Eine Kleiderordnung gibt es nicht für die Feier am Heiligen Abend. Julia Sieber weiß aber schon jetzt, dass sie ihr gutes Kleid anziehen wird oder den schwarzen Hosenanzug. Auf jeden Fall etwas Feierliches. „Die Bewohner unseres Pflegeheims kommen schließlich auch in ihren schönsten Sachen zum Fest. Die Frauen in Bluse und Kostüm, viele Männer im Anzug“, sagt Sieber. Das stehe zwar nirgendwo geschrieben. Es sei aber einfach so, „Tradition eben.“
Julia Sieber hat langes blondes Haar und freundliche blaue Augen. Seit zwei Jahren leitet sie das Seniorenheim „Angerhof“ in Glienicke. Das moderne Gebäude liegt unmittelbar an der Stadtgrenze zu Berlin. Das Haus wurde im April 2012 eröffnet. Es hat 131 Plätze, momentan wohnen dort 101 pflegebedürftige ältere Menschen.
Weihnachten ist für Julia Sieber ein besonders Fest. Das war früher schon so, als sie noch bei den Eltern wohnte. Das Schönste waren damals für sie die Geschenke. „Ich hab mich gefreut, wenn es mehrere waren“, sagt sie. Wobei gerade das nicht nur schön, sondern auch ziemlich anstrengend gewesen sei.
Dienst am Heiligen Abend
Für jedes Geschenk, und wenn es nur ein Paar Socken waren, habe sie etwas singen oder ein Gedicht aufsagen müssen. So wollte es die Familientradition. „Ein bisschen viel pädagogischer Eifer, den meine Eltern da an den Tag gelegt haben.“ Julia Sieber schmunzelt. Inzwischen sei das natürlich längst vorbei. Dafür sei nun ihre fünf Jahre alte Nichte Sarah an der Reihe.
Auch damals, als Julia Sieber noch ein Kind war, haben sich zu Weihnachten in ihrer Familie alle gut angezogen: ihre Eltern, ihr Bruder, der Großvater, die Tante. Und natürlich sie selbst. „Immer das schönste Kleid.“ Am Heiligen Abend gingen sie dann zuerst in die Kirche. Danach gab es etwas Gutes zu essen. Oft war das Kaninchenbraten. Den liebten die Kinder.
Das Besondere dieser Weihnachtstage von einst ist der jungen Frau lebhaft in Erinnerung. Jetzt will sie es weitergeben an die Bewohner des Seniorenheims, das sie leitet. Deshalb ist sie natürlich am Heiligen Abend im Dienst und auch am ersten Feiertag. Und zwar nicht zum ersten Mal.
Eine Opernsängerin tritt auf
Wie schon im vergangenen Jahr wird Julia Sieber auch dieses Mal ihren Mitarbeitern an Heilig Abend dabei helfen, den Veranstaltungssaal des Seniorenheims für die Bescherung herzurichten. Sie tragen dann die Tische aus dem Saal, damit Platz ist für möglichst viele Stühle. Die werden alle so aufgestellt, dass jeder einen guten Blick in die Mitte des Raumes hat, wo die Bescherung stattfinden wird.
Wenn alles fertig ist, holen sie die Bewohner aus ihren Zimmern ab. Gegen 10 Uhr ist Bescherung. Jeder bekommt von den Mitarbeitern und der Chefin ein kleines Geschenk überreicht. „Wir sind schon jetzt dabei, für jeden etwas Praktisches einzupacken, Kosmetika, eine Handbürste, Seife, was man so braucht im Alltag.“
Und dann, sagt Julia Sieber und bekommt glänzende Augen, dann werde eine Opernsängerin auftreten und Weihnachtslieder singen. Das hätten sie schon im vergangenen Jahr so gemacht. „Das ist richtig feierlich.“ Die Sängerin habe eine wunderbar klare Sopranstimme. „Sie ist fast im ganzen Haus zu hören.“
Bis zum Nachmittag wird die Chefin am Heiligen Abend im Dienst sein. Erst wenn nach der Bescherung und dem danach folgenden Weihnachtsmenü alle Bewohner des Pflegeheims wieder auf ihren Zimmern sein werden, wird auch für sie dieser Arbeitstag zu Ende sein.
Nach der Bescherung verabschiedet Julia Sieber ihre Mitarbeiter in den Weihnachtsabend. Wer nicht unbedingt da sein muss, hat an diesem Abend frei, um mit der Familie zu feiern. Gegen 14 Uhr wird dann auch die Chefin nach Hause fahren. Allerdings nicht in die eigene Wohnung, sondern in die ihres Bruders. Dort wird sie mit dessen Familie und ihren Eltern den Heiligen Abend feiern. Nichte Sarah wird dann viele Lieder singen und Gedichte aufsagen müssen. „Allerdings nicht mehr für jedes Geschenk, so wie ich früher. Dafür bekommt sie zu viele“, sagt Julia Sieber.
Gemütlich wie in jeder Familie
Die Leiterin des Seniorenheims hat aber nicht nur an den Feiertagen viel zu tun. Schon jetzt sorgt sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern dafür, dass auch im Angerhof die Vorweihnachtszeit besonders geheimnisvoll und gemütlich ist, wie in fast jeder Familie.
An den Adventssonntagen wird gebastelt und gesungen. Gemeinsam schmücken alle Bewohner des Hauses mehrere Weihnachtsbäume, damit es auf jeder Etage feierlich aussieht. In der Woche vor Weihnachten gibt es dann auf jeder Etage ein dreigängiges Festmenü. Dazu sind auch die Angehörigen der Bewohner eingeladen.
Julia Sieber hat Alterswissenschaften und Betriebswirtschaft studiert und bereits während des Studiums in einem Seniorenheim gearbeitet. Von Anfang an hat ihr das Freude gemacht. „Ich habe als Kind regelmäßig meinen Großvater im Pflegeheim besucht, er hat mir dann viel aus seinem Leben erzählt und mit mir Schulaufgaben gemacht“, sagt sie. Außerdem habe sie miterlebt, wie intensiv ihre Mutter sich um die eigenen Eltern und um die Tante gekümmert hat. „Für meine Mutter war das selbstverständlich. Das hat mich sehr beeindruckt.“
Julia Sieber mag die Arbeit mit den alten Menschen, weil sie dankbar sind und „nicht so verwöhnt wie viele junge Menschen heute.“ Und weil sie vieles über das Leben erfährt. „Mich erdet das“, sagt sie.





