Immer mehr Aufmerksamkeit zieht das Lager der Flüchtlinge am Pariser Platz auf sich. 30 bis 40 bunte Regenschirme bilden einen niedrigen Zaun. Dazwischen liegen Decken, Isomatten und Schlafsäcke, mit Regenplanen zugedeckt. Die jungen Männer im Hungerstreik sitzen oder stehen, einige rauchen. Einer der Asylbewerber hat einen Schwächeanfall und liegt am Boden. Andere halten seine Hände, reden mit ihm. Dann ruft eine junge Berlinerin den Notarzt.

Minuten später erklingt die Sirene, ein Rettungsfahrzeug fährt vor. Sanitäter bringen den Kranken mit einer Trage ins Fahrzeug. Ein Vorgang, der sich in den vergangenen Tagen häufig am Pariser Platz ereignet hat. Die Situation sei ähnlich wie an den beiden Vortagen, sagt einer der Sanitäter.

„Die Menschen, die wir gestern in die Krankenhäuser gebracht haben, sind alle wieder da.“ Sie seien intravenös ernährt worden. „Dann erholt man sich ziemlich schnell.“ Bislang habe man keine bleibenden gesundheitlichen Schäden festgestellt.

Transport in Kliniken abgelehnt

19 Flüchtlinge habe die Feuerwehr allein in der Zeit von Mittwoch, 9 Uhr, bis Donnerstagmittag in nahe gelegene Krankenhäuser gebracht, sagt Sprecher Jens-Peter Wilke. Seit Beginn des Hungerstreiks seien es 34 Menschen gewesen. In immer kürzeren Abständen müssten Flüchtlinge in Kliniken gefahren werden, um sie dort mit der Infusion von Nährstoff-Lösungen zu stabilisieren. Seit Donnerstagmittag verweigerten die Flüchtlinge, die unter anderem aus Syrien und dem Iran kommen, jedoch den Transport durch die Feuerwehr in Krankenhäuser. Sie verließen sich auf die Betreuung durch Ärzte ihres Vertrauens auf dem Pariser Platz, sagt der Feuerwehrsprecher.

29 Flüchtlinge seien derzeit auf dem Platz, sagt Tadele Brook aus Äthiopien an diesem Donnerstagvormittag. Nach eigenen Angaben hatten sie in Bayern Asylanträge gestellt und kamen Mitte der vergangenen Woche nach Berlin, um durchzusetzen, dass ihre Anträge bewilligt werden und dass sie arbeiten dürfen. „Wir sind seit neun Tagen im Hungerstreik“, erzählt Brook. Seit Montag würden die Flüchtlinge auch kein Wasser mehr trinken. „Immer wieder bricht jemand zusammen.“

Infusionen mit Glukose und Salzen

Er selbst sei am Mittwoch nach einem Schwächeanfall ins Virchow-Klinikum der Charité am Augustenburger Platz in Wedding gebracht worden, erzählt der 25-Jährige. Man habe ihn untersucht und Blutdruck, Puls sowie Atemfrequenz gemessen. „Man sagte mir, dass der Zuckergehalt sehr niedrig ist und Gefahr für die Nieren besteht.“ Er habe Infusionen mit Glukose und mit Salzen bekommen und sich wieder erholt. Nahrung und Wasser habe er jedoch verweigert und um seine Entlassung gebeten.

Was passieren kann, wenn ein Mensch nichts mehr trinkt, beschreibt Dietlind Zohlnhöfer-Momm, Chefärztin für Innere Medizin am Vivantes Wenckebach-Klinikum. „Ohne Wasser kann man höchstens drei bis fünf Tage, je nach Außentemperatur, überleben“, sagt die Medizinerin. „Das Blut verdickt sich allmählich. Das kann zu Bewusstseinsstörungen führen.“ Verschiedene Organe würden zu wenig durchblutet, wie etwa die Niere.

Wer für die Kosten aufkommt, ist noch unklar

„Ein akutes Nierenversagen kann eintreten. Es kommt zu Verschiebungen im Haushalt der Mineralien und der Elektrolyte, also der Blutzusammensetzung. „In letzter Konsequenz kann ein Herztod eintreten.“ Der Verzicht auf Wasser führe zu massivem Durst. Mund und Haut würden trocken. Der Blutdruck sinke. „Die Patienten können kollabieren.“

Die Einsätze der Rettungskräfte kosten auch Geld. Der Transport eines Kranken mit dem Rettungswagen schlägt bei der Feuerwehr mit 319,10 Euro zu Buche. Für die beschriebene ambulante Leistung berechnet ein Krankenhaus nach Auskunft der Barmer Ersatzkasse etwa 75 Euro. Zahlen muss laut Asylbewerberleistungsgesetz eigentlich die Kommune in Bayern, bei der der betroffene Flüchtling seinen Asylantrag gestellt hat.

Die Feuerwehr wolle zumindest prüfen, ob eine Erstattung der Kosten möglich ist, sagt Jens-Peter Wilke. Dies steht auch den betroffenen Krankenhäusern offen. Da es sich um einen Notfalleinsatz handelt, können sie eine Behandlung nicht ablehnen.

Eine Räumung wird es nicht geben

Etwa neun Stunden war der Äthiopier Tadele Brook in der Klinik. Die „Supporter“, junge Unterstützer der Flüchtlinge, hätten ihn im Auto vom Krankenhaus zurück zum Pariser Platz gefahren, erzählt er. „Die Unterstützer sind Tag und Nacht bei uns.“ Am Donnerstagvormittag sind es mehr als 20 junge Berliner, die die Asylbewerber umringen und betreuen. Sie verteilen auch Info-Flyer an die Passanten. Nicht alle zeigen Verständnis. „Ich verstehe die Aktion nicht“, sagt ein Mann. „Jeder muss warten. Ich brauche Wochen, bis ich meinen Personalausweis kriege. Dann könnte ich mich auch dahin legen.“

Innensenator Frank Henkel (CDU) appelliert an die Flüchtlinge, „angesichts der Witterungsbedingungen und der erheblichen gesundheitlichen Gefahren“ den Hungerstreik zu beenden. Eine Räumung der Mahnwache komme nicht in Frage, die Polizei schütze die Versammlungsfreiheit. Ähnlich äußert sich Peter Trapp (CDU), Vorsitzender des Innenausschusses im Landesparlament. Eine politische Demonstration an diesem Ort sei das Recht der Flüchtlinge, sagt Ülker Radziwill, Sozialexpertin der SPD-Fraktion.

Auch sie appelliert aber an die Flüchtlinge, den Hungerstreik nicht fortzusetzen. Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) fordert die Bundesregierung auf, die Flüchtlinge anzuhören. Die Entscheidung über ihre Asylanträge müsse auf Bundesebene fallen, sagte Kolat im Integrationsausschuss des Abgeordnetenhauses. Erneut mahnte sie die Flüchtlinge, nicht ihr Leben für unrealistische Forderungen aufs Spiel zu setzen. Sofortiges Asyl für alle werde es nicht geben.