Zeitungsgeschichte

Seit 115 Jahren eine Berliner Morgenpost für alle Berliner

Die Berliner Morgenpost ist an den Kudamm gezogen. Als Zeitung „neuen Typs“ begann sie 1898, schickte als erste Zeitung Reporter vor Ort, hörte auf die Leser. Was bis heute bleibt, ist ein Versprechen.

Foto: ullstein bild / ullstein bild - ullstein bild

„Vor allem soll die Morgenpost ein echt Berliner Blatt sein. In Wort und Bild will sie ihr Berlin schildern, Berlin wie es fühlt und denkt, wie es wacht und träumt, wie es leidet und liebt, Berlin, wie es wirklich ist.“ Das ist Auftrag an seine Journalisten und Botschaft an die Berliner, die der Verleger und Gründer der Berliner Morgenpost, Leopold Ullstein, am 20. September 1898 in der ersten Ausgabe der Berliner Morgenpost formuliert. Der damals bereits 72-Jährige öffnet damit die Tür zu einem neuen Journalismus.

Bisher gab sich die Berliner Presse im Wesentlichen damit zufrieden, langweilige, meist auch noch regierungsamtliche Mitteilungen über Ereignisse in der Stadt zu vermelden. Die Berliner Morgenpost schickt erstmals eigene Reporter vor Ort, setzt gezielt das Telefon zur Informationsgewinnung ein und ruft auch die Leser auf, wichtige Beobachtungen gegen Honorar der Redaktion mitzuteilen. Die sitzt mitten im Zeitungsviertel im Ullstein-Haus Ecke Kochstraße/ Markgrafenstraße im heutigen Kreuzberg, ein paar Meter westlich vom heutigen Verlagshaus Axel Springer.

Die Zeitung „neuen Typs“ mischt die Berliner Zeitungslandschaft erfolgreich auf. Bereits nach zwei Monaten hat die Morgenpost 40.000 Abonnenten, nach sieben Monaten, im April 1899, reißt sie die Hunderttausender-Marke , ein Jahr nach ihrem Erscheinen ist sie mit der Auflage von 160.000 Exemplaren bereits größer als die Konkurrenten Berliner Tageblatt aus dem Mosse Verlag, dem Lokal Anzeiger aus dem Verlag Scherl und den Blättern Berliner Zeitung und Abendpost aus dem eigenen Haus Ullstein.

Verbreitung bis zur Ostsee

Längst mehr als ein Blatt nur für die Berliner, mit einer Verbreitung bis zur Ostsee, wird die Morgenpost 1929 mit 621.490 Exemplaren an Wochentagen und 700.260 an Sonntagen zur auflagenstärksten Zeitung Deutschlands. Die bis heute erscheinende Sonntagsausgabe ist der Überlegung geschuldet, dass die Menschen damals nur am Sonntag frei und damit mehr Zeit zum intensiven Lesen haben.

Auch inhaltlich legt sich Zeitungsgründer Leopold Ullstein fest, der im Dezember 1899 stirbt und dessen fünf Söhne Hans, Louis, Franz, Rudolf und Hermann sich als würdige Erben erweisen werden. Die Morgenpost soll „Parteinehmer – nicht Parteigänger sein“.

Während der Dreyfus-Affäre solidarisierte sich die Morgenpost in der antisemitischen Intrige mit dem zu Unrecht beschuldigten französischen Generalstabsoffizier, in einem der Zensur zum Opfer gefallenen Leitartikel wird am Tag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs vor der Völkerschlacht und ihren furchtbaren Folgen gewarnt.

Parteinehmer, nicht Parteigänger bleibt die Morgenpost auch viel später, als kaum noch ein Politiker die Forderung nach der Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands wachhält. Die Morgenpost findet sich mit der Spaltung nicht ab, wird dafür wie andere Springer-Zeitungen verspottet, behält am Ende aber Recht.

Fatale Fehleinschätzung – das NS-Fallbeil senkt sich

Doch vor alledem liegt der große Bruch. Als die Demokratie den Kampf verliert und Adolf Hitler die Macht übernimmt, glaubt man im Hause Ullstein und damit auch bei der Morgenpost, der nationalsozialistische Spuk werde bald vorüber sein, solange müsse man sich arrangieren. „Wir Ullsteins würden jedenfalls versuchen, den Kopf über Wasser zu halten, bis die Sintflut vorüber war“, schreibt Hermann Ullstein in seinen Memoiren.

Eine fatale Fehleinschätzung. Am 10. Juni 1934 senkt sich das NS-Fallbeil auch über die Morgenpost. Zum erzwungenen Spottpreis von sechs Millionen Reichsmark müssen die Ullsteins ihren Verlag an die Nazis verkaufen. Der Titel „Berliner Morgenpost“ wird weiter geführt, inhaltlich ist die Zeitung wie alle anderen Gazetten zum Propagandablatt von Hitlers Partei degeneriert.

Nach der weitgehenden Zerstörung des alten Zeitungsviertels gegen Ende des Weltkrieges ziehen Verlag und Redaktion der Morgenpost in das Druckhaus Tempelhof um. Die letzte Kriegsausgabe der Berliner Morgenpost erscheint am 25. April 1945, sieben Tage vor der Kapitulation.

Erst sieben Jahre später, die Berliner Nachkriegs-Zeitungslandschaft ist längst neu geordnet, bekommen die Ullsteins per Restitutionsbescheid den Verlag zurück. Am 26. September 1952 kommt die erste Morgenpost wieder druckfrisch aus dem Tempelhofer Ullstein Haus auf den Markt. Dort arbeiten unter bescheidenen Verhältnissen auch Redaktion und Verlag.

Axel Springer übernimmt – Umzug an die Kochstraße

Die Berliner haben ihre Morgenpost nicht vergessen. Sie wird im Westteil der Stadt schnell wieder zur auflagenstärksten Zeitung (1955 werktags knapp 200.000, sonntags rund 300.000). Doch der Ullstein-Familie mangelt es jetzt an Kapital, verlegerisch ist sie nach der langen Zeit des Exils ermüdet.

Da springt der Hamburger Verleger Axel Springer, der seit Jugendjahren von Berlin schwärmt und ein Ullstein-Fan ist, als Retter ein. Am 29. Dezember 1959 übernimmt er die Aktienmehrheit an der Ullstein AG samt Morgenpost. Mit dem Team um den Manager und späteren Chef des Springer Verlags Peter Tamm kommt neuer Schwung in die Zeitung. Auch räumlich. Am 25. Mai 1966 zieht die Redaktion aus dem Ullstein Haus in das neue Verlagshaus an der Kochstraße, direkt an der Mauer. Auch ein symbolischer Akt, mit dem Axel Springer und die Morgenpost den Berlinern in ihrer Bedrängnis durch die Kommunisten ein paar Meter weiter Mut machen, an eine bessere Zukunft zu glauben.

Doch dann steht auch die Morgenpost Ende der 60er-Jahre im Zentrum der Kritik. Weil sie die Forderungen der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) nach revolutionären gesellschaftlichen Umbrüchen und die fundamentale Kritik an Berlins Schutzmacht Amerika nicht teilt, kommt es zu schweren gegenseitigen verbalen Attacken bis zum Versuch der Erstürmung des Springer-Hauses 1968.

Der Kampf um den Hauptstadt-Markt dauert weiter an

Alles fast vergessen, seit die Mauer gefallen und das Land, wie Springer und die Berliner Morgenpost immer geglaubt haben, wieder vereint ist. In dem wiedervereinten Berlin entbrennt ein neuer Kampf um den Zeitungsmarkt der Hauptstadt, der bis heute andauert.

Dies bringt viele Veränderungen mit sich, auch für die Berliner Morgenpost. Der Springer-Konzern verkauft nun die Berliner Morgenpost an die Essener Funke Mediengruppe, das Kartellamt hat dem Verkauf schon zugestimmt.

Die Redaktion und der Verlag der Berliner Morgenpost ziehen an den Kurfürstendamm – mit dem Versprechen, das seit der Gründung der Zeitung gilt: Die Morgenpost wird ein echt Berliner Blatt für alle Berliner bleiben – auf Papier und online.

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