Es ist das übliche Spiel in der amerikanischen Botschaft neben dem Brandenburger Tor: Jeder Besucher, der den zur Festung ausgebauten 14.000-Quadratmeter-Komplex betreten will, muss beim Sicherheitscheck am Eingang sein Mobiltelefon abgeben und in einem speziellen Fach deponieren. Wer das Gebäude später verlässt, bekommt das Handy dann unten wieder ausgehändigt.

Im Fall des Berliner Bundestagsabgeordneten Karl-Georg Wellmann (CDU) lief aber einmal etwas nicht nach Plan. Es war 2011, als er nach einem überraschend früh zu Ende gegangenen Termin mit dem damaligen Botschafter Philip Murphy unten am Einlass wieder sein iPhone in Empfang nehmen wollte. Doch das Gerät lag nicht im Fach.

„Irgendein Mitarbeiter – definitiv keiner vom Empfangspersonal – war damit im Gebäude verschwunden und kam gerade wieder zurück, als ich es vermisste“, erinnert er sich heute. „Entweder wurden Daten aus dem Gerät kopiert – oder vielleicht sogar ein Spionagetrojaner installiert“, davon war Wellmann schon damals überzeugt. „Welchen Grund könnte man sonst gehabt haben, das Gerät zu entwenden?“, fragt er.

Geringe Entfernung zwischen US-Botschaft und Kanzleramt

Sicherheitsexperten des Bundestags rieten dem Außenpolitik-Experten daraufhin dringend, das Handy ohne die bei iPhones übliche Synchronisierung zur Datensicherung komplett zu zerstören. Nur mit einem völlig neuen Gerät könne er wieder vertrauliche Gespräche mit seinen Kontaktpersonen in Osteuropa führen. Wellmann entschied sich trotzdem dagegen. Vor allem, weil er es seinen Büroangestellten ersparen wollte, „mehr als tausend Telefonnummern und Adressen per Hand zu übertragen“.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) legte bis zur Enthüllung der NSA-Überwachung ihrer Telefonate bisweilen mehr Wert auf Praktikabilität als auf Vertraulichkeit. Jedenfalls, wenn sie ihr ungesichertes Parteihandy mit der auf einem US-Dokument erfassten Nummer +49173-XXXXXXX benutzte. Experten sagen, dass es für die Amerikaner ein Kinderspiel ist, solche Gespräche aus der US-Botschaft heraus abzuhören.

Tatsächlich ist deren Standort dafür ideal: direkt am Brandenburger Tor, nur wenige hundert Meter von Bundestag und Kanzleramt entfernt – die geringe Entfernung des 2008 fertiggestellten Baus zu den Berliner Machtzentren eröffnet hier stationierten Geheimdienstmitarbeitern in 1A-City-Lage geradezu paradiesische Spähbedingungen. Denn die Distanz gilt als kurz genug für Abhörtechnik, die den normalen Mobilfunk angreift.

Reichlich Platz für die Technik

Üblicherweise senden Handys auf Basis des sogenannten GSM-Standards, der leicht zu knacken ist. Mit einem sogenannten IMSI-Catcher lässt sich jedes unverschlüsselte Gespräch in Echtzeit mithören. Das Gerät gibt sich dabei als Funkmast aus und bringt die Handys dazu, sich bei ihm einzuloggen. Gegenüber anderen Funkmasten tut es wiederum so, als sei es ein Mobiltelefon – die Kommunikation kann belauscht werden.

Platz für den Aufbau der Technik gibt es in dem mit Panzerglas, dicken Mauern, Geheimtüren und Überwachungskameras ausgestatteten US-Bau auf insgesamt viereinhalb Stockwerken reichlich.

Der „Spiegel“ zitiert aus einem als „streng geheim“ eingestuften NSA-Papier aus dem Jahr 2010, aus dem hervorgeht, dass definitiv auch in Berlin eine Truppe mit dem Namen Special Collection Service (SCS) operiert – eine Eliteeinheit mit Leuten aus beiden Geheimdiensten, also NSA und CIA. Weltweit arbeiten deren Spione demnach – als Diplomaten getarnt – in abgeschirmten Bereichen in rund 80 US-Botschaften und -Konsulaten. Ihr Equipment hätten sie meist in den oberen Etagen aufgebaut, es werde „mit Sichtblenden und potemkinschen Aufbauten vor neugierigen Blicken geschützt“.

Verdächtiger grauer Bau auf der Botschaft

Auch auf dem Dach direkt über dem Büro des Botschafters John B. Emerson gibt es einen verdächtigen grauen Bau mit abgeschirmten Fenstern, hinter dem sich weitere Antennen verbergen könnten. Auffällig an dem Berliner Bau ist auch, dass auf dessen Rückseite zum Holocaust-Mahnmal hin im Obergeschoss kein einziges Fenster existiert. Darunter befinden sich außerdem geheime Etagen, zu denen die Mitarbeiter der deutschen Bauaufsicht selbst während der Errichtungsphase keinen Zutritt bekamen. Hier gibt es Platz für 245 Mitarbeiter. Ihre genauen Aufgaben: unbekannt.

Zumindest das Dach des Gebäudes wurde inzwischen von außen genauer unter die Lupe genommen. Ein mit Spezialkameras ausgestatteter Hubschrauber der Bundespolizei überflog bereits im Auftrag des Verfassungsschutzes das Botschaftsgebäude, um zu überprüfen, ob der Komplex tatsächlich ein Horchposten der amerikanischen Geheimdienste ist.

Zuständig für die Aktion: Abteilung 4 im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz, die sich um die Abwehr illegaler Spionage durch ausländische Geheimdienste kümmert. Dort hatte man sich bislang auf Russland und China konzentriert. Eine systematische Beobachtung „befreundeter Nachrichtendienste“ wie jener der USA wurde nicht betrieben.

Grenzen der Aufklärung

Das dürfte sich jetzt ändern. Doch alle Aufklärungsbemühungen stoßen da an Grenzen, wo Ermittler das Gebäude selbst betreten müssen, um etwa verdächtige Technik als Beweismittel sicherzustellen. Denn laut Artikel 22 des Wiener Übereinkommens über diplomatische Beziehungen von 1961 sind die Räumlichkeiten jeder Mission „unverletzlich“.

Das bedeutet: Vertreter des sogenannten Empfangsstaats – auch Polizisten – dürfen sie nur mit Zustimmung des Hausherrn betreten. „Die ... Einrichtung und die sonstigen darin befindlichen Gegenstände sowie die Beförderungsmittel der Mission genießen Immunität von jeder Durchsuchung, Beschlagnahme, Pfändung oder Vollstreckung“, heißt es in dem Dokument.

Für Karl-Georg Wellmann ist deshalb klar: „Das Problem, dass die Amerikaner sich bei uns aufführen wie eine Besatzungsmacht, muss politisch gelöst werden. Notwendig ist eine Verhaltensänderung der USA selbst. Nur so kann das schwer beschädigte Verhältnis der beiden Staaten neu aufgebaut werden.“ Bis es so weit ist, wird Wellmann sich ein neues Mobilfunkgerät zulegen. Bereits nächste Woche hat er einen Termin mit einem Experten des Bundessicherheitsamtes. Danach müssen seine Leute nun doch rund tausend Telefonnummern per Hand übertragen.