Die „Blisse 14“ sollte ein Vorzeigeprojekt sein. Als Berlins erstes „barrierefreies Restaurant“ wurde das Lokal 1980 in Wilmersdorf eröffnet. 2009 wurden die Räume an der Blissestraße noch aufwendig saniert, damit hier behinderte und nicht behinderte Menschen gemeinsam arbeiten und Gäste verköstigen konnten. Vor acht Monaten wurde das Restaurant geschlossen, die gemeinnützige Betreibergesellschaft Koop war insolvent.
Inzwischen interessiert sich die Staatsanwaltschaft für die Hintergründe des Bankrotts. Die Ermittlungsbehörde bestätigte ein Verfahren wegen einer Insolvenzstrafsache gegen den früheren Koop-Geschäftsführer Uwe L.
Zudem geht die frühere Koop-Muttergesellschaft, die in der Behindertenhilfe engagierte Nordberliner Werkgemeinschaft (NBW), juristisch gegen den Sozialmanager vor, der auch Chef einer anderen NBW-Tochterfirma namens Nobis gGmbH war. „Am 31. Oktober habe ich als Geschäftsführer der NBW nach Beschluss durch die Gesellschafter Strafantrag wegen sonstiger Untreue gestellt“, sagte NBW-Chef Andreas Bode.
Denn L. hat offenbar in die Kassen seiner beiden Sozialunternehmen gegriffen und die mit öffentlichen Mitteln geförderten Gesellschaften um mehr als 70.000 Euro geschädigt. Das hat der Manager in einem notariellen Schuldeingeständnis, das er im Januar 2013 vor einem Notar abgab und auf das sich die Staatsanwaltschaft beruft, eingeräumt.
„Bareinnahmen abgeschöpft“
Im Lokal „Blisse 14“ habe er die „Bareinnahmen abgeschöpft“, wie es in einer Zeugenaussage für die Staatsanwälte heißt. Dabei geht es um fast 23.000 Euro. Bei der Nobis, die unter anderem CAP-Supermärkte betreibt, in denen ebenfalls behinderte Menschen Arbeit finden, geht es um 50.000 Euro.
Insgesamt 48.000 Euro hat sich der Manager nach eigener Aussage bei dem Notar immer wieder in Summen von 1000 bis 2000 Euro von der Bank auszahlen lassen und sie dann privat ausgegeben. Außerdem buchte er 2011 über das Firmenkonto für 2000 Euro einen Flug nach New York für sich und seine Frau zum Weihnachts-Shopping. Zusagen, das Geld zurückzuzahlen, hat der Ex-Geschäftsführer nach Angaben der neuen NBW-Geschäftsführung nicht eingehalten.
Die NBW, die zu den größten Trägern der Berliner Behindertenhilfe gehört, hat kaum eine Chance, das Geld zurückzubekommen. Die Ergo-Versicherung, bei der die NBW – wie es üblich ist – eine Vermögensschaden-Haftpflicht für ihre Geschäftsführer abgeschlossen hat, will den Schaden nicht übernehmen. Eine „Eintrittspflicht“ sei nach Prüfung aller Unterlagen nicht gegeben, es handele sich um einen „nicht erstattungsfähigen Schaden“, wie die Ergo den NBW-Anwälten im Oktober mitgeteilt hat.
In dem Brief, der der Berliner Morgenpost vorliegt, wird der Grund benannt. Schon 2005, 2006 und 2007 habe der Manager „Handlungen“ zulasten der Gesellschaft begangen. Darüber sei auch der Geschäftsführer der Versicherungsnehmerin, der damalige NBW-Chef, informiert gewesen. Wenn aber „vorsätzliche Handlungen zulasten der Gesellschaft“ schon 2007 bekannt gewesen seien, konnte Uwe L. 2010 beim Abschluss des erweiterten Haftpflichtversicherungsvertrags nicht in den Versicherungsschutz einbezogen werden, heißt es in dem Schreiben.
Mit hoher krimineller Energie
Unter dem damaligen Geschäftsführer engagierte sich die Nordberliner Werkgemeinschaft auch in dem Restaurant „Bisse 14“, betrieb gemeinsam mit einem anderen Träger die Koop. Die Gaststätte, die gerne auch von Senatoren und Abgeordneten besucht wurde, hat niemals Umsätze erwirtschaftet, die auch nur annähernd die Personal- und Materialkosten gedeckt haben. „Insgesamt musste der Betrieb der „Blisse 14“ seit Eröffnung mit mehr als einer Million Euro aus Mitteln der Gesellschafter und der öffentlichen Hand subventioniert werden“, sagte der neue NBW-Geschäftsführer Bode. Beschäftigt wurden dort zuletzt durchschnittlich fünf Menschen mit Behinderung sowie sechs weitere Mitarbeiter in Küche und Service.
Anfang 2012 war die Lage so ernst, dass L. 49.000 Euro ohne Absprache mit den Gesellschaftern aus seiner anderen Firma Nobis an die Koop überwies, um den Bankrott zu verhindern. Für das Jahr 2013 hätte der Betrieb mit weiteren 170.000 Euro subventioniert werden müssen. Die Gesellschafter griffen ein und entschieden sich für die Insolvenz. Seitdem ist der Insolvenzverwalter, die renommierte Kanzlei Leonhardt, gemeinsam mit der neuen NBW-Führung und den Gesellschaftern dabei, die Hintergründe aufzuklären. Sie hat Strafanzeige gegen den früheren Koop-Chef gestellt.



