"No-go-Area"

Neukölln-Besuch kann Rabbiner Alter die Angst nicht nehmen

Rabbiner Daniel Alter bezeichnete nach einem Überfall Teile von Berlin-Neukölln als No-go-Areas für Juden. Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky wollte ihn bei einem Treffen vom Gegenteil überzeugen.

Foto: Amin Akhtar

Am Ende dieses Nachmittags sind die Fronten verhärtet. Rabbiner Daniel Alter und Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky sind zwar gemeinsam die Sonnenallee entlangspaziert. Doch als sie sich nach zwei Stunden trennen, hat keiner von beiden den anderen auch nur annähernd von seiner Position überzeugt. Es scheint sogar, als wären sie sich fremder als zuvor. Der eine hat Angst, der andere kann das nicht verstehen.

Passiert ist nichts beim Gang durch die Sonnenallee. Auch deshalb nicht, weil der Rabbiner ein Basecap trägt. Dass er darunter eine Kippa, die jüdische Kopfbedeckung, trägt, ist nicht zu sehen. Erst als wir auf dem Rathausvorplatz sind, lüftet Daniel Alter kurz die Mütze. Für den Fotografen sitzt er nun mit der Kippa auf dem Kopf mitten in Nord-Neukölln. Die Umsitzenden nehmen davon jedoch kaum Notiz. Einige gucken kurz, unterhalten sich dann aber weiter. Die meisten sind mit sich selbst beschäftigt.

Das Treffen von Bürgermeister Heinz Buschkowsky und Rabbi Daniel Alter hat eine Vorgeschichte. Daniel Alter ist im Sommer 2012 zusammengeschlagen worden, weil er Jude ist. Dieser Vorfall hat deutschlandweit großes Aufsehen erregt. In den jüdischen Gemeinden wird seitdem heftig darüber diskutiert, ob gläubige Juden in der Öffentlichkeit eine Kippa tragen sollten oder nicht. Rabbiner Alter gehört zu denjenigen, die davor warnen. "Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit haben zugenommen", sagt er. "Inzwischen gibt es Viertel in der Stadt, die Juden mit Kippa oder mit einem Davidstern um den Hals meiden sollten." "No-go-Areas" nennt Alter sie. Teile von Neukölln gehörten dazu.

Experiment in der Sonnenallee

Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky reagiert prompt. In seinem Bezirk gebe es keine "No-go-Areas", sagte er der Berliner Morgenpost. "Ich bin gern bereit, mit Herrn Alter die Sonnenallee entlangzugehen", bietet Buschkowsky an. Wir nehmen ihn beim Wort. Eine Verabredung kommt zustande. Der Rabbiner stimmt "dem Experiment" allerdings nur unter der Bedingung zu, dass vorab klargestellt wird, dass dieser Spaziergang nicht alltäglich ist und eine reale Situation kaum wiedergibt. "Als Bürgermeister ist Herr Buschkowsky bekannt in Neukölln. In seinem Beisein würde mir deshalb sicher nichts passieren, wenn ich mich als Jude zu erkennen gebe", sagt er.

Nach zwei Stunden ist der gemeinsame Spaziergang zu Ende. Die beiden Männer trinken noch zusammen Kaffee. Buschkowsky sagt: "Natürlich gibt es eine weltweite latente Bedrohung Israels aus der islamischen Welt. Ich verstehe aber nicht, dass sie diesen Antisemitismus auf jede momentane Alltagssituation beziehen." Mit dem Gefühl ständiger Angst könne er nicht leben. Das würde ihm jede Lebensqualität rauben. Alter hält dagegen. "Ich habe öfter die Erfahrung gemacht, dass ich angepöbelt worden bin, wenn ich mit der Kippa herumlief." Auch viele Gemeindemitglieder würden ihm immer wieder davon berichten.

Buschkowsky schüttelt den Kopf. Er will das so einfach nicht stehen lassen und ergreift Partei für "seine" Neuköllner. "Aufgrund des Überfalls in Friedenau ist ihre Emotionalität an dieser Stelle verständlich. Trotzdem halte ich eine konkrete Bedrohung des Einzelnen in der Öffentlichkeit eher für die Ausnahme. Etwas anderes wäre auch schlimm", sagt er zu Alter. Die Sonne scheint auf den Rathausvorplatz, fast alle Tische des italienischen Restaurants sind besetzt. Die Atmosphäre ist entspannt. Nur zwischen den beiden Männern ist eine Anspannung zu spüren, die schwer auszuhalten ist. Das Gespräch dreht sich im Kreis.

"Rechtsextremismus gibt es leider auf der ganzen Welt"

Buschkowsky räumt ein, dass ihn selbst seine Position als Bürgermeister natürlich schützen würde, diesbezüglich habe der Rabbiner recht. Doch es gebe längst nicht eine derartige Verrohung des öffentlichen Lebens, wie das oft behauptet werde. "Dass bei uns jeder auf der Straße Angst haben muss, im nächsten Moment angepöbelt oder angegriffen zu werden, ist trotz aller Derbheit einfach Quatsch. Sonst könnte ich hier auch nicht wohnen", sagt er.

In diesem Jahr hätten 3200 der 320.000 Neuköllner rechts außen gewählt, das sei eine geringe Zahl, gleichwohl noch immer zu groß. 1992 seien es jedoch 16.600 gewesen. "Rechtsextremismus gibt es leider auf der ganzen Welt. In der Kulturlandschaft Berlins ist seine Rolle bedeutungslos, aber eben doch da."

Dann steht Buschkowsky plötzlich auf. "Ich muss jetzt gehen, wir kommen hier nicht weiter", sagt er, gibt dem Rabbiner die Hand, bezahlt und eilt davon in Richtung Rathaus. Daniel Alter bleibt sitzen. Er fühlt sich missverstanden und ist wohl auch uneins mit sich selbst. Es macht ihm offensichtlich zu schaffen, dass Buschkowsky nicht auf seine Bedenken eingegangen ist. Dabei hat er Gewalt am eigenen Leib erfahren, im Beisein seiner Tochter.

In Deutschland habe der Antisemitismus zugenommen

Es ist ein Vormittag im August 2012, als ihm plötzlich mehrere Jugendliche – vermutlich mit arabischem Migrationshintergrund – vor seiner Haustür den Weg versperrten. Ob er Jude sei, wird er gefragt. Als er bejahte, schlägt ihm einer der Täter mehrfach brutal ins Gesicht, ein anderer auf den Hinterkopf. Die jungen Männer beleidigen ihn sowie seinen Glauben und drohen dem kleinen Mädchen mit dem Tod. Anschließend flüchten sie. Bis heute sind sie nicht gefasst. Alter erleidet einen Jochbeinbruch, der ihn wochenlang beeinträchtigt.

Mit seinen Ängsten ist Daniel Alter nicht allein. Eine jüdische Historikerin (Name ist der Redaktion bekannt) sagt, dass sie ihren Davidstern, den sie seit Kindertagen trägt, nicht mehr problemlos heraushängen lasse. In Wilmersdorf sei die Lage zwar entspannt. In Teilen von Neukölln, wo sie einige Zeit gewohnt habe, aber nicht. "Natürlich ist es höchst individuell, wie Leute die Bedrohungssituation einschätzen", sagt die Frau. Es gebe Menschen, die hätten ein höheres Sicherheitsbedürfnis als andere. Ausschlaggebend seien die eigenen Erfahrungen.

In einigen Vierteln Berlins würde sie in der S-Bahn nicht mal die "Jüdische Allgemeine" so lesen, dass diese zu erkennen sei, sagt die Historikerin. Sie sei zwar noch nie angegriffen worden, möchte aber in so eine Situation auch gar nicht kommen. "Mir reichen schon blöde Blicke von Jugendlichen", sagt sie. In Deutschland habe der Antisemitismus zugenommen. "Wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, dass die Sache sich so entwickelt, hätte ich mir damals nicht vorstellen können, weiter hier zu leben." Die Ursachen für diese Entwicklung seien vielfältig. Zu beobachten sei, dass nationalistische Themen zunehmend salonfähig werden würden. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte werde mehr und mehr verdrängt.

"Vollpfosten und Dumpfbacken gibt es überall"

Doch zurück zum Hermannplatz. Wir haben uns um 14 Uhr verabredet. Buschkowsky kommt etwas zu früh. Er hoffe, dass nichts passieren wird, sagt er. In einer Millionenstadt wie Berlin könne zwar immer etwas geschehen. Gewaltvorfälle gebe es schließlich jeden Tag in der Stadt. Er schaut sich um. "Gewalttätig sieht hier niemand aus, manche sehen zwar etwas bunt aus und abenteuerlich, aber nicht furchterregend." Andererseits könne man aber nie sicher sein. "Vollpfosten und Dumpfbacken gibt es überall."

Es ist sonnig, viel zu warm für diese Jahreszeit. Auf dem Hermannplatz sind Marktstände aufgebaut. Es gibt Gemüse, Fast Food, Lederwaren, Blumen. Die Menschen, die hier unterwegs sind, stammen aus aller Herren Länder. Junge Frauen mit Kopftuch und Kinderwagen sind zu sehen, auch eine chinesische Familie, einige Schwarze und eine Gruppe von Schülern. Ältere Frauen mit Einkaufbeuteln steuern zielsicher die Gemüsestände an. Es ist ruhig auf dem Platz, fast beschaulich. Die Menschen kaufen ein, essen, schlendern herum oder sitzen einfach nur in der Sonne.

Als der Rabbiner kurz nach 14 Uhr eintrifft, hat er ein Basecap auf dem Kopf. Die Kippa darunter ist nicht zu sehen. "Ich trage sie nicht mehr sichtbar, wenn ich draußen unterwegs bin", sagt Alter. In diesem Fall jedoch werde er die Mütze später vielleicht abnehmen, falls er sich sicher genug fühle. Das wird allerdings nur kurz der Fall sein, so viel sei hier schon einmal vorweggenommen.

Der Rabbiner fühlt sich nicht besonders wohl

Buschkowsky ist enttäuscht. "Ich glaube nicht, dass Menschen uns bedrängen, angreifen oder beschimpfen werden, wenn Sie die Kippa tragen", sagt er. Alter lenkt ein. "Schauen wir mal, was in den nächsten Stunden passiert." Dann laufen sie los. Sie wollen die Sonnenallee entlanggehen bis zum Rathaus Neukölln. An der großen Straße wohnen inzwischen vor allem arabische Familien.

Auf dem Gehsteig ist es voll. Viele Leute sind hier unterwegs, darunter viele junge Männer. Vor manchen Geschäften geht es zu wie auf einem Basar. Es herrscht ein buntes Durcheinander. Buschkowsky und Alter gehen an Gemüseläden vorbei, an Spielkasinos, Imbissbuden und Shisha-Cafés. Hier und da stehen die Inhaber vor der Tür, manche grüßen Heinz Buschkowsky. "Viele kennen mich, ich habe sie schließlich eingebürgert", sagt der.

Der Rabbiner fühlt sich nicht besonders wohl hier, das ist ihm anzumerken. Der Überfall vom Sommer 2012 sitzt ihm noch immer im Nacken.

Nach dieser Tat ist der Rabbiner sehr besonnen aufgetreten. Er geht in die Offensive, gibt Interviews, wirbt trotz allem für ein friedliches Miteinander. In einem Interview mit der "Jüdischen Allgemeinen" sagt er, dass es für ihn keine kollektive Schuld gebe. Das Gespräch sei die einzige Chance, um aufzuklären und solche oder schlimmere Vorkommnisse in Zukunft zu verhindern. "Das ist meine Form der Auseinandersetzung mit den Tätern", sagt Alter heute. "Ich konnte ja schlecht mit denen in einen Boxring steigen, zumal sie nie ermittelt worden sind."

Der "Fall Alter" hat weltweit Schlagzeilen gemacht

Alter sucht Verbündete, auch unter Muslimen, Christen, Atheisten. Er geht in Schulen, spricht auf Veranstaltungen. Auch in Neukölln diskutiert er mit Schülern. Eng arbeitet er auch mit dem Neuköllner Verein Heros zusammen, der sich für ein friedliches Miteinander aller Menschen engagiert. Im Dezember 2012 wird Alter zum Beauftragten gegen Antisemitismus und für den interreligiösen Dialog der Jüdischen Gemeinde ernannt.

Von seiner Warnung, dass Berlin für bekennende Juden nicht überall sicher sei, rückt der Rabbiner aber nicht ab. Diese Tatsache dürfe nicht heruntergespielt werden. Auch ein Jahr nach dem Überfall bleibt er dabei: "Es bringt nichts, sich ins Krankenhaus schlagen zu lassen." Er fordert die Politiker auf, sich stärker zu positionieren.

Der "Fall Alter" hat weltweit Schlagzeilen gemacht: Der erste Rabbiner, der nach dem Holocaust in Deutschland ordiniert wurde, wird von südländisch aussehenden Jugendlichen zusammengeschlagen. Entsprechend groß ist die Bestürzung. Heftige Diskussionen kommen in Gang. Sollten Juden die Kippa nicht mehr öffentlich tragen oder ist das übertrieben?

20 Prozent der Deutschen sind "latent antisemitisch" eingestellt

Das jüdische Abraham Geiger Kolleg in Potsdam jedenfalls rät seinen Studenten, die dort zu Rabbinern ausgebildet werden, in der Öffentlichkeit lieber nicht die Kippa zu tragen. Aus Sorge um die Schüler handhabt die jüdische Traditionslehranstalt Or Avner in Berlin es schon lange ähnlich. Bei Ausflügen in den Zoo oder ins Museum werden die Kinder ermahnt, lieber Deutsch zu reden, nicht Hebräisch, und sich eine Baseballkappe über die Kippa zu ziehen, um "dummen Menschen" keine Angriffsfläche zu bieten.

Im Oktober 2012 wird im Bundestag über Antisemitismus debattiert. "Ich glaube, dass der Überfall Handlungsauftrag an uns alle war", sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) bezogen auf den Angriff auf den Rabbiner Alter. Während der Debatte fordert der damalige Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) stärkere Anstrengungen der Bundesregierung im Kampf gegen Antisemitismus, die bisherigen reichten nicht aus.

Bereits Ende 2010 veröffentlicht eine Expertenkommission im Auftrag der Bundesregierung den sogenannten Antisemitismus-Bericht. Die darin enthaltenen Erkenntnisse sind beunruhigend. 20 Prozent der Deutschen sind demnach "latent antisemitisch" eingestellt, judenfeindliche Straftaten zudem ein "kontinuierlich präsentes Alltagsphänomen".

Welle der gesamtgesellschaftlichen Solidarität

Auch eine Studie der Amadeu-Antonio-Stiftung, die Initiativen und Projekte gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus unterstützt, zeichnet ein drastisches Bild. 23 Prozent der Deutschen lehnen es demnach ab, dass Juden in diesem Land die gleichen Rechte bekommen sollen. 32,8 Prozent sind der Ansicht, die Juden hätten zu viel Einfluss auf die Gesellschaft. 49,9 Prozent glauben, viele Juden versuchten, aus der Vergangenheit des Dritten Reichs ihren Vorteil zu ziehen.

Doch der Überfall auf Daniel Alter hat auch viele Menschen mobilisiert. Unmittelbar nach der Tat gibt es Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen, nicht nur in Berlin. "Wir sind von einer Welle der gesamtgesellschaftlichen Solidarität im positiven Sinne völlig überrollt worden", sagt Alter. Gerade die Reaktionen aus der Nachbarschaft hätten ihm und seinen Kindern geholfen, sich in Berlin weiter wohlzufühlen.

Auch der Türkische Bund Berlin (TBB) verurteilt den Überfall. Es gebe das Problem von Antisemitismus unter arabischen und türkischen Jugendlichen, sagt Sprecher Mustafa Doganay. Es wäre aber falsch, dieses Problem zu generalisieren. "Natürlich gibt es auch unter uns Nationalisten, die Hassgefühle haben, die gibt es in jeder gesellschaftlichen Randgruppe." Aufklärungsarbeit sei die einzige Möglichkeit, diesem Phänomen entgegenzutreten. "Wir müssen gegen Vorurteile vorgehen. Das muss in der Schule anfangen."

"Verbale Angriffe sind an der Tagesordnung"

Er selbst spüre den Hass nicht, sagt Doganay. "Doch wenn Herr Alter sich so fühlt und Angst hat, dann ist es eben so. Das sind Gefühle, die kann man nicht einfach abhaken." Er würde auch ängstlich sein, wenn er beispielsweise in Hellersdorf unter Neonazis gerate. "Das ist eine menschliche Angst."

Was auf der Sonnenallee an diesem Tag im Oktober passiert wäre, hätte der Rabbiner seine Kippa getragen, wissen wir nicht. Er hat es nicht getan. Vielleicht hätte das niemanden interessiert. Vielleicht hätte es aber doch dumme Sprüche gegeben. "Verbale Angriffe sind an der Tagesordnung", sagt Alter. Das bestätigt auch Ahmad Mansour, Diplompsychologe und Gruppenleiter beim Neuköllner Projekt Heros, in dem sich junge Männer gegen die Unterdrückung im Namen der Ehre und für die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern engagieren.

Mansour ist palästinensischer Israeli und Muslim. Er lebt seit neun Jahren in Berlin. "Antisemitismus ist unter muslimischen Jugendlichen ausgeprägter als in der Mehrheitsgesellschaft", sagt er. Er kenne viele arabische Jugendliche, die eine solche Einstellung hätten. Die seien von den arabischen Medien beeinflusst, die gezielt antisemitische Propaganda betreiben würden. Ausgangspunkt sei der Nahost-Konflikt. Besonders unter türkischen Jugendlichen spiele die Verschwörungstheorie eine Rolle. "Sie machen die Juden unter anderem für die Finanzkrise verantwortlich", sagt Mansour.

Dem Einfluss der Eltern und Großeltern etwas entgegensetzen

Mansour sagt, dass die Schule eine große Verantwortung habe. "Bisherige Konzepte sprechen vor allem deutsche Jugendliche an, aber nicht so sehr islamische Jugendliche." Dabei sei Aufklärung nötig, um den Einflüssen der Eltern und Großeltern etwas entgegenzusetzen. Genauso wichtig seien gegenseitige Begegnungen. In dieser Hinsicht werde aber viel zu wenig unternommen. "Zeit, Geld und Personal sind nötig", appelliert Mansour an die Politiker.

Carsten Koschmieder, Politologe am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, sagt, dass der Antisemitismus in Deutschland in den vergangenen 50 Jahren langsam, aber stetig abgenommen hat. Allerdings werde in letzter Zeit stärker über den Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen diskutiert. "Ungeachtet dessen steht fest, dass 90 Prozent der Straftaten in diesem Zusammenhang einen rechtsextremistischen Hintergrund haben", sagt Koschmieder. Unter den restlichen zehn Prozent der Straftäter seien eben auch muslimische Jugendliche.

Latenten Antisemitismus gebe es allerdings nicht nur bei den Nazis oder bei islamischen Menschen, sondern auch bei der Durchschnittsbevölkerung. Die Gründe dafür seien vielfältig. Diese Haltung habe in Deutschland eine lange Tradition, die sich in Kultur und Sprache manifestiert. Allgemeine Vorurteile gegen Menschen, die als anders wahrgenommen werden, kämen hinzu.

"Die Menschen müssen einander kennenlernen"

Carsten Koschmieder sagt, dass jeder gläubige Jude selbst entscheiden müsse, ob er in der Öffentlichkeit eine Kippa trage oder nicht. "Dabei sollte jedem klar sein, dass er ein potenzielles Angriffsziel darstellt, wenn er das tut." Das Risiko, angepöbelt zu werden, sei etwa in Nord-Neukölln größer als am Potsdamer Platz. Wobei theoretisch an beiden Orten etwas passieren könnte. Das sei natürlich eine schlimme Tatsache.

Koschmieders Fazit: Alle müssen etwas gegen Antisemitismus tun. Jeder sollte in seinem Umfeld darüber reden und nicht still sein, wenn andere abwertende Bemerkungen machten. Bildung sei wichtig, um Vorurteile abzubauen, so der Politologe. "Die Menschen müssen einander kennenlernen, das hilft gegen Vorurteile."

Normale, verschrobene, junge und alte Menschen

Bevor Buschkowsky den Rathausvorplatz verlässt, versucht er noch einmal, den Rabbiner zu beruhigen: "Sehen Sie sich hier doch einmal um", sagt er zu Daniel Alter. "Die vielen Leute, die hier sitzen, sehen doch nicht aus, als würden sie zum Heiligen Krieg aufrufen." Er zeige Besuchern aus dem In- und Ausland gern diesen Platz vor seinem Rathaus, sagt er. Wer eine Weile das Treiben dort beobachte, der erhalte ein realistisches Bild von seinem Bezirk. "Die Leute hier sind normale, verschrobene, junge und alte Menschen, eben all jene, die hier leben."

Angerempelt wird an diesem Nachmittag auf der Sonnenallee nur die Journalistin. "Gucken Sie doch nach vorn", raunzt ein älterer Herr, offensichtlich ein Deutscher, die Schreiberin an, die öfter auf ihren Block schaut statt auf den Bürgersteig.

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