Bildung

Schulschwänzer - Expertin hilft Berliner Akademikerfamilien

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Annette Kuhn

Foto: Massimo Rodari

Wenn Jugendliche nicht mehr zur Schule gehen wollen und Eltern nicht mehr weiterwissen, hilft Claudia Dimitriu. Die Sozialpädagogin begleitet Familien, von denen man es zunächst nicht vermuten würde.

Sie hat ihn mit einem Kuss geweckt, er blieb liegen. Sie hat ihn wachgerüttelt, er blieb liegen. Sie hat angeschrien, er blieb liegen. Die Mutter gab auf, er blieb liegen. Ihr Sohn stand einfach nicht auf, wollte nicht mehr zur Schule gehen. Die Eltern waren verzweifelt, „was haben wir nur falsch gemacht“, fragten sie sich. Sie redeten auf den Sohn ein, „du musst zur Schule“, aber er wollte nicht. Die Mutter hat dann von Claudia Dimitriu gehört.

Schulverweigerung kann überall passieren

„Sozialarbeit Direkt“ heißt die Dienstleistung, die Claudia Dimitriu anbietet. Sie ist Sozialpädagogin und arbeitet seit knapp vier Jahren mit Schulschwänzern. Nicht mit Kindern, in deren Familien Bildung eine geringe Rolle spielt, sondern mit Kindern von Akademikern aus Wilmersdorf, Zehlendorf oder Charlottenburg. Oft sind es stille Kinder, mit guten Noten, keine Sitzenbleiber, keine Rüpel. Sie wird zu Schulschwänzern gerufen, bei denen man es nicht gedacht hätte. Aber dass nur Schüler aus bildungsfernen Familien aus Wedding oder Neukölln sich der Schule verweigern, ist ohnehin ein Klischee. „Das kann überall passieren“, sagt Claudia Dimitriu.

Im ersten Halbjahr des Schuljahres 2012/2013 hatten die 106.016 Berliner Siebt- bis Zehntklässler insgesamt 732.619 Fehltage, 150.736 davon waren unentschuldigt. Fast jeder fünfte Schüler blieb dem Unterricht also ohne schriftliche Entschuldigung fern. Die höchste Quote gab es in Mitte und Neukölln. An Integrierten Sekundarschulen wurde fast doppelt so oft unentschuldigt gefehlt wie am Gymnasium.

Wenn Claudia Dimitriu um Hilfe gebeten wird, dann vereinbart sie zunächst ein Gespräch mit den Eltern und dem Kind. Dabei tritt sie vor allem als Mediatorin auf, weil sich oft schon eine ungeheure Spannung zwischen beiden Seiten aufgebaut hat. Manchmal kommt sie noch am selben oder am nächsten Tag in die Familie, denn wenn das Kind erst seit Kurzem die Schule schwänzt, sei es wichtig, schnell zu reagieren, damit sich das Problem nicht auswachse.

Depressive Phasen in der Pubertät

Schulschwänzer haben oft das Gefühl, dass alle gegen sie sind: die Eltern, die Lehrer, die anderen Schüler. „Sie sitzen oft in einem Kokon, aus dem sie allein nicht mehr herausfinden.“ Da muss die Sozialpädagogin erst einmal Vertrauen aufbauen und feststellen, was tatsächlich hinter der Schulverweigerung steckt: Mobbing, Leistungsdruck, Ängste, Depression. „Depressive Phasen können in der Pubertät ja durchaus vorkommen, die lassen sich aber oft überwinden.“

Wenn die Schulverweigerungsphase erst kurz dauert, entwirft die 42-Jährige zusammen mit den Jugendlichen einen Handlungsplan, der auch gleich umgesetzt wird. So vereinbart sie etwa Maßnahmen für eine Woche, damit es dem Jugendlichen gelingt, abends rechtzeitig ins Bett zu kommen, und morgens wieder heraus, um in die Schule zu gehen. Vielleicht müssen die Eltern das Kind einige Tage zur Schule begleiten oder auch mal vorzeitig abholen. Dass sei immer noch besser, als gar nicht zu gehen.

Vielleicht gibt es auch konkrete Probleme in der Schule, mit anderen Schülern, die sich lösen lassen. Hilft das alles nichts, muss sich die Familie ärztliche Hilfe holen. Die Hände in den Schoß legen und abwarten, das lässt sie nicht zu, „das hilft den Jugendlichen nicht weiter“. Dimitriu versucht, sie aus ihrer Passivität herauszuholen und sie zur Eigenverantwortung zu erziehen.

Manche Jugendliche haben nur noch den Computer

Besonders bei Jugendlichen, die sich schon länger der Schule verweigert haben, ist der Weg zurück meist mühsam. „In der Regel dauert es mindestens doppelt so lange, wie die Phase vorher, daher ist es erst einmal nötig, Druck herauszunehmen.“ Der Weg zurück ist da nicht unbedingt zurück in die alte Schule.

Für Schüler, die wochenlang geschwänzt haben, sei der Bruch oft nicht mehr zu überwinden und ein Neuanfang besser. „Sie sind isoliert, haben keine Freunde mehr, treiben keinen Sport, haben ihre Hobbys aufgegeben, manche haben nur noch den Computer.“ Dimitriu hält es in dieser Situation aber für eher gut, wenn Jugendliche noch Kontakte in sozialen Netzwerken pflegen.

Bei langen Phasen von Schulverweigerung muss sie oft mit kleinen Aufgaben beginnen: einmal am Tag rausgehen, einkaufen, Sport. Erst dann beginnt sie, nach schulischen Alternativen zu suchen. Das Ziel ist klar: Einen schulischen Abschluss sollten die Schulverweigerer auf jeden Fall machen, auch wenn es vielleicht nicht mehr das Abitur ist und wenn es länger dauert. Für die Eltern ist das nur schwer zu ertragen. Für manche Eltern ist schon der Anruf bei Claudia Dimitriu eine Überwindung. Bisher haben sie ihre Familie allein gemanagt, ohne Hilfe von außen. Erziehungsberatung bedeutet für sie Versagen.

Zum Unterricht mit der Polizei

Nicht nur Eltern, auch Lehrer stehen Schwänzern oft hilflos gegenüber, insbesondere dann, wenn der Schüler vorher nie auffällig geworden ist. Oft dauert es auch, bis das Fehlen in der Schule als Schwänzen erkannt wird. Zwar sind die Schulen verpflichtet, die Erziehungsberechtigten schon am ersten Tag zu informieren, wenn ein Schüler unentschuldigt nicht zum Unterricht erscheint, aber oft haben die Eltern dann einfach vergessen, ihr Kind rechtzeitig abzumelden, oder die Schule erreicht niemanden. Nach zehn unentschuldigten Fehltagen wird eine Schulversäumnisanzeige beim Schulamt gestellt. Und dort reagiert man von Bezirk zu Bezirk sehr unterschiedlich. Manche setzen auf Dialog, andere leiten Bußgeldverfahren ein.

Aber solche Aktionen verpuffen in ihrer Wirkung, glaubt Claudia Dimitriu, und würden den Widerstand der Schüler nicht mindern, weil sie den Ursachen nicht auf den Grund gingen. Eine individuelle Begleitung, wie sie Claudia Dimitriu anbietet, kostet 30 Euro pro Stunde, bei langen Anfahrtswegen werden auch die in Rechnung gestellt. In der Anfangszeit trifft sie sich manchmal täglich mit den Jugendlichen, später reduziert sie die Termine, bis sie vielleicht nur noch in einer akuten Situation hinzugezogen wird. Manchmal kann sich die Begleitung aber auch über Jahre hinziehen. Das können sich viele Familien gar nicht leisten.