Mit dem Namen Phoebe wird die Bundeskanzlerin wahrscheinlich nichts anfangen können. Sicher kennt sie die Namen ihrer Bodyguards. Aber ebenso sicher weiß Angela Merkel nicht, dass ein kleiner Hund namens Phoebe ebenfalls für ihre Unversehrtheit sorgt. Das quirlige Tier ist einer von 14 Sprengstoffhunden der Berliner Polizei.
Phoebes Auftrag: Bomben und Waffen finden. Ihr Einsatzgebiet: Staatsbesuche, große Empfänge mit prominenten Besuchern, wichtige Konferenzen wie jüngst die der Rabbiner – und eben auch die Räume der aktuellen Koalitionsverhandlungen. Für Phoebe allerdings ist das alles nur ein Spiel. Ein großes, spannendes Spiel. Und genau dieser ausgeprägte Spieltrieb hat ihr selbst einst das Leben gerettet.
An eine Potsdamer Laterne gebunden
Bis Phoebe eine von Berlins besten und offiziellen Spürnasen wurde, musste das Tier einiges durchmachen. Es war im Januar dieses Jahres, als ein Ehepaar durch eine Potsdamer Fußgängerzone lief. An eine Laterne gebunden saß ein kleiner Hund. Er zitterte vor Kälte, schaute traurig, neben ihm stand eine Packung Hundefutter. Der Mann und seine Frau gingen weiter, sie erledigten Einkäufe.
Doch auf dem Weg zu ihrem Wagen kamen sie wieder an dem Vierbeiner vorbei. Der zitterte noch mehr, der eisige Wind zerrte an seinem Fell. Dem Ehepaar war klar, dass wohl niemand das Tier dort angebunden hatte, um nur schnell Brötchen zu holen. Der Besitzer wollten das Tier loswerden. Also löste das Ehepaar die Leine, der Hund sprang glücklich auf. Die Reise in eine neues Leben begann.
Erste Tests in der Turnhalle
Erste Etappe: das „Pfötchen-Hotel“ bei Beelitz. Dort gaben die Eheleute den damals 14 Monate alten Hund ab. Für Phoebe ein absoluter Glücksfall. Denn die Hundetrainer der Betreuungseinrichtung haben engen Kontakt mit der „Zentralen Diensthundeeinheit“ der Polizei. Die Berliner Beamten geben ihre Vierbeiner ebenfalls im Pfötchen-Hotel ab, wenn sie beispielsweise in den Urlaub fliegen. Die Diensthunde leben nämlich bei dem jeweiligen Polizisten und sind in der Freizeit in die Familie integriert.
Unter dem Kommando von Axel Last, dem Chef der Diensthundeeinheit, stehen Beamte mit Schutz- und Drogenhunden sowie Mantrailern. Und eben Sprengstoffsuchhunde. Genau so einer fehlte gerade im Team, als Phoebe in der Einrichtung abgegeben wurde. Hauptkommissar Andreas U., 53, brauchte einen neuen „Partner“, nachdem der bisherige namens „Psycho“ in Pension gegangen war – natürlich bei dem Beamten zu Hause.
Dass Phoebe sein möglicher Nachfolger werden könnte, auf diese Idee kam Monika Behrendt vom Pfötchen-Hotel. Denn die Anforderungen für den Job als Sprengstoffsuchhund ist in erster Linie ein extremer Spieltrieb – und den erkannte Behrendt bei Phoebe sofort. Als dann Andreas U. und seine Kollegen vorbeikamen, um sich das Tier anzusehen, sprang sie den Polizisten beinahe ins Gesicht vor Freude.
16 Wochen Ausbildung – und viel Spielen
Anschließend wurde der Hund in Berlin in einer Turnhalle ersten Tests unterzogen. Die Experten schauten genau hin und kamen zu dem Schluss: „Die kann sich eignen.“ Axel Last und seine Ausbilder beschlossen, es mit ihr zu versuchen. Was das für sie bedeuten sollte, konnte Phoebe nicht wissen. Es wäre ihr sicher auch egal gewesen – Hauptsache spielen.
Und das konnte Phoebe von da an zur Genüge: 16 Wochen Ausbildung lagen vor ihr. In dieser Zeit zog sie beim neuen Herrchen und Dienstpartner ein. Keine leichte Situation. Denn die Frau von Andreas U. verliebte sich direkt in das kleine Wollknäuel – und macht klar, dass sie Phoebe auf jeden Fall behalten wolle, egal, ob sie die Prüfung am Ende schaffe oder nicht. Der Beamte hoffte also umso mehr, dass das Tier das Zeug zu seinem neuen Partner haben würde. Sonst hätte er sich noch einen dritten Hund anschaffen müssen.
Aufgabe: Ein Päckchen TNT im Bus finden
Entsprechend nervös war Andreas U. am Tag der Prüfung im Juli dieses Jahres. Für Phoebe dagegen war klar: Sie muss das Zeug erschnüffeln, dass ihr Herrchen ihr zuvor unter die Nase gehalten hat – dann bekommt sie ihr Spielzeug. Manche Hunde werden nach dem Prinzip trainiert, dass ihre Spielzeuge mit den Stoffen gefüllt sind, nach denen sie suchen sollen.
„Bei Phoebe ist das anders“, sagt Andreas U. „Ihr wurde gezeigt, was sie finden soll. Und dass sie dann ihr Spielzeug bekommt. Das macht sie gut, immer wieder.“ Die Aufgabe am Prüfungstag: einen Doppeldecker-Bus absuchen. „Phoebe zog wie selbstverständlich in Richtung Fahrzeug, schnüffelte hier und da und setzte sich dann vor den Kühler“, sagte Andreas U. Das Zeichen dafür: „Ich habe etwas entdeckt.“
Andreas U. hob den Arm, um die Prüfer zu informieren. Und machte sich Sorgen, denn er konnte nichts erkennen. Doch die Hundedame hatte Recht, denn um die Scheibenwischer war eine Sprengstoffschnur gewickelt. Zwei Minuten später fand sie ein TNT-Päckchen im Fahrerhäuschen.
„Keiner war jemals so gut.“
Zwei Tage lang dauerte der Test, der darüber entschied, ob Phoebe in den „aktiven Dienst“ übernommen wird. Autos wurden durchschnüffelt, Schließfächer, Räume, sogar ein Flugzeug. Phoebe ließ nichts aus und fand alles. „Wir hatten schon viele Sprengstoffsuchhunde“, so Axel Last. „Aber keine war jemals so gut.“ Nach dem Schulterschlag für den bestandenen Test rief Andreas U. sofort seine Frau an.
„Ehe gerettet, sie hat bestanden“, sagte er damals und lachte. Doch eine Angst hatte der Beamte auch nach der Prüfung jeden Tag – dass der frühere Besitzer sich melden und den Hund zurückverlangen könnte. „Es gibt den sogenannten Eigentumsvorbehalt“, erklärt Axel Last, „demnach hätte derjenige sechs Monate Zeit gehabt, Phoebe abzuholen. Als die Frist verstrichen war, haben wir angestoßen.“
Spielen mit der Lieblingssocke
Seitdem hat Andreas U. keine ruhige Minute mehr. „Wenn meine Frau und ich abends mal einen Film sehen wollen, kommt sie mit ihrer Lieblingssocke an und will eine Stunde lang bespaßt werden. Aber das ist mir egal, ich bin froh, dass sie bei uns ist. So ein Hund wächst einem ans Herz.“ Auch mit dem pensionierten Psycho versteht Phoebe sich. „Nur wenn es um die getrockneten Schweineohren aus der Tierhandlung geht, dann hört die Freundschaft auf.“
Nur eines ist noch ungeklärt: Phoebes Rasse. Kürzlich sprach eine Passantin Andreas U. an. „Hey, Sie haben ja einen tibetischen Tempelwächter an der Leine, die gibt es hier nicht allzu oft.“ Tatsächlich, eine gewisse Ähnlichkeit ist vorhabenden. Der Polizei und Andreas U. ist es aber auch egal. Und Phoebe sowieso. Hauptsache, es gibt bald einen neuen Einsatz – und sie kann wieder spielen.




