Paula steht auf ihrem Balkon im Scheinwerferlicht. Eigentlich wollte sie den rund 400 Menschen, die unten auf der Straße in Berlin-Friedrichshain stehen und die Hälse nach ihr recken, einen Film vorführen. Aber der Beamer ist ausgefallen. Das Problem: „Paula kann nicht singen“, erklärt eine Moderatorin. Sie will es trotzdem versuchen – mit DEM Lied ihrer Jugend, wie sie dem Publikum nervös zuruft: „Wonderwall“ von Oasis. Wenig später steht Paula mit einer Wunderkerze winkend und dem Mikro in der Hand auf dem Balkon. Vor ihr, unten auf der Straße, schallt es aus Hunderten Mündern: „And after aaaall – you're my wonderwaaaall.“
Am Ende des Liedes bekommt Paula tosenden Applaus und Jubel, dazu noch ein Fahrradklingelkonzert. Es ist einer der ersten Auftritte bei der Aktion „Nacht der singenden Balkone“. Dabei wurden am Samstagabend 38 Balkone in Friedrichshain, wo besonders viele Künstler und Kreative leben, zu kleinen Musik- und Showbühnen. Das Publikum zieht mit einer von drei geführten Touren von Balkon zu Balkon, um die Darbietungen zu sehen. Jeder, der sich vorher angemeldet hat, darf mitmachen – egal, ob Profi oder Wohngemeinschaft.
„O sole mio“ vom vierten Stock
Joseph Schnurr, professioneller Opernsänger, steht auf seinem Balkon im vierten Stock und singt „O sole mio“. Das Publikum lauscht auf der anderen Straßenseite beinah ergriffen. Auch die vorbeirauschende Straßenbahn und hupende Autos ändern das nicht – sie tragen eher zur besonderen Atmosphäre der „Singenden Balkone“ bei.
„Einfach überwältigend“, sagt Volker Siems und schaut staunend auf die Menschenmenge. Er ist der Initiator der Veranstaltung. Dahinter steckt die Plattform „Polly & Bob“, bei der es um Nachbarschaftliches wie Gratis-Babysitting und Büchertausch geht. „Wir wollen uns gegen Vereinzelung stemmen, Anonymität aufbrechen, die Menschen zusammenbringen“, hatte Siems im Vorfeld berichtet.
Dass so viele kommen würden, habe er nie gedacht. Bei den drei Touren seien insgesamt mehr als tausend Menschen unterwegs. Vorbild war eine ähnliche Aktion in Hamburg. „Und vielleicht können wir das irgendwann in Städten in der ganzen Republik zeitgleich, an einem Abend machen. Das wäre doch toll“, meint Siems.
Wenn die Frau im Dirndl vom Balkon jodelt
Das Publikum zieht weiter durch den Kiez. Auf den Balkonen jodelt eine Frau im Dirndl, eine Wohngemeinschaft sing „Stand By Me“, eine ganze Familie stimmt „Ein Männlein steht im Walde“ an. Und in einem Park trällert der Kiezchor Weserstraße 80er-Jahre-Disco-Hits.
Mehrere Autofahrer wundern sich über den Pulk von Menschen, der mitten auf der Straße steht – den Blick meistens nach oben gerichtet. Rollstühle, Kinderwagen und Fahrräder werden durch die Straßen geschoben, Kinder und Erwachsene laufen kreuz und quer. Die Polizei mischt sich ein und bittet um mehr Vorsicht. Beim nächsten Mal müsse man das noch anders organisieren, meint Siems. Dann soll die „Nacht der singenden Balkone“ zudem im Sommer stattfinden.
dpa/seg





