Dieter Wagon kann sich nicht zufrieden geben: „Auch wenn wir heute dieses gute Ergebnis vorstellen können, ist noch viel zu tun“, gerade bei der Qualifizierung arbeitsloser Menschen, sagt er am Donnerstag. Das muss er so sagen. Schließlich ist er der Chef der regionalen Arbeitsagentur. Dabei zeigten seine Daten eindeutig in eine positive Richtung: Wagon verkündete am Donnerstag, dass die Zahl der Arbeitslosen in Berlin erstmals seit September 1993 wieder unter die psychologisch wichtige Marke von 200.000 Menschen gefallen. Berlin gibt mit einer Quote von elf Prozent im Bundesländervergleich den letzten Platz an Mecklenburg-Vorpommern ab.
„Schon Ludwig Erhard wusste: Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie. Auch aus diesem Grund ist das Unterschreiten der Marke ein richtungsweisendes Signal. Schon längst holt der Berliner Arbeitsmarkt nicht mehr nur auf, sondern macht auf der Überholspur erheblich Boden gut. Wir rechnen fest damit, die rote Laterne bei der Arbeitslosenquote bald auch dauerhaft abzugeben“, sagte der Stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin, Christian Wiesenhütter.
Berlin koppelt sich weiter vom Bundestrend ab
Berlin koppelt sich weiter vom Bundestrend ab. Der deutsche Arbeitsmarkt insgesamt steht nach dem schwächsten Herbstaufschwung seit elf Jahren möglicherweise vor einem schweren Winter. Die Zahl der Arbeitslosen werde wahrscheinlich bis Februar auf 3,1 bis 3,2 Millionen steigen, prognostizierte der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, am Donnerstag in Nürnberg. Ein harter Winter könnte die Zahl der Erwerbslosen noch stärker wachsen lassen. Die psychologisch wichtige Drei-Millionen-Marke werde bei der Arbeitslosigkeit eventuell schon im Dezember, wahrscheinlich aber im Januar 2014 überschritten.
Im November herrschte dagegen weitgehend Stillstand auf dem Arbeitsmarkt. Mit 2,806 Millionen (plus 5000) gab es fast genauso viele Arbeitslose wie im Oktober. Die Quote lag unverändert bei 6,5 Prozent. „Der Arbeitsmarkt entwickelt sich weiter stabil. Daran wird sich auch in den kommenden Monaten wenig ändern“, kündigte Weise an. Darauf deute auch eine aktuelle Befragung der 156 deutschen Arbeitsagenturen hin.
Unterdessen offenbaren die November-Daten die inzwischen schwierigere Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt. In den drei Herbstmonaten September bis November ging die Zahl der Erwerbslosen lediglich um 45.000 zurück. Ähnlich schwach war der Herbstaufschwung zuletzt 2002 ausgefallen. In den vergangenen Jahren hatte der nach der Sommerpause übliche Aufwärtstrend die Zahl der Erwerbslosen um 150.000 bis 200.000 sinken lassen. Im Boomjahr 2010 waren es fast 260.000 gewesen.
Stillstand auf dem Arbeitsmarkt wird zum Problem
Weise räumte ein, dass der seit Monaten andauernde Stillstand auf dem Arbeitsmarkt für Jobsucher zunehmend zum Problem wird. „Für Arbeitslose ist es im Moment schwierig, eine Arbeit zu bekommen“, betonte er. Besonders schwer hätten es derzeit weniger qualifizierte Erwerbslose. Für neun von zehn angebotenen Stellen werde eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Studium verlangt, schilderte Weise. Dagegen käme für jeden zweiten Arbeitslosen lediglich eine Hilfstätigkeit infrage. „Der Anteil der Helfertätigkeiten an allen angebotenen Stellen macht aber nur einen Anteil von 14 Prozent aus.“
Ihre geringe Qualifikation sei der Grund dafür, dass Arbeitslose von neu geschaffenen Stellen kaum profitierten. „Viele Arbeitslose passen nicht zu dem Profil der angebotenen Arbeitsplätze“, sagte der Chef der Nürnberger Bundesbehörde. Im Oktober – dem aktuellsten Wert – hatte die Zahl der Erwerbstätigen mit 42,29 Millionen einen neuen Rekord erreicht; 250.000 mehr als vor einem Jahr. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen lag nach BA-Hochrechnungen bei 29,79 Millionen. Das sind 378.000 mehr als vor einem Jahr.
Zurückhaltend kommentierte Weise den arbeitsmarktpolitischen Teil der Berliner Koalitionsvereinbarungen. Bei der geplanten Mindestlohnregelung sehe er die große Chance, dass Unternehmen von ihren künftig besser bezahlten Mitarbeitern mehr und bessere Leistung verlangten. Auch für die Beschäftigten könnte und sollte der Mindestlohn ein Ansporn sein. Das setze aber voraus, dass Firmen ihre Mitarbeiter besser aus- und fortbildeten. „Das Risiko besteht darin, dass Anpassungen (der Mindestlohnregelung) stattfinden, die vom Markt nicht verkraftet werden.“ Diese müssten daher vernünftig ausfallen. „Sonst steht ein Lohn im Raum, den der Kunde nicht zu zahlen bereit ist.“
Berlin verbessert sich im Bundesdurchschnitt
Mecklenburg-Vorpommern wird auch im Dezember voraussichtlich hinter Berlin zurückfallen. Berlin würde damit im Jahr 2013 auch im Jahresdurchschnitt nicht mehr die höchste Arbeitslosenquote aller Bundesländer aufweisen: ein Ergebnis des starken wirtschaftlichen Wachstums und des überdurchschnittlichen Beschäftigungsaufbaus. Nachdem lange Zeit vornehmlich Zugezogene und Pendler aus Brandenburg vom Job Boom in der Hauptstadt profitierten, gelingt es nun, immer mehr Berliner Arbeitslose wieder in Beschäftigung zu bringen.
Hier stemmt sich Berlin gegen den negativen Bundestrend: Im November 2013 wurden in Berlin 2.232 oder 1,2 Prozent weniger Arbeitslose als noch vor einem Jahr gezählt. Deutschlandweit hingegen ist die Zahl der Arbeitslosen im Jahresvergleich um 55.000 bzw. zwei Prozent gestiegen. Beim Aufbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung ist Berlin seit langer Zeit Spitzenreiter unter allen Bundesländern.
Die Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) hält es für besonders bemerkenswert, „dass wir in Berlin Langzeitarbeitslosigkeit abbauen, denn das ist gerade vor dem Hintergrund der Berliner Situation eine schwierige Herausforderung“. Die sinkende Arbeitslosenzahl mache „vielen Menschen Hoffnung, und es ist auch ein gutes Zwischenzeugnis für die Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik des Senats“, lobte sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit.
Der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Christian Amsinck, freute sich, dass auch die Zahl sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten erneut zugenommen habe. Zugleich zeige der regionale Stellenindex für die Hauptstadtregion einen Rückgang freier Stellen. „Da dieser Stellenindex auf konkreten Stellengesuchen der Unternehmen beruht, bildet er die Entwicklung der Arbeitskräftenachfrage auf dem ersten Arbeitsmarkt ab“, stellte Amsinck fest.
dpa/hed





