Risse im Beton

Rettung für das bröckelnde Holocaust-Mahnmal in Sicht

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Philip Volkmann-Schluck

Seit 2010 streiten sich Denkmal-Stiftung und Baufirma über die Risse in den Stelen. Graue Manschetten stützen bislang 24 der insgesamt 2711 Stelen. Jetzt könnte es eine technische Lösung geben.

Drei Jahre. Das ist nicht viel Zeit für ein Mahnmal, das für die Ewigkeit gebaut sein soll. Andererseits sind drei Jahre aber viel Zeit um zu klären, ob dieses Mahnmal überhaupt ein paar Jahrzehnte übersteht. Besonders, wenn die Beteiligten hartnäckig schweigen. Seit drei Jahren läuft nun ein Verfahren am Landgericht Berlin, das Fragen zur Zukunft des Denkmal für die Ermordeten Juden Europas beantworten soll: Warum reißt der Beton der Stelen auf? Was muss dagegen getan werden? Und wer zahlt das alles?

Immerhin kommt Bewegung in das zähe Verfahren. Es zeichnet sich ab, dass die Stelen optisch so erhalten bleiben, wie sie Stararchitekt Peter Eisenman entworfen hatte. Bisher stützen graue Manschetten 24 der insgesamt 2711 Stelen, um sie gegen Abbruch zu schützen. Das ist aber ein recht grober Eingriff in das Erscheinungsbild. Offenbar gibt es nun eine technische Lösung ohne Manschetten. Nach Informationen der Morgenpost soll zum Jahresende der endgültige Sanierungsplan feststehen.

Landgericht gibt noch keine Prognose zum Verfahren

Am Landgericht will man keine Prognosen zum Verfahren abgeben. Nur so viel: „Das Gutachten ist fertig und liegt vor“, sagte ein Sprecher des Landgerichts. Seit 2010 läuft die Auseinandersetzung zwischen der Denkmal-Stiftung und der Firma Geithner Bau, die für insgesamt neun Millionen Euro die Betonstelen gefertigt hatte. Es ist kein Prozess, sondern ein „selbstständiges Beweisverfahren.“ Ein solches Verfahren ist einem Prozess vorgelagert, es soll Gerichtskosten sparen und - eigentlich - eine schnelle Aufnahme der Beweise ermöglichen.

Letzteres hat offensichtlich nicht geklappt. Dafür gibt es aber weiterhin die Chance einer außergerichtlichen Einigung zwischen Stiftung und Baufirma. Nach Informationen der Morgenpost gebe es einen „regen schriftlichen Austausch“ über die Inhalte des gerichtlichen Gutachtens. Das Besondere an einem gerichtlichen Gutachten ist, dass es im Unterschied zu den von den jeweiligen Streitparteien eingekauften Expertisen als unabhängig gilt. Es darf als Beweis vor Gericht verwendet werden. Bereits vor einem Jahr lag eine vorläufige Fassung dieses Gutachtens vor. Doch über die Inhalte gab es offenbar reichlich Diskussionsbedarf. Vertreten wird die Stiftung vor Gericht von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Doch weder bei der Baufirma noch bei der Stiftung will man sich offiziell äußern.

Rettung der Stelen

Einblicke hat aber Bernd Hillemeier, vormals Professor für Baustoffkunde an der Technischen Universität Berlin und renommierter Baustoffexperte. Er war Berater in der Bauphase und erstellte bereits vor Jahren ein Gutachten zu den Ursachen der Risse. Er sagt: „Vor uns liegen nun technische Aufgaben, die wir bewältigen können.“ Das klingt so, als hätten sich die Parteien angenähert. Besonders freut Hillemeier, „dass eine Lösung ohne die störenden Stahlmanschetten realistisch ist.“ Wie genau die Stelen saniert werden sollen, will aber auch er noch nicht verraten.

Erste Risse in den Stelen des Mahnmals (Gesamtkosten rund 27,2 Millionen Euro) waren kurz nach der Fertigstellung im Jahr 2005 aufgefallen. Drei Jahre später hatten sich die Risse auf jede zweite der 2711 Stelen ausgebreitet. Damit begann eine Kontroverse, wie bedrohlich dieser Verfall sei und wer daran Schuld habe. Architekt Peter Eisenman sagte vor drei Jahren: „Schauen Sie, das sind Kratzer. Dinge passieren mit der Zeit. Wir haben Falten in den Gesichtern. Was ist so schlimm an Rissen.“

Tägliche Gefahrenkontrolle für mehr Besuchersicherheit

Eine halbe Million Besucher laufen jedes Jahr durch das Stelenfeld. Was, wenn sich Teile des Betons lösen? Bis heute kontrollieren täglich Mitarbeiter der Stiftung, ob eine Gefahr für Besucher besteht. Vor einem Jahr wurden an 24 Stelen Manschette aus Eisen angebracht. Einzelne Stelen aus dem Ensemble komplett auszutauschen gilt als unmöglich, da die Stelen in der Mitte des Kunstwerkes von einem Kran kaum zu erreichen ist.

Vor zehn Jahren noch hatte Eisenman geschwärmt, den „besten Beton Berlins“ gefunden zu haben. Damals hatten sich Firmen aus ganz Europa auf die Projekt-Ausschreibung beworben. Es war eine Überraschung, dass sich die vergleichsweise kleine Betonfirma Geithner mit ihrem Werk im brandenburgischen Standort Joachimsthal durchsetzte. Der Chef der Firma sagte damals: „Wir haben eben das Know-how für solche Aufgaben, das hat sich herumgesprochen.“