Nach der gescheiterten Bewerbung in Bayern um die Olympischen Winterspiele 2022 gilt Berlin als möglicher Kandidat für die Ausrichtung Olympischer Sommerspiele in Deutschland. „Wenn es eine Bewerbung des Deutschen Olympischen Sportbundes für Sommerspiele gibt, wäre Berlin eine gute Wahl“, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Montag der Berliner Morgenpost.

Ähnlich äußerte sich Berlins Sportsenator Frank Henkel (CDU): „Wenn sich der Sportbund jetzt für die Bewerbung um Olympische Sommerspiele entscheiden sollte, ist Berlin hoffentlich im Rennen.“

Wowereit sieht das klare Veto der Bürger gegen eine Münchner Bewerbung allerdings durchaus als Rückschlag für die Idee Olympischer Spiele in Deutschland. Die Entscheidung gegen eine Winter-Bewerbung bedeute nicht zwangsläufig bessere Chancen für Berlin, sagte der Regierende Bürgermeister. Es sei offen, wann und ob sich Deutschland wieder für Sommerspiele bewerben werde. „Wenn es eine Grundsatzentscheidung dafür gibt, ist Berlin aber immer eine gute Option“, sagte Wowereit.

Im Jahr 1993 war Berlin mit einer Bewerbung um die Sommerspiele gescheitert – aber nicht an einem Volksentscheid, sondern bei der Abstimmung im Internationalen Olympischen Comitee (IOC). Eine Bewerbung des Olympischen Sportbundes für Spiele in Deutschland wäre frühestens für 2024 möglich. Vermutlich, so sagen Experten, müsse man in weitaus längeren Zeiträumen denken.

Offener Diskurs über eine Kandidatur Berlins

Zunächst müsse aber gründlich aufgearbeitet werden, warum die Bewerbung in Bayern abgelehnt wurde und welche Lehren man daraus ziehe, sagte Senatssprecher Richard Meng. „Es ist schade, denn München hätte unsere Unterstützung gehabt“, betonte er. Nun erhoffe sich die Hauptstadt eine neue Chance. Berlin sei ein guter Kandidat, allerdings könne ein solches Ereignis nur mit breiter Mehrheit der Bevölkerung durchgeführt werden. Dies gelte jedoch für jede Stadt, sagte der Senatssprecher.

Auch Sportsenator Henkel betonte die Wichtigkeit eines Bürgerentscheids, sollte sich Berlin um die Austragung Olympischer Sommerspiele bewerben. Zu der Entscheidung in Bayern sagte der CDU-Politiker am Montag: „Es ist gut und wichtig, dass die betroffenen Menschen der Austragungsorte vorab nach ihrer Einstellung zu Olympischen Spielen befragt wurden. Ohne den mehrheitlichen Rückhalt aus der Bevölkerung lässt sich eine Bewerbung um das weltweit größte und wichtigste Sportereignis heutzutage nicht mehr vertreten. Dennoch ist dieses Ergebnis sehr bedauerlich.“ Nach mehr als 40 Jahren sei Deutschland wieder reif für Olympische Spiele, sagte Henkel.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus, Raed Saleh, sagte zu einer Kandidatur Berlins: „Wir gehen davon aus, dass das eine Frage ist, die die Berlinerinnen und Berliner entscheiden. Ich persönlich bin dafür.“

Klaus Böger, Präsident des Berliner Landessportbundes (LSB), zeigte sich über das Votum in Bayern enttäuscht: „Für uns ist das ein Ausrufe- und Alarmzeichen, aber kein Stoppzeichen. Berlin muss jetzt allerdings mehr machen, als ,stand-by‘ zu sein. Die Politik muss sich positionieren.“

Böger riet zu einem offenen Diskurs über eine Kandidatur, auch er hält eine Bürgerbefragung für notwendig. Er hat bei seiner Kritik internationale Verbände wie das IOC oder den Weltfußballverband Fifa im Auge: „Das Münchner Ergebnis zwingt auch dazu, dass sich die internationalen Organisationen verändern.“

Entscheidungen wie die Vergabe der Winterspiele 2014 nach Sotschi oder der Fußball-WM 2022 nach Katar seien für die Bürger nicht nachvollziehbar, sagte Böger der Morgenpost. „Da gibt es bei der Bevölkerung zu Recht massive Vorbehalte.“

Viele Sportstätten sind vorhanden

Und die Zukunft? Michael Vesper, der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), äußerte sich zurückhaltend zu einer erneuten deutsche Kandidatur. „Jetzt muss man sehen, ob und wann es ein nächstes Mal gibt“, sagte er.

Böger erwartet vom deutschen Sport-Dachverband jedoch alsbald eine klare Aussage. „Jetzt ist der DOSB am Zug. Er muss sagen, ob das jetzt das Ende deutscher Bewerbungen um Olympische Spiele war. Ich sage: Nein.“

Mit Blick auf eine mögliche Bewerbung Berlins frühestens für die Sommerspiele 2024 hält es der ehemalige SPD-Senator für Bildung, Jugend und Sport für besonders wichtig, eine pro-olympische Stimmung in der Stadt zu erzeugen. „Über diese Frage muss es einen Diskurs geben. Man muss sich offen mit Argumenten damit auseinandersetzen, auch die kritischen Geister müssen mit eingebunden werden.“

Einst war die Bewerbung um die Spiele 2000 von vielen Protesten begleitet. Am 23. September 1993 wurde Berlin bei der Vergabe durch das IOC klar abgeschmettert – die Spiele gingen nach Sydney.

Für Böger steht außer Frage, dass Berlin die Spiele stemmen könnte. „Berlin kann Großereignisse, das hat sich doch gezeigt“, sagte er und verwies auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und die Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009 auf der blauen Bahn im Olympiastadion. Einige weitere Highlights stehen in der Hauptstadt noch bevor: 2015 das Finale der Champions League oder 2018 die Europameisterschaft der Leichtathleten, für die der Deutsche Leichtathletik-Verband vor zehn Tagen den Zuschlag erhielt.

Viele Sportstätten seien in Berlin bereits vorhanden. Einige Standorte wie für Beachvolleyball oder für Reiten würden sowieso nur temporär aufgebaut werden. Böger sah in Gedanken bestehende und mögliche Standorte vor sich. Natürlich müsste alles auf den neusten Stand gebracht werden, aber Arenen wie die Max-Schmeling-Halle, die O2 World, das Velodrom oder die Schwimmhalle an der Landsberger Allee müssen zumindest nicht neu geplant und errichtet werden. Das olympische Dorf könnte auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof entstehen.

„Was Berlin auf alle Fälle neu errichten müsste, ist eine Regattastrecke für die Ruder- und Kanuwettbewerbe“, erklärte der LSB-Chef. Klar ist: Grünau käme dafür nicht infrage, weil die IOC-Kriterien keine Naturstrecke zulassen. Ein möglicher Standort dafür wäre, nach Aussage von Böger, das Gelände des (dann ehemaligen) Flughafens Tegel. Eine Wasserzuleitung über eine Verbindung zum Hohenzollernkanal scheint möglich zu sein.

2017 wird das IOC die Spiele für 2024 vergeben

Viel Zeit darf man sich allerdings nicht lassen, um eine mögliche Bewerbung anzuschieben. Böger verwies darauf, dass bereits im Jahr 2015 eine nationale Bewerbungsentscheidung dem IOC vorgelegt werden muss. 2017 wird das IOC dann die Spiele für 2024 vergeben.

Vor einer erneuten Bewerbung aber kann sich Berlin auch schon in den kommenden Jahren auf sportliche Großereignisse freuen: auf das Champions-League-Finale 2015 und die Leichtathletik-Europameisterschaft 2018.

Eine europäische Stadt dürfte keine schlechten Chancen haben. Denn für 2016 und 2020 haben bereits Rio de Janeiro und Tokio den Zuschlag erhalten. Ein Bewerber aus Europa oder Nordamerika könnte 2024 an der Reihe sein.

Europa hat 2024 gute Chancen

Ohne eine Bürgerbefragung wird es auf alle Fälle nicht gehen, das stellte Böger klar. Eine Meinung, die sich auch mit der Aussage aus dem Bundesinnenministerium (BMI) deckte. „Solche Großveranstaltungen sind nicht gegen den Willen der Betroffenen auszurichten“, sagte ein Sprecher von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU).

Angesprochen auf den Anteil, den das oft undurchsichtige Gebaren des Internationalen Olympischen Komitees auf die Entscheidung habe, meinte der BMI-Sprecher: „Bei der Weltsportministerkonferenz im Mai in Berlin wurde bereits auf die negativen Auswirkungen des Gigantismus auf Bewerbungen für die Ausrichtung von Olympischen Spielen hingewiesen.“

Ob dies allerdings von einer Organisation wie dem IOC verstanden wurde, ist eher unwahrscheinlich.

mit sid