Zwölf Stunden

Jeden Abend Angst und Schrecken im Kriminaltheater

Im Berliner Kriminaltheater kommen alte Klassiker und neue Thriller auf die Bühne. Für Spannung sorgt derzeit eine Roman-Bearbeitung nach Bestseller-Autor Sebastian Fitzek.

Foto: Marion / Marion Hunger

08:10 Auch Bretter, die für manchen die Welt bedeuten, müssen manchmal gesaugt werden. Ein ausverkauftes Theater am Abend zuvor hinterlässt Spuren. Auf der Bühne des Berliner Kriminaltheaters schiebt eine Reinigungskraft daher Rollstuhl, Weihnachtsbaum und bunte Weihnachtsgeschenke aus dem Weg. Requisiten für das Stück „Der Seelenbrecher“, ein Psychothriller von Bestseller-Autor Sebastian Fitzek. Von der „klaustrophobischen Situation kurz vor Weihnachten in der psychiatrischen Klinik am Wannsee“, so beschrieben im Programmheft dieser Berliner Erstaufführung, bekommen die Reinigungsmitarbeiter nichts mit. Ihnen sitzt die Zeit im Nacken. Am Vormittag sind Proben angesetzt.

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09:25 In der Geschäftsstelle, nur wenige Gehminuten vom Theater an der Friedrichshainer Palisadenstraße entfernt, drückt sich die große Nachfrage nach Eintrittskarten und Vorbestellungen in hartnäckigem Telefonklingeln aus. Der Seelenbrecher sei für die kommenden Wochen ausverkauft, so eine Mitarbeiterin. Mehrere Zusatzaufführungen wurden angesetzt.

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10:10 Intendant, Schauspieler, Regisseur und Theater-Mitbegründer Wolfgang Rumpf startet in seinen Arbeitstag. 50 Prozent seiner Zeit widmet er der Kunst, die andere Hälfte dem kaufmännischen Teil. „Kohle reinkriegen“, wie er es nennt. Subventionen seien beim Kriminaltheater ein Fremdwort. „Mich beschäftigen Spielplangestaltung, Besetzungsbesprechungen und Vertragsabschlüsse.“ Mit Blick zur geschlossenen Tür, hinter der im Nachbarbüro sein Geschäftspartner Wolfgang Seppelt sitzt, fügt er lächelnd hinzu: „Und schöpferischer Streit“.

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11:30 Büroalltag. Der Kopierer rauscht, die Telefone klingeln unablässig, eingehende Emails kündigen ihre Ankunft auf dem Rechner mit leisen „Blings“ an. Vertriebsleiterin Ingrid Gutzmann telefoniert mit Kooperationspartnern des Theaters und Reisedienstleistern. „Bis zu 50 Prozent der Besucher kommen im Rahmen eines Berlinaufenthaltes“, sagt sie. „Wir organisieren im Vertrieb auch Theaterabende für Firmen und Reisegruppen.“ Und kommen die Gäste nicht ins Theater, kommt das Theater zu den Gästen. „Zwischen 60 und 65 Gastauftritte im deutschsprachigen Raum machen wir jährlich“, sagt die 37-Jährige.

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12:15 In der „Betriebskantine“, einer Fleischerei an der Auestraße, berichtet Pressesprecher Dennis Schönwetter, dass das Berliner Kriminaltheater zwei neue Inszenierungen pro Spielzeit auf die Bühne bringt. Diese würden dann mindestens 150-mal aufgeführt. „Unser Klassiker und mittlerweile Kult-Stück ist „Die Mausefalle" von Agatha Christie“, sagt Schönwetter. Mehr als 1140 Aufführungen habe es bereits gegeben. „Der Name der Rose“, „Tod auf dem Nil“ und „Die zwölf Geschworenen“ zählt er als weitere Stücke des Programms auf.

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13:20 „Jeder nicht bekannte Titel ist ein Risiko“, sagt Wolfgang Seppelt, Dramaturg, Produktionsleiter, Schauspieler und Mitbegründer. Nicht jedes Buch sei für die Bühne geeignet, aber die Bücher von Sebastian Fitzek ganz bestimmt. „Wir müssen den Markt beobachten und dann die Bühnenrechte sichern“, sagt er. „’Der Seelenbrecher’ fiel mir auf. Es war klar, dass das geht.“ Am Abend wird Seppelt im Stück als Doktor Bruck auf der Bühne stehen.

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15:10 Sonja Matuszczyk sitzt an der Abendkasse, berät, verkauft und nimmt Reservierungen entgegen. Am Nachmittag kommen hin und wieder Berlinbesucher vorbei, holen sich Programmflyer ab und informieren sich über den Spielplan und Eintrittspreise. „Zwischen 18 und 20 Uhr ist Stoßzeit“, sagt die 23-jährige Studentin. „Dann stehen die Leute Schlange.“

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16:00 Der Veranstaltungstechniker Marc Blüthgen studiert den Ablaufplan für die Aufführung. Darin sind unter anderem Lautstärken der Sounds und Helligkeiten einzelner Scheinwerfer vermerkt. Er steht hinter einem Mischpult, von dem aus er am Abend Ton und Licht stimmig mit dem Bühnenstück regelt. Jetzt checkt er Licht und Ton.

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17:00 Nun ist der Autor persönlich da: Bestsellerautor Sebastian Fitzek stattet Produktionsleiter Wolfgang Seppelt einen Besuch ab. Sie unterhalten sich über die schöne Umsetzung und die Resonanz der Fans von Fitzeks Romanen. Bei der Bearbeitung seines Buches für die Bühne ließ er den Autoren freie Hand. „Davon verstehe ich nichts“, sagt Fitzek. „Das können andere besser.“ Für ihn sei es eine neue Erfahrung, die Reaktionen des Publikums auch einmal ganz direkt zu erleben.

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17:25 Pressesprecher Schönwetter springt für den erkrankten Requisiteur ein. An einem kleinen Theater müsse eben jeder auch mal andere Aufgaben übernehmen, sagt er. Er macht sich auf den Weg vom Theater zurück in die Geschäftsstelle. Er muss etwas im Fundus suchen. Auf dem Weg dahin berichtet der 41-Jährige von sehr erfreulichen Besucherzahlen und einer langen Spielzeit für den „Seelenbrecher“.

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18:00 Perücken, Lockenwickler, falsche Wimpern und Spiegel an der Wand. Chefmaskenbildnerin Erika Löffler arbeitet seit 13 Jahren am Kriminaltheater. „Bis zu Beginn der Aufführung habe ich alle Hände voll zu tun“, sagt sie. „Heute Abend kommen sieben Darsteller in die Maske.“

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18:10 Weißer Arztkittel, Schreibunterlage und für den Auftritt geschminkt: Kristin Schulz stimmt sich auf den „Seelenbrecher“ ein. Die Sängerin und Schauspielerin ist sonst in der musikalischen Revue „Der Mörder ist immer der Gärtner“ und im Krimi-Klassiker „Tod auf dem Nil“ zu erleben.

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18:30 Die beiden Mitarbeiter von Einlass und Garderobe beginnen ihren Dienst. In einer Stunde beginnt der Einlass.

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19:00 Am Tresen im Foyer des Theaters ist alles für den Abend vorbereitet. Nur eine Glastür trennen Theater und das Restaurant „Umspannwerk Ost“ voneinander. Viele der Besucher gehen vor der Aufführung essen und nehmen danach noch einen Drink an der Bar, sagt Restaurantfachfrau Erdmute Gennrich.

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20:00 Das Stück beginnt: In einer psychiatrischen Klinik, in die man unerkannt einen Verbrecher, den finsteren Seelenbrecher eingeliefert hat, geschieht Schreckliches. Das Publikum genießt die herrlich grausigen Vorgänge dort oben auf der Bühne.

Berliner Kriminaltheater, Umspannwerk Ost, Palisadenstraße 48, 10243 Berlin-Friedrichshain, Karten und Infos: 030 47997488