Prozess

Lübars-Mord – Angeklagte an Grenze zu geistiger Behinderung

Im Prozess um die getötete Christin R. hat Tanja L. ausgesagt, sich aus Liebe zum Hauptangeklagten am Mordkomplott beteiligt zu haben. Trotz ihres IQ von 72 soll sie gewusst haben, was sie tat.

Foto: Steffen Pletl

Tanja L. ist im Prozess um die ermordete Pferdewirtin Christin R. Angeklagte und gleichzeitig wohl auch wichtigste Zeugin. Ihre Aussage, dass sie sich aus Liebe zu dem Hauptangeklagten Robin H. an dem Mordkomplott gegen Christin R. beteiligte, war für viele schwer nachvollziehbar. Erst recht, da sie die Pferdewirtin auf Weisung von Robin H. sogar vergiften wollte – so zumindest hatte es Tanja L. vor Gericht ausgesagt. Dieser Versuch schlug zwar fehl. Die 21-jährige Christin R. wurde jedoch wenig später, am 20. Juli 2012, auf einem Parkplatz in Lübars erdrosselt. Tanja L. war nach eigener Aussage als Lockvogel dabei.

Das am Montag vorgetragene Gutachten des forensischen Psychiaters Alexander Böhle machte deutlich, dass Tanja L.s Beschreibungen ihrer Abhängigkeit von Robin H. durchaus glaubhaft sein könnten. Der Psychiater beschrieb die 27-Jährige als eine entwicklungsverzögerte junge Frau, bei der nach mehreren Tests nur ein Intelligenzquotient von 72 festgestellt werden konnte. Das sei zwar noch kein Schwachsinn, es läge jedoch an der Grenze zur geistigen Behinderung, so Böhle. „Nur etwa drei Prozent der Menschen ihrer Altersklasse haben einen derart geringen oder noch niedrigeren IQ.“

Angeklagte stammt aus schwierigen Verhältnissen

Die gelernte Fleischerin sei ein „sehr einfacher, unsicherer Mensch“, mit kaum ausgeprägtem Selbstwertgefühl und empfinde sich selber – obwohl das gar nicht der Fall ist – auch äußerlich als absolut unattraktiv. Sie sei auch nicht in der Lage, Konflikte auszutragen und auf eine aggressive Konfrontation adäquat zu reagieren. Das werde von ihr stattdessen „massiv ausgeblendet“, sagte Böhle.

Das Verhältnis der Angeklagten zum mutmaßlichen Drahtzieher des Komplotts beschrieb der Gutachter als noch immer ungeklärt. „Meine Frage, ob sie Robin H. immer noch liebt, hat sie nicht beantwortet.“ Böhle ging davon aus, dass Tanja L. in dem 24-Jährigen tatsächlich den Traummann gesehen habe. Die in schwierigen Verhältnissen aufgewachsene junge Frau habe gehofft, bei ihm „Harmonie, Wärme, Geborgenheit“ zu finden. Robin H. sei für sie der Mann gewesen, „der alles kann, den sie als weit überlegen und grandios empfand“.

Gutachter über Angeklagte: „Sie hat gewusst, was sie tat“

Der Gutachter ging jedoch davon aus, dass Tanja L. sich zur Tatzeit trotz ihrer Defizite steuern konnte: „Sie war zu einem zielgerichteten, komplexen Handeln in der Lage. Sie hat gewusst, was sie tat.“

In dem Prozess wird den Angeklagten vorgeworfen, Christin R. aus reiner Habgier getötet zu haben. Auf die junge Frau waren acht Risikolebensversicherungen über insgesamt 2,4 Millionen Euro abgeschlossen worden, die Robin H. und seine ebenfalls angeklagte Mutter den Ermittlungen zufolge nach ihrer Ermordung kassieren wollten. Die Beweisaufnahme wird am Montag fortgesetzt.