Fernsehkommissare

Tatort Berlin – Wer soll auf Ritter und Stark folgen?

Die Kommissare Ritter und Stark dürfen nur noch bis 2015 im “Tatort“ermitteln. Doch wer kann auf Boris Aljinovic und Dominic Raacke folgen? Die Berliner Morgenpost hat vier Vorschläge für den RBB.

Foto: Jens Kalaene / picture alliance / dpa

Judith Holofernes und Pola Roy

„Flucht in Ketten“, „Zuhälter“, „Hände hoch“. Tatort-Folgen? Aber nein: Dies sind allesamt Songs aus der Feder der Band „Wir Sind Helden“. Und damit die beste Einleitung für ein Plädoyer, weshalb zwei Viertel der Truppe, nämlich Frontfrau Judith Holofernes und Schlagzeuger Pola Roy, künftig auch im Ersten Deutschen Krimi ein Paar abgeben sollten. Privat sind sie es nämlich schon, und zudem seit einiger Zeit in Band- und zweifacher Babypause. Da würde sich eine berufliche Umorientierung doch prima machen – zumal es beim Tatort seit einigen Jahren ohnehin eine Klausel zu geben scheint, die Drehbuchautoren dazu verdonnert, das Privatleben ihrer Protagonisten breiter auszuwälzen als den eigentlichen Plot. Mit echten Partnern als Tatort-Ermittlern hingegen müsste man den ganzen Beziehungsschmonz gar nicht mehr erst konstruieren, sondern könnte sich wieder auf den Krimi selbst konzentrieren.

Und ganz ehrlich: Es hätte einen großen Reiz, jene Musiker, die Anfang der Nuller-Jahre als neues Neue Deutsche Welle-Wunder gefeiert wurden, jetzt als Helden in Uniform zu sehen. Hier die großäugige Wortakrobatin Holofernes, die im Verhörzimmer mit ihrer Kleinmädchenstimme jeden noch so renitenten Rocker auseinandernimmt („Oh, bitte gib mir nur ein, bitte bitte gib mir nur ein Wort ...“); da der vollbärtige, somnambule Roy, im wahren Leben übrigens Buddhist, der seinen Dienst am liebsten schweigend verrichtet und, ganz seiner Bandposition entsprechend, schlagkräftig aus dem Hintergrund ermittelt („Hol den Vorschlaghammer!“). Sie als ehrgeizige Kommissaranwärterin, die immer etwas atemlos zwischen Büro und Pathologie hin- und herhetzt, ihren Filterkaffee nur mit Sojamilch trinkt und es knallhart ausnutzt, wegen ihrer zerstrubbelten Art von den Verdächtigten chronisch unterschätzt zu werden; er als melancholisch-verdrossener Hauptkommissar mit der überragenden Beobachtungsgabe, der sich zum Nachdenken stundenlang ins Büro einschließt, um dabei gedankenverloren Origami-Figuren aus seinem Zigarettenpapier zu falten. Und der, wenn er in einer Diskussion mit seiner Partnerin wie immer den kürzeren gezogen hat, freiwillig Überstunden macht, um des Nachts seelenruhig Kuhmilch in die Soja-Packs zu kippen.

Das Schöne an dieser Kombo: Sie ist für das komplette Portfolio der Serie kompatibel – ob nun düstere Milieustudie à la Frankfurt oder Satire-Slapstick wie in Münster. Wie sang die Band doch gleich in ihrer allerersten Single „Guten Tag“? Es braucht „Visionen gegen die totale Television“. Judith Holofernes und Pola Roy für den Berliner Tatort wären ein wahrlich heldenhafter Anfang. Céline Lauer

Christian Kahrmann und Dieter Hallervorden

Nirgendwo findet man deutschlandweit so viele halb stecken gebliebene Schauspielerkarrieren wie in Berlin. Die entsprechenden Menschen dazu verhalten sich oft genug auf eine Weise, dass man ihnen Engagements in Hollywood wünscht, wenn sie dann nur nicht mehr in der deutschen Hauptstadt rumliefen. Der Schauspieler Christian Kahrmann benimmt sich selbstverständlich stets tadellos. Und dass seine Karriere irgendwann halb stecken geblieben wäre, das würde er sicher auch nicht behaupten. Trotzdem würde er eine Dauerrolle zur Primetime vermutlich mit seinem Terminkalender vereinbaren können – und wenn jetzt nichts dafür spricht, dass der ehemalige Lindenstraßen-Benny und Soap-Fließbandarbeiter Kommissar wird, dann spricht auch nichts dagegen.

Bennies gibt es in den zentralen Bezirken Berlins eine Menge, und davon abgesehen hat die Polizeiarbeit im „Tatort“ Polizisten zufolge mit der Wirklichkeit so viel zu tun, wie Rocky Balboa Aussichten gehabt hätte, den jungen Mike Tyson zu verdreschen. Was Drehbuch und Szenerie betrifft, ist somit alles erlaubt, was nicht mit Darth Vader zu tun hat. Ein Grund für Kahrmann: Wer bisher nicht durch ein unverwechselbares Profil aufgefallen ist, dem kann man alles andichten. Wie wäre es beispielsweise mit einem etwas zu wuchtigen Semi-Sympathen, der sich ausdruckslos durch eine Stadt schnüffelt, in der mehr als nur der Flughafen halb stecken geblieben ist? Oder mit einem turbosolariengebräunten Möchtegernsonnyboy mit untrüglichem Instinkt für die kriminalistische Situation? Oder einem Typen, der gern Hipster geworden wäre, aber zu gut über die Vorzüge einer Beamtenlaufbahn wusste und nun seine Frau und zwei Kinder versorgt, indem er Morde aufklärt? Kahrmann würde das alles irgendwie hinkriegen – und irgendwie hinkriegen, das war erstens noch immer das Beste, worauf Berlin hoffen durfte. Zweitens hätte die Stadt so die Chance, ein für allemal klarzustellen, dass es hier für einen großen Karrieresprung nie zu spät ist.

Bleibt der Sidekick. Aber wenn die Realität schon keine Rolle spielen muss, dann soll sie bitte auch wirklich nicht: Dieter Hallervorden als pensionierter Tippgeber, der immer hektisch wird, wenn er von den neuen Fällen hört und durch seine Intuition alle Fahndungsmethoden schlägt? Wäre diese Neugeburt eines alten Helden, der bereits auf eine Karriere als Kabarettist, Schauspieler und Comedian zurückblickt, nicht tatsächlich überraschend? Neu geborene Helden jedenfalls könnte Berlin gerade im Moment wieder gut gebrauchen. Philip Cassier

Christiane Paul und Tom Schilling

Sie sind in Berlin geboren und leben heute noch hier. Mal abgesehen davon, dass der RBB Kosten für Anreise und Unterbringung spart: Mit dem Duo hätte der Berliner Tatort endlich Hauptstadtniveau. Tom Schilling besitzt diesen wunderbaren verlorenen Blick. Nur ist es an der Zeit, dass er aus der Rolle des Jungen heraustritt und ein Stück erwachsen wird. Der „Tatort“-Ermittler könnte seine Chance dazu sein. Christiane Paul kann alles spielen, streng, charmant, launenhaft, sexy – es gibt kaum eine andere Darstellerin in Deutschland, der man so gern bei ihrer Arbeit zuschaut.

Wie könnte die Arbeitsteilung der beiden bei der Mördersuche funktionieren? Erst mal wäre es gut, wenn es einen Chef gäbe – und der Tom Schilling wäre. Schon weil man ihm das nicht zutraut. Er könnte etwas phlegmatisch, grüblerisch erscheinen. Das mit den Türen aufstoßen, kann er ja den Kollegen überlassen. Möglicherweise braucht er nicht mal eine Waffe. Er hat seinen Kopf, der ist Waffe genug. Vielleicht wird er ja zu einer Art Nick Knatterton werden, das Wort „kombiniere“ könnt wieder Kultstatus gewinnen.

Und Christiane Paul? Natürlich wirkt sie viel erfahrener. Schon im wirklichen Leben ist sie ja einige Jahre älter als Schilling. Ihrem jungen Chef wird sie sich niemals unterordnen. Niemals. Sie ist einfach viel intelligenter, denkt sie, und das lässt sie den Kollegen auch oft spüren. Sie scheint immer einen Schritt voraus zu sein. Aber ihr Vorgesetzter hält sie in Wirklichkeit an der langen Leine. Er nutzt ihr Geschick, um ganz am Ende selber den Mörder entlarven zu können. Doch er ist nicht eitel, im Gegenteil, er schanzt ihr den Erfolg zu.

Soll es eine Liebesgeschichte geben? Eindeutig ja, muss es geben. Die unerotischen Zeiten der Tatort-Ermittler-Gespanne sollten endlich vorbei sein. Die Wohlfühl-Wohngemeinschaft beim „Tatort“-Ludwigshafen mit Ulrike Folkerts und Andreas Hoppe – zum Gähnen langweilig.

Das Alte-Flamme-vielleicht-wieder-aufwärmen-Spielchen beim „Tatort“-Leipzig mit Martin Wuttke und Simone Thomalla ist auch nicht viel besser. Und Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt vom Kölner „Tatort“ halten sich sowieso lieber am Imbiss-Stand auf, um gar nicht erst in andere Versuchungen zu kommen. Das kann Berlin besser. Nur muss spätestens ab der dritten Folge so zugehen, dass die Funken fliegen. Es darf ruhig ein bisschen Eifersucht dabei sein. Vielleicht verliebt sich ja die Kommissarin in den vermeintlichen Mörder. Das stimmt Chef Schilling nicht froh, löst ihn aber aus seiner Lethargie. Jetzt erkennt er erst, dass ihn mit der Kollegin mehr verbindet als die biedere Verbrechersuche .

Fazit: Die beiden könnten es wirklich krachen lassen in der deutschen „Tatort“-Landschaft. Christiane Paul und Tom Schilling könnte zum Traumpaar des bundesdeutschen Sonntagabends werden. Jan Draeger

Nina Hoss und Kurt Krömer

Unterschiede, es geht um die Unterschiede bei den „Tatort“-Kommissaren. Nur im Kontrast zum Gegenüber werden die markanten Eigenheiten und Schrullen des jeweils anderen Ermittlers sichtbar. Das ist bei ganz vielen Duos der Serie so: In Münster, wo der handfeste Thiel dem snobistischen Börne gegenübersteht oder in Köln, wo sich der aufbrausende Ballauf am ruhigeren Schenk zu reiben hat. Und auch in Berlin war es so: Der immer etwas übernächtigte Frauenheld Till Ritter auf der einen, der immer etwas missmutig und spießig daherkommende Felix Stark auf der anderen Seite: das passte vor allem deshalb so gut zusammen, weil es so gar nicht zusammenpasste.

Eines allerdings fehlte dem Tandem mit den kraftstrotzenden Namen: die lokale Verwurzelung. Keine sprachliche Eigenheit, die Ritter oder Stark als Berliner ausgewiesen hätte, sie hätten ebenso gut in Hannover oder sonstwo ermitteln können. Das Lokalkolorit, das den Berlinern ja rätselhafterweise immer etwas peinlich ist, übernahm dann ihr gemeinsamer Kollege Lutz Weber, der in seinen deutlich selteneren Auftritten denn auch nach Herzenslust „Icke“ sagen und die notorische Schieberkappe zur Schau stellen durfte. Da war er dann, der Berliner, in bekömmlichen Dosen dazwischengeträufelt.

Mit Kurt Krömer würde sich das dramatisch ändern, mit einem Mal würde der Berliner „Tatort“ ganz da ankommen, wo er hingehört: auf der Straße, im Wedding oder in Neukölln. Keiner kann wie er den ganz im Leben stehenden Berliner so gut verkörpern wie er, und wenn er ein paar Atü aus seiner Dampfplauderattitüde herauslassen würde, dann könnte das einen sehr glaubwürdigen Charakter ergeben.

Und wer soll an seiner Seite bestehen? Es müsste jemand sein, der schweigend sehr viel sagen kann, dem der Wortschwall fremd ist und das Getöse erst recht, es müsste jemand sein, der überhaupt fremd zu sein scheint auf Erden, der ein bisschen entrückt wirkt und mit einem einzigen Kräuseln seiner Lippen riesige Gefühlsdramen heraufbeschwören kann. Der von Krömers ruppiger und bauernschlauer Art gleichermaßen irritiert wie fasziniert ist. Und für den Krömers Ermittler sich wiederum sehr viel Mühe geben muss, weil er in der sensiblen Frau an seiner Seite eine gern geleugnete, empfindliche Variante seiner selbst erkennen muss... Nina Hoss? Könnte das nicht wundervoll funktionieren? Man stelle sich allein die verwirrte Trauer vor, die auch nur eine mittlere Schimpftirade Krömers im oft engelshaften Mienenspiel seiner Kollegin hinterlassen würde. Und die erotische Chemie würde auch stimmen zwischen diesen beiden Charakteren. Denn es geht um Unterschiede, immer geht es um Unterschiede bei den „Tatort“-Kommissaren. Felix Müller

Fotos: dpa/PA-dpa

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