Düsenjets ziehen über Pankow. Einer durchquert die Spur des anderen, ein Muster entsteht. „Schau mal“, sagt Bernd Michael Lade zu seiner Frau. „Die Kreuze da.“ Maria Lade blickt hoch, in die Richtung, in die ihr Mann zeigt. Passanten bleiben stehen und schauen auch nach oben. Die Lades sind nicht die einzigen, die sich an den chemischen Streifen stören. Der Himmel ist blau und wäre es auch geblieben, wenn die Flieger nicht wären. Stattdessen breitet sich jetzt langsam eine dunstige Decke aus.
Manche Paare leuchten einem sofort ein. Die strahlen eine Harmonie aus, ein Zusammenspiel, dass man auf den ersten Blick sieht, die gehören zueinander. Maria Lade, die als Künstlerin ihren Mädchennamen Simon behalten hat, und ihr Mann, der Regisseur und Schauspieler Bernd Michael Lade, sind so ein Paar. Sie sind im Gleichklang.
Es ist eine Viertelstunde hin bis zum Interviewtermin, das Treffen war ganz zufällig. „Ich begleite eben noch meinen Mann nach Hause, wir haben ja noch Zeit“, sagt Maria Lade mit dieser rauen, warmen Stimme, die ein bisschen nach Honig und Whiskey klingt. Und dann schieben sie gemeinsam den Kinderwagen die Damerowstraße runter. Der Hund trottet fröhlich hinterher.
Die Lades sind Teil der großen Völkerwanderung nach Pankow
Harmonie? Maria Simon lacht, als sie später auf ihrem Rad vor dem Eingang des Bürgerparks Pankow ankommt. „Wir haben uns gerade noch gefetzt.“ Die Lades sind Teil der großen Völkerwanderung, die mit zunehmender Kinderzahl von Prenzlauer Berg nach Pankow gezogen sind. Und so ein Familienmorgen, der kann alles andere als das reine Familienglück sein. Vier Kinder gilt es aus dem Bett und auf den Weg zu bringen: Einmal Gesamtschule, zweimal Montessori, einmal Kita. „Ich mache mir gerade zur Aufgabe, nicht auszuflippen“, erklärt Maria Simon.
Aber ihre Jungs lebten oft sehr in ihrer eigenen Welt, profane Dinge wie Schulanfangszeiten seien ihnen da nur sehr schwer nahe zu bringen. Na ja, und Männer, die hätten eben oft andere Ideen von der Kinderziehung. Zum Beispiel die, dass man sie etwas entspannter angehen sollte. „Mein Mann hat da vollkommen recht“, sagt Maria Simon. Sie überlegt einen Moment und fügt hinzu: „Er hat auch recht.“ So eine Frau, die alles perfekt machen wolle, die entwickele ja auch eine Menge Energie. „Das kann eine Familie ordentlich durcheinander bringen.“
Es gibt Schauspieler, die trauen sich kaum eine eigene Meinung zu. Die sagen im Interview nichts von Substanz. Manche, weil sie lieber Distanz wahren, andere, weil ihnen nichts einfällt, wieder andere, weil sie nichts sagen wollen, das ihrem Image schaden könnte. Maria Simon ist das Gegenteil davon. Frage und Antwort, dieses Spiel geht mit ihr nicht, jede Frage entwickelt sich unversehens zu einem Gespräch. Man kann sie gar nicht interviewen, sich langsam an sie rantasten. Sie ist sofort mittendrin.
„Die Schwächen der Frau werden durch den Mann ausgeglichen“
So tritt sie übrigens auch als Musikerin in der Punkrock Band „Ret Marut“ auf, die ihr Mann gegründet und nach einem Anarchisten benannt hat. Bei einem Konzert vor ewigen Zeiten im Café Garbaty hat Lade sie mal angeraunzt: „Sag mal, sagst Du eigentlich auch mal einen Titel an?“ Sie kontert. „Ich habe die Kinder geboren, du quatschst.“
Dieses Konzept drückt sie beim Spaziergang etwas gewählter aus: „Die Schwächen der Frau werden durch den Mann ausgeglichen“, sagt Maria Simon, während wir durch den Bürgerpark gehen. „Ich zum Beispiel bewundere meinen Mann für sein Vorausdenken. Männer denken oft strategisch, in Schachfeldern.“ Sie hält inne, denkt über ihren eigenen Gedanken nach. Dann grinst sie. „Ich rede jetzt einfach weiter, es ist schließlich Deine Aufgabe als Autorin, das nachher alles zu ordnen.“
Männer und Frauen, das ist ein Thema, über das Maria Simon gerne redet. Nicht unbedingt nur mit feministischem Ansatz. „Die Wertschätzung für den Mann geht verloren“, sagt sie „viele Frauen sind einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt und damit, rauszufinden, was für sie selber wichtig ist.“ Das Resultat: „Es wird sich zu schnell getrennt.“ Am Ende verdienten daran vor allem die Scheidungsanwälte, alle anderen verlören. Vor allem die Kinder.
Wenn sie solche Sätze sagt, dann wirkt sie ungemein weiblich. Es passt gut zu dem leicht rotzigen Ton, den sie gern anschlägt.
Das erste Opfer des Tages ist der Fotograf
Gerade versucht sie, festgefahrene Strukturen zu lockern. „Meine Kinder bringen mich dazu, geduldig zu sein“, sagt sie. Die Auseinandersetzungen mit ihnen zeigten ihr, was bei ihr selbst falsch laufe. Sie übe jetzt, unpünktlich zu sein. „Gar nicht so leicht.“ Sie lacht. „Immerhin war ich mal Pionier.“
Das andere, was sie gerade übt, ist „Nein“ zu sagen. Das erste Opfer des Tages ist der Fotograf. Der will, dass sie sich für das Foto auf die Bank setzt. „Nee“, sagt Simon. „Da habe ich keine Lust zu. Das bin ich nicht.“ Sie berlinert den Satz. Das macht sie gern. „Fotografier mich lieber mit dem Rad.“ Sie schiebt die Gazelle vor sich. Das Modell ist „Basic“, das passt zu Maria Simon. Sie ist keine Frau für Überflüssiges.
Viele Bürger sind an diesem Morgen nicht im Bürgerpark. Nur eine Kita-Gruppe tobt sich auf einer Wiese aus. Ist eines ihrer Kinder dabei? Simon grinst. „Sind alle meine“, sagt sie. Auch wenn sie um die Ecke wohnt: In dem Park ist sie selten, der sei vor allem im Sommer einfach zu voll.
Maria Simon beobachtet gern
Maria Simon beobachtet gern. Nicht nur den Himmel über Pankow. Auch alles andere, das in der Welt passiert. Sie hat ihre eigenen Ansichten zu den Dingen, oft sind sie ungewöhnlich. „Der etwas andere TV-Star“ hat die „Bild“-Zeitung sie im Mai erst genannt. Weil sie kein Smartphone hat und weil sie sagt, dass sie auch ohne Internet überleben könne.
„Deine Mutter ist ganz schön schräg“: Das kriegt Simons Ältester, der Sohn, den sie noch als Studentin bekommen hat, manchmal von seinen Freunden zu hören, wenn sie Maria Simon kennen lernen. Im Sommer zum Beispiel, als Maria Simon mit der ganzen Familie einen Permakultur-Lehrgang gemacht hat. Danach wurde der eigene Garten entsprechend bepflanzt. „Eine Pflanze allein gedeiht nicht, man muss sie im Zusammenspiel mit den anderen pflanzen, so dass sie sich gegenseitig nutzen und eine die andere pflegt“ erklärt Maria Simon das Prinzip.
Sie will, dass auch ihre vier Kinder das lernen. „Es ist doch wichtig zu wissen, wie man sich ernährt, wie etwas wächst, was wir essen.“ Vegan oder vegetarisch, an solche starren Konzepte glaubt sie nicht. Bei den Lades kommt auch Braten auf den Tisch, aber eben nur selten. Sie sollen nicht das Gefühl dafür verlieren, dass es etwas Besonderes ist.
Ost und West, Grenzen und Ausgrenzungen
Ihre erste richtig große Rolle war 2003, in Wolfgang Beckers „Good Bye, Lenin!“. Da spielt sie die Ost-Berlinerin Ariane Kerne, die nach dem Fall der Mauer ihr Studium abbricht, in einem Drive-In Schuppen anheuert und mit einem westdeutschen Weichei in den Plattenbau zieht. Im selben Jahr kommt auch „Lichter“ von Hans-Christian Schmid ins Kino. Maria Simon ist hier die Sonja, eine Übersetzerin aus Frankfurt an der Oder, die einem jungen Ukrainer hilft, nach Berlin zu kommen. Ost und West, Grenzen und Ausgrenzungen, das sind nicht nur die Themen in den Filmen, in denen Maria Simon spielt, es ist auch Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte.
Maria Simon wurde 1976 in Leipzig geboren, ihre Mutter, Olga, stammt aus einer jüdischen Familie in Kasachstan, die Eltern haben sich beim Studium in der Sowjetunion kennen gelernt. Aus ihrem Leben in der DDR hat Simon sich auch etwas Positives bewahrt. „Das Miteinander“, sagt sie „das ist nach der Wende dramatisch verloren gegangen. Diese Idee, dass wir alle Teil eines Ganzen sind.“ Sie versucht, diese Vorstellung beizubehalten und ihren Kindern wieder in Erinnerung zu rufen. „Unsere Natur ist auf ein Miteinander eingestellt“, sagt sie.
Maria Simon ist ein politisch denkender Mensch, aber auch das auf ihre eigene Weise. Vor der Bundestagswahl im September erklärte sie, sie werde nicht wählen. Das sei doch ohnehin nur alles eine große Inszenierung, da müsse man nicht Statist spielen. „Die Welt zu verändern, das geht nur in der kleinen Zelle, in der Familie“, sagt sie beim Spaziergang durch den Park.
Maria Simon hat einen Job neben der Familie
Mitte der 80er Jahre gingen Simons Eltern nach New York. Der Vater bekam einen Job bei der UNO, Maria und ihre Schwester Susanna blieben bei den Großeltern. So sorgte die DDR-Regierung dafür, dass die Eltern auch wiederkämen. Erst nach der Wende zogen die Kinder hinterher. Familie, das ist der Kern von Maria Simons Leben. „Ich will unbedingt meine Urenkel erleben.“
Das kleine Kaffeehäuschen im Bürgerpark hat noch zu, die Lust auf Kaffee nimmt aber nicht ab. Also raus aus dem Park, um die Ecke vom imposanten Pankower Rathaus hat eine Tapas-Bar schon geöffnet. Wir setzen uns draußen auf die Stühle. Da ist die Luft frischer und die Hündin kann so ein bisschen hin- und hertapern.
Die Beobachtende, die spielt sie auch in ihrer Rolle als Olga Lenski im Polizeiruf 110 vom RBB. Als sie im Sommer 2011 die Rolle übernahm, da war sei gerade mit ihrem jüngsten Kind schwanger. Als das Kind geboren war, drehte sie weiter, sie nahm die Tochter mit zu den Dreharbeiten, als sie sie noch stillte. Manche Menschen haben eine Familie neben dem Job, Maria Simon hat einen Job neben der Familie.
Ein Kind mit Devid Striesow
Nicht immer war das so einfach. Das erste Kind bekam sie noch im Studium, an der Ernst-Busch-Schule, der Vater ist der Kommilitone Devid Striesow, der sich auch gerade als Kommissar beweisen muss – im Tatort aus dem Saarland. Als sie das zweite, und dann das dritte Kind bekam, da gab es Zeiten, in denen sie nicht arbeiten konnte. Da stand sie manchmal auf dem Amt und musste um Unterstützung kämpfen. Meist ist sie zu kurz versichert gewesen, um Arbeitslosengeld zu bekommen.
„Die Leute denken bei Schauspielerin oft automatisch, dass die ein großspuriges Leben führen“, sagt sie. Bei den wenigsten sei das aber der Fall. Und so sieht sie ihre Rolle beim „Polizeiruf 110“ auch nicht nur als einen Karriereschritt, sondern auch ganz einfach als einen Job, der hilft, die Miete zu zahlen.
2010 fragte die Leipziger Volkszeitung sie, wie sie ihre Rollen auswähle. „Ich bin Mutter von drei Kindern. Rollen, die mir angeboten werden, nehme ich in der Regel auch an. Etwas anderes kann ich mir nicht leisten.“ Sie verbringe genau so viel Zeit damit, auf Rolle zu warten, wie Rollen zu spielen. Sie wählt Jobs nicht strategisch, und so spielt sie auch nicht. Sie ist geradeheraus.
Zeit mit den Kindern und dem Mann verbringen
Der Einsatz von Olga Lenski, der am Sonntag ausgestrahlt wird, hat wieder etwas mit dem Osten zu tun. Ein Mann kehrt in sein Heimatdorf zurück, weil es das Wolfsrudel, das er begleitet, dort hinzieht. Man glaubt zuerst, er sei ein Fremder, dann stellt man fest, dass er nur ausgegrenzt wird. Maria Simon hat die Wende selbst erlebt, auch die Zeit danach, in der die Geschichten von Verrat wieder hochkamen und Geheimnisse, die der eiserne Vorhang verhüllt hatte. Wie erzählt sie ihren Kindern davon?
„Man muss die Kinder kommen lassen. Sie fragen von selber nach, und dann erzähle ich es ihnen. Oft spreche ich darüber, was ich selbst erlebt habe in ihrem Alter. Ich war im Internat, als die Mauer fiel, das erzähle ich ihnen“, sagt sie. „Es ist gar nicht immer wichtig, die große Weltgeschichte zu vermitteln. Sie lernen eher durchs persönliche Erleben.“ Eine Wahrheit gebe es ohnehin nicht, immer nur Interpretationen der Geschichte. Gibt sie ihren Kindern weiter, was sie von ihren eigenen Eltern gelernt hat? Sie lacht. „Manches schon. Aber in der DDR, da gehörten die Kinder doch ohnehin zur Hälfte dem Staat.“
Ihr sei es besonders wichtig, Zeit mit den Kindern und ihrem Mann zu verbringen. Deswegen müsse sie übrigens jetzt gleich auch los. Sie hat Bandprobe. Mit dem Weltverbesserer-Rock. „Da haben wir jetzt gar nicht drüber gesprochen“, sagt Maria Simon. Na ja, beim nächsten Mal hoffentlich.




