Am Abend sieht es für einen Moment aus, als sei am Himmel irgendwo etwas sehr Großes explodiert. Winzige Lichter glimmen über dem Kurfürstendamm wie ein Funkenregen. Die breiten Bürgersteige liegen in unwirklich gelbem Licht. Es ist aber nur die Weihnachtsbeleuchtung in den Bäumen, die dem Boulevard einen Zauber verleiht, von dem viele hier lange geträumt haben. Heute sieht der Kudamm wieder aus wie Großstadt. Oder, wie manche sagen: Wie Unter den Linden. Auf jeden Fall so, als sei es hier nie anders gewesen.

Der Verkehr brüllt, die Menschen drängen in die Geschäfte, mittendrin stehen Touristen und versuchen, die Stimmung mit ihren Fotohandys zu erfassen. Nur in der Erinnerung leben noch die Jahre fort, in denen der Kudamm im Schatten der wiedererwachenden Mitte Berlins vor sich hin dämmerte. Bespöttelt als „alter Westen“, der den rasanten Aufstieg des Nachwende-Berlins verpasst hatte wie Vorstadtpendler den Zug.

Die Straßenzüge zwischen Kurfürstendamm, Tauentzien- und Lietzenburger Straße, sie sind heute wieder das teuerste Pflaster der Stadt. Schon im Jahr 2010 war der Hotelturm des Waldorf Astoria gegenüber dem Bahnhof Zoo aus dem Häusermeer emporgewachsen, größer als das Europacenter, das Wahrzeichen des „alten“ Westen. Seit 2012 leuchtet der Hotelturm gut sichtbar bis nach Berlin-Mitte wie ein Ausrufezeichen. Ein Signal aus Westen.

Auch die Konkurrenz mit dem Osten belebt das Geschäft

Inzwischen sind alle da. Gastronom Roland Mary zum Beispiel, der seit dem Fall der Mauer am Gendarmenmarkt die Berliner Republik bewirtete, heißt seine Kundschaft auch am Kudamm willkommen – in seinem edlen Kaffeehaus Grosz. Die Hausnummer lautet 193, doch Shoppingfreunde verorten das Kaffeehaus auch gern „neben dem 14oz“, dem Concept-Store von Bread&Butter-Chef Karl-Heinz-Müller.

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Architekturliebhaber nennen das historische Gebäude wiederum gleich beim Namen: Haus Cumberland. Diesen Sommer wurde der denkmalgeschützte Komplex nach zweieinhalb Jahren Sanierung fertig. Eine edle Wohnadresse: 166 hochwertige Wohnungen und Penthäuser. Sie waren schon Ende 2011 ausverkauft, zu einer Zeit, als mancher Experte den Investoren um Dirk Germandi noch für verrückt erklärte, weil sie in Charlottenburg investierten statt im angesagten Stadtteilen Mitte oder Prenzlauer Berg.

Geschichten wie diese können viele erzählen. Investoren kamen, Boutiquen und Modelabels, Einzelhändler und zuletzt auch der Computerriese Apple. Der hatte seinen Store an der Nummer 26 mehrere Jahre lang „umbauen“ lassen, bis auch ihm die Zeit reif schien am Kudamm. Es kamen Berlin-Prominente wie Coiffeur Shan Rahimkhan, der sein erstes Haus wie Roland Mary am Gendarmenmarkt hat und auch behält. Ost und West sind keine gegensätzlichen Pole mehr in Berlin. Im Gegenteil. Sie ziehen sich an, seit sie verstanden haben: Auch Konkurrenz belebt das Geschäft.

Einkaufen ist nicht alles in der City West

So ist der Kurfürstendamm mit einer Verkaufsfläche von mehr als 200.000 Quadratmetern die mit Abstand größte und umsatzstärkste Einzelhandelslage in Berlin. Dreieinhalb Kilometer misst die Straße, 1,1 Milliarden Euro setzten die Einzelhändler dort im vergangenen Jahr um – mehr als doppelt so viel wie etwa am Alexanderplatz. Und noch einen weiteren Rekord hält der Kudamm. Mit 5300 Euro Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche liegt er in Berlin an der Spitze. Umgekehrt sind auch die Ladenmieten entsprechend hoch.

Auch, wenn es gerade zur Weihnachtszeit so aussieht: Einkaufen ist nicht alles in der City West. Der Kudamm lebt auch in seinen Legenden. In Zitaten wie im Namen des Kaffeehaus Grosz etwa. Der Maler und Karikaturist George Grosz hielt einst die Berliner Gesellschaft mit spitzer Feder den Spiegel vor.

An den Kudamm-Bühnen lebt das Erbe des großen Max Reinhardt weiter, der im Jahr 1924 hier sein Boulevardtheater bauen ließ. Die historischen Bühnen sind teilweise erhalten, wenn auch seit den 70er-Jahren von einem Betonbau umschlossen. Solange über dessen Zukunft gestritten wird, leben die Bühnen weiter.

Das Café Kranzler ist seit den 50er-Jahren eine Institution am Kudamm, Ecke Joachimstaler Straße. Im Jahr 2000 entstand rundherum der markante Glasbau des Architekten Helmut Jahn. Erkennungszeichen des „Neues Kranzlerecks“, in dem nun auch die Berliner Morgenpost ihren Sitz hat, blieb die Kranzler-Rotunde mit dem Café.

Erfunden nach dem Vorbild Champs-Elysées

Und zuletzt tauchte noch eine Legende wie ein verloren geglaubtes Möbelstück hinter Bauzäunen wieder auf – der Zoo-Palast am Breitscheidplatz. Schauspielerin Liselotte Pulver kam, wie schon 1957, zur Eröffnung. Das Berlinale-Kino ist Denkmal und Zukunftsversprechen zugleich: Bald werden die Filmstars der Welt hier wieder über den roten Teppich laufen. Und viele Kinogänger und Fans werden entdecken, dass gleich nebenan aus dem einst vergammelten Bikini-Haus gerade eine angesagte Location wird. Mit Geschäften, Hotel und einer großen Aussichtsterrasse mit direktem Blick auf die Tiere im Zoo.

Der Zoologische Garten war schon lange eröffnet, als vor 140 Jahren der Kurfürstendamm erfunden wurde. Denn genau dies ist der Boulevard – eine Erfindung. Fürst Otto von Bismarck gab im Jahr 1873 eine neue „Hauptader des Vergnügungsverkehrs“ in Auftrag, nach dem Vorbild der Champs-Elysées in Paris.

Schon bald zogen Geschäftsleute und Investoren an den ehemaligen Knüppeldamm zwischen Tiergarten und Grunewald, weil man hier größer und prächtiger bauen konnte als in den streng geplanten Straßen in der Mitte Berlins. Die breiten Trottoirs sollten Raum bieten zum entspannten Schlendern zwischen Cafés und Geschäften.

Nun wird am Kudamm nach oben gebaut

So wurde am Kurfürstendamm immer geklotzt und geprotzt, aber auch gestritten und wieder eingerissen. Kaum ein Stadtviertel Berlins ist so oft neu gedacht worden. In diesem Jahr verschwand der letzte Rest des denkmalgeschützten Schimmelpfeng-Hauses. Es war in den 60er-Jahren zwischen Kurfürstendamm und Hardenbergstraße über die Kantstraße gebaut worden, als Repräsentant des modernen West-Berlins stand es quer zu den historischen Achsen. Nun wird nach oben gebaut. Neben dem Hotel Waldorf Astoria entsteht mit dem „Upper West“ ein weiterer, ebenfalls 118 Meter hoher Turm.

„Zoofenster“ nannten die Stadtplaner in den 90er-Jahren die beiden Hochhäuser, um die lange diskutiert und gestritten wurde. Der Name erzählt noch vom alten Berlin-Gefühl, als die wiederernannte Hauptstadt vor allem nach draußen blickte, in die Welt.

Heute ist es anders herum. Die Welt kommt nach Berlin. Wenn im kommenden Jahr der 25. Jahrestag des Mauerfalls begangen wird, wird dies auch für den wichtigsten Boulevard der westlichen Innenstadt ein besonderer Moment werden. Ein Vierteljahrhundert ist es dann her, dass die Menschen aus der DDR den Kurfürstendamm stürmten, für viele das Symbol der Freiheit.

Heute ähneln sich die großen Straßen Berlins – nicht nur, was die Beleuchtung betrifft. Selbst die Kanaldeckel haben an Kurfürstendamm und Unter den Linden dasselbe Design. Sie tragen die wichtigsten Berliner Sehenswürdigkeiten von Funk- bis Fernsehturm als Relief. Sie sind im Kreis angeordnet. Als sei Berlin ein eigener Planet, der um sich selbst kreist, ohne Himmelsrichtungen – und unteilbar.