Prozessauftakt

Wucherpreise - Betrügerischer Taxifahrer verweigert Aussage

Talip M. soll Kunden betrogen haben. Für eine Fahrt von Tegel nach Tempelhof nahm er 400 Euro. Gern dachte er sich auch angebliche „Zuschläge“ aus - oder bediente sich aus der Geldbörse seiner Kunden.

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Die 83-jährige Hella R. war die Strecke vom Flughafen Tegel zu ihrer Wohnung in Charlottenburg schon oft gefahren. Sie kannte auch den Taxipreis: „20 Euro waren es sonst immer“, sagte sie vor Gericht. Umso größer war ihr Erstaunen, als ein Taxifahrer am 23. Mai 2012 plötzlich 36 Euro verlangte. „Ich versuchte, das zu klären“, sagte sie, aber der Mann habe sie angebrüllt und einfach in ihre geöffnete Geldbörse gegriffen. Als sie die in ihrer Wohnung noch einmal kontrollierte, fehlten – inklusive der stark überhöhten Fahrkosten – 180 Euro.

Touristen als Zeugen

Es ist einer von 28 Fällen, die von der Staatsanwaltschaft im Anklagesatz aufgelistet wurden. Der 49-jährige Talip M., der das Taxi gefahren haben soll, steht nun wegen gewerbsmäßigen Betruges vor einem erweiterten Moabiter Schöffengericht. Er lässt gleich zu Beginn des Prozesses von seinem Verteidiger verkünden, dass er sich zu den Vorwürfen nicht äußern wird. Was aber nicht bedeuten muss, dass er sich unschuldig fühlt. Unmittelbar vor Prozessbeginn bot Talip M.s Verteidiger ein umfassendes Geständnis an und forderte im Gegenzug eine Bewährungsstrafe. Darauf ging der Staatsanwalt jedoch nicht ein.

So werden nun viele Zeugen erscheinen müssen. Berliner, aber auch Reisende aus anderen Bundesländern oder sogar aus Spanien, Frankreich, Belgien, Finnland und der Schweiz. Einem Berlin-Besucher aus Mexiko wurde die weite Anreise für die Zeugenaussage erspart. Seine Aussage liegt aber protokolliert vor. Er sollte für eine Fahrt vom Flughafen Tegel zu seinem Hotel in der Tempelhofer Luise-Henriette-Straße 269 Euro zahlen. Durch Tricksereien – mehrere Zeugen attestieren Talip M. dabei das Geschick eines Taschendiebes – sollen es am Ende sogar 400 Euro geworden sein. Als der Gast aus Mexiko eine Quittung forderte, bekam er von dem Taxifahrer einen Beleg – über 2,96 Euro.

„Sonntagabendzuschlag“ verlangt

In anderen Fällen soll der Angeklagte während der Fahrt behauptet haben, dass sich die Preise wegen eines Streiks der Berliner Taxifahrer leider erhöht hätten. Andere Fahrgäste mussten den Ermittlungen zufolge auch mal einen satten „Notdienstzuschlag“ oder einen „Sonntagabendzuschlag“ zahlen.

Roland Bahr, 2. Vorsitzender der Berliner Taxi-Innung, sieht auch in diesen 28 angeklagten Fällen „nur die Spitze des Eisberges“. Viele Betrugsopfer wollen den Weg zur Polizei vermeiden. „Es sind ja oft Leute, die gar kein Deutsch können“, so Bahr. Und Talip M. sei ja keineswegs der einzige Kriminelle, der den Ruf der Berliner Taxifahrer beschädige. „Das ist nicht nur schlimm für uns, das ist auch für die Touristenmetropole Berlin eine Katastrophe“, sagte Bahr.

So sieht es auch die Ärztin Petra H. aus Ingelheim (Rheinland-Pfalz), die am 8. März 2012 zu einem Kongress nach Berlin kam. Talip M. hatte sie – wie er es offenbar meist tat – am Ausgang des Flughafengebäudes regelrecht abgefangen. Zum Nachteil der anderen Taxifahrer, die sich an den Warteplätzen einreihen und zumeist eine lange Wartezeit in Kauf nehmen müssen. Petra H. wollte zu einem Hotel an der Charlottenburger Bleibtreustraße. Es sei eine angenehme Fahrt gewesen, sagte die 60-Jährige vor Gericht. Sie habe mit Talip M., den sie im Gerichtssaal auch sofort erkannte, nett geplaudert. Als sie ankamen, zeigte das Taxameter 68,40 Euro – weitaus mehr, als sie erwartet hatte. Aber damit waren die Betrügereien noch nicht beendet. „Ich gab ihm 70 Euro, drei Zwanziger und einen Zehner“, erinnerte sich die Ärztin. „Aber er behauptete, ich hätte ihm statt eines Zwanzigers einen Fünfer gegeben.“ Sie kramte in ihrem Portemonnaie, er wollte scheinbar helfen, es wurde Geld ausgetauscht.

Daumenabdruck auf der Quittung

Wenig später, Talip M. war schon losgefahren, stellte sie fest, dass sie von ursprünglich 120 Euro nur noch zehn Euro besaß. Als sie dann auch noch an der Rezeption des Hotels ein Schild sah, auf dem Taxifahrten zum Flughafen Tegel für einen Pauschalpreis von 18 Euro angeboten wurden, ging sie zur Polizei – mit einer Quittung, auf der Talip M., inklusive drei Euro Trinkgeld, 70 Euro vermerkt hatte. Ermittler fanden darauf den Abdruck eines Daumens, der eindeutig Talip M. zugeordnet werden konnte.

So können sich Kunden vor betrügerischen Taxifahrern schützen

Die Berliner Taxivereinigung (BTV) hat sich entsetzt über die mutmaßlichen Wucherfahrten eines ihrer Kollegen gezeigt. „Das ist wirklich schlimm“, sagte der Vorsitzende Richard Leipold am Donnerstag. Schwarze Schafe unter den rund 15.000 Taxifahrern in der Hauptstadt gebe es leider immer wieder.

Kunden, die sich betrogen fühlen, rät Leipold: „Konzessionsnummer notieren, Autokennzeichen aufschreiben.“ Damit könne der geprellte Fahrgast zum Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten gehen. „Wird dem Fahrer der Betrug nachgewiesen, droht ihm der Verlust seiner Konzession.“ Der Kunde bekomme sein Geld zurück.

Wenn Taxifahrer Kunden ausnutzen

Teure Umwege, falsches Wechselgeld, im Extremfall sogar Raub – in einigen Fällen gingen Taxifahrer alles andere als ehrlich und respektvoll mit ihren Fahrgästen um. Ein paar Beispiele:

Als sein Fahrgast schläft, nutzt ein Taxifahrer aus Bamberg im Februar 2012 die Gelegenheit für Umwege. Am Ende werden für eine ursprünglich rund 20 Kilometer lange Fahrt 120 Euro fällig, die der Mann aber nicht zahlen will. Er droht mit der Polizei. Der Taxifahrer verfolgt ihn mit einem Elektroschocker.

In Berlin gibt ein Taxifahrer gefälschte Scheine als Wechselgeld heraus. Im März 2013 alarmieren Kunden die Polizei – der Taxifahrer räumt nach seiner Festnahme weitere Taten ein. Am Tatort entdecken Polizeibeamte unter einem geparkten Auto eine Brieftasche mit mehreren unechten 5- bis 100-Euro-Scheinen.

Unterschiedliche Preise für gleiche Strecken in Berlin

Ein Taxifahrer raubt im Oktober 2012 in Köln die Handtasche einer Kundin. Der Mann hatte die 22-Jährige zuvor zu einem Geldautomaten gefahren, weil sie nicht genug Bares bei sich trug. Ein Bekannter des Opfers notiert sich das Autokennzeichen, Polizisten stellen den Fahrer.

Pur-Sänger Hartmut Engler berichtet im Mai 2013 in einer Zeitung über eine Begegnung mit Taxifahrern in Berlin. Für die Hin- und Rückfahrt zwischen Hotel und Restaurant habe er unterschiedlich hohe Preise gezahlt. Er sei in Berlin „noch immer völlig orientierungslos“ – das habe einer der Fahrer ausgenutzt.