt, hat doch keine Ahnung von Geschichte“, sagt der gebürtige Berliner, der mit seiner Frau vor neun Jahren hierhergezogen ist. „Es ist einfach schön.“

„Entscheidend ist, was drinsteckt“

Nein, mehr als die Freude am Dekor früherer Epochen empfänden die Menschen nicht, wenn sie sich sehnsüchtig an die Bauten aus der Preußenzeit erinnern, meint Fritsch. „Jedenfalls habe ich stets Beifall dafür bekommen, dass wir nun nicht mit der Eröffnung im Januar die Monarchie wieder einführen wollen“, witzelt er.

Fritsch will die unverkrampfte Sicht vieler Bürger auf den Bau in eigener Person verkörpern. „Ich freue mich jedenfalls, dass aus dem Schlosser nun ein Schlossherr wird, wer hätte das gedacht.“ Fritsch hatte als junger Mann Kfz-Schlosser gelernt.

Dass sich die Politik mit dem neuen Gebäude spürbar ändert, erwartet Fritzsche nicht. Entscheidend sei doch, was drinstecke und nicht, was der sehe, der reingehe. Dafür stehe auch die Geschichte des alten Landtags. Den alten Landtag auf dem Brauhausberg, den nannten die Parlamentarier und Angestellten ihren „Kreml“. Dieses Gebäude hat wirklich einiges erlebt. Erst war es königlich-preußische Kriegsschule, dann Reichs- und Heeresarchiv, kurzzeitig Finanzministerium, später wurde es von der Bezirksleitung der SED genutzt. Am Turm kann man die Umrisse des Parteiabzeichens noch erkennen. Denkmalpfleger sollen gewarnt haben, es abzukratzen, da sonst ein Hakenkreuz zum Vorschein käme.

Nach 1990 übernahm der Landtag es als Provisorium. Es zog, müffelte, es war eng, Leitungen lagen auf Putz. Wie es nun genutzt wird, ist unklar. Aber 23 Jahre demokratischer Geschichte haben es im Bewusstsein vieler vom historischen Ballast befreit. Nun könnte daraus auch ein Hotel werden, glauben manche. Ist die Demokratie wirklich nur die Politur für ein ramponiertes Stadtmöbel? „Ich freue mich, dass das Gebäude eine solche Karriere gemacht hat, wenn ein Mensch sich so entwickeln könnte, dann würde man ihm Respekt zollen“, sagt Fritsch.

Brandenburg braucht Nachhilfe im Repräsentieren

Offenbar ist der alte Landtag also mehr als bloß ein Gebäude, warum sollte dann ausgerechnet der neue nur Dekor sein? Obwohl der alte Fritz ihn sogar problemlos – von außen – als sein Stadtschloss wiedererkennen würde? Überraschenderweise hat sich auch Fritsch eine demokratische Umdeutung des Baus zurechtgelegt, als handelte es sich noch um das originale Preußenschloss.

Der Kaiser sei ja 1918 abgehauen und in der Weimarer Republik hätten dann hier die Potsdamer Stadtverordneten getagt. „Nun zieht der Landtag ein, eine Aufwärtskarriere von der kommunalen Ebene auf die Landesebene.“

In Brandenburg muss man nun nur noch eines lernen: Repräsentieren. Das war im alten Gebäude einfach nicht möglich. „Wir mussten uns wirklich manchmal schämen, wenn wir Gäste hatten“, sagt Gunter Fritsch. „Aber mir sind gute Arbeitsbedingungen wichtiger als Repräsentanz.“ So sehr sich die Parlamentarier im Inneren wie in einem normalen Bürogebäude mit rund 400 Büros fühlen mögen, wie bei einem Menschen wird der äußere Eindruck vieles überlagern.

Kleider machen Leute. Fassaden machen Gebäude. Das Schloss dominiert den Alten Markt. Wer hier ein und aus geht, dem folgen die Augen vieler Touristen und Bürger. Weil der Alte Markt weiter rekonstruiert wird, wird das Gewusel zunehmen. Wer sich, ob nun Politiker oder Bürger, dann nicht aufrichtet, wenn er durch das Fortunaportal in den weiten Landtagshof schreitet, dem ist nicht zu helfen. Nur Strammstehen vor der Wache ist nun wirklich Geschichte.