Der Vater des Serienmörders

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Volker Blech

Sebastian Fitzek muss verrückt sein - sozusagen von Berufs wegen. Der Konflikt seines neuen Psychothrillers ist schnell erzählt: Der erst zehnjährige, sterbenskranke Simon braucht einen Anwalt, weil er glaubt, einen Mann umgebracht zu haben.

Sebastian Fitzek muss verrückt sein - sozusagen von Berufs wegen. Der Konflikt seines neuen Psychothrillers ist schnell erzählt: Der erst zehnjährige, sterbenskranke Simon braucht einen Anwalt, weil er glaubt, einen Mann umgebracht zu haben. Die Leiche ist schnell gefunden, nur: Der Mord liegt bereits 15 Jahre zurück. Und in dem Kind kommen weitere düstere Erinnerungen hoch.

"Ich werde für das Lügen bezahlt"

Dieser esoterische Plot, behauptet Fitzek, sei ihm in einem Streitgespräch mit seiner Freundin gekommen. Die erinnerte sich daran, als Siebenjährige beim Familienurlaub auf dem Marktplatz von Rouen ihren Eltern versichert zu haben, schon einmal hier gewesen zu sein. Auf dem Marktplatz ist niemand Geringeres als Jeanne d'Arc verbrannt worden. Fitzek findet solche Déjà-vus irgendwie lächerlich, weil alle immer davon ausgingen, dass sie in früheren Leben große, wichtige, gute Menschen waren. "Keiner will Lieschen Müller oder ein Serienmörder gewesen sein", sagt Fitzek. Deshalb wurde ein dahin sterbender Junge, einer, der nichts mehr zu verlieren oder zu gewinnen hat, zum sich erinnernden Serienkiller. Übrigens, fügt Fitzek hinzu, behaupte seine Freundin heute, nach Erscheinen des Buches "Das Kind", sie wäre damals wohl nur eine Steinewerferin gewesen.

"Ich werde für das Lügen bezahlt", sagt der gebürtige Charlottenburger, Jahrgang 1971, Sohn eines Gymnasialdirektors. Und lacht. Der Journalist betont, Geschichtenerzähler zu sein und bloss niemanden belehren zu wollen. "Alles ist unreal, aber mit wahrem Kern oder es könnte zumindest möglich sein", sagt er. Das betrifft auch die Figuren im Thriller. "Das Autobiografische steckt in jeder Figur, am wenigsten natürlich in den Bösewichtern."

Wobei es Fitzek nicht wie seine Hauptfigur Robert Stern zum Berliner Staranwalt geschafft hat. Aber Fitzek ist selber Jurist, hat sogar seine Doktorarbeit zu Fragen des Urheberrechts erfolgreich verteidigt. Nur ist er in keiner Kanzlei gelandet, sondern beim Radiosender 104.6 RTL. "Anfang der Neunzigerjahre waren schnelle Karrieren möglich", erinnert er sich an diese wilden Zeiten. 1996 machte er sein Staatsexamen und entschied sich, Chefredakteur des Berliner Rundfunks zu werden. Das war ihm irgendwann nicht mehr hip genug und er wurde Medienberater für verschiedene Radiosender. "Auf den langen Bahnfahrten las ich durchschnittlich einen Thriller pro Woche", sagt er, "und fing irgendwann an, selber zu schreiben."

Fitzek, der mittlerweile wieder bei 104.6 RTL in Chefposition angeheuert hat und als Co-Autor gemeinsam mit Jürgen Udolph das Sachbuch "Professor Udolphs Buch der Namen" verfasste, musste als Thrillerautor zunächst einige unbedeutende Rückschläge hinnehmen. Aber der jungdynamische Autor gehört zu jenen, die gerne über Anfängerfehler reden und beiläufig eine Pointe nach der anderen aus dem Hut zaubern. Fitzeks Regel Nr. 1: "Jedem Anfänger ist zu empfehlen, einen Ja-Sager um sich zu pflegen. Die Kritiker kommen ganz von alleine." Darüber hinaus habe er gelernt, nicht mehr aus der Ich-Perspektive zu schreiben. Auch sollte ein Thrillerautor nicht nach Amerika schielen. Fitzeks neuer Thriller spielt in Berlin, genau genommen in West-Berlin. Dort geht es blutig und hektisch zu, die Handlung wird auf 390 Seiten konsequent voran getrieben.

Recherchen in der Familie

750 000 Mal sind Fitzeks drei Thriller, der erste ist bereits in 22 Ländern erschienen, mittlerweile verkauft worden. Das erste Filmdrehbuch ist in Arbeit. In seinem Debütroman "Die Therapie" verschwindet ein elfjähriges Mädchen spurlos in einer Arztpraxis. Das zweite Buch "Amokspiel" beschreibt ein Geiseldrama in einem Radiosender. Fitzeks nächstes Psychodrama, "Der Seelenbrecher", soll in einer eingeschneiten Berliner Promiklinik kurz vor Weihnachten spielen. Die Psychoterrorthemen kommen nicht von ungefähr. Die Recherchen finden in der eigenen Familie statt: Fitzeks Bruder und dessen Frau sind Mediziner/Neurologen in Berlin-Köpenick und der Stadt Brandenburg. Und beide lesen gern Psychothriller. Übrigens sei "die Welt noch viel schlechter als ich sie darstelle", sagt Fitzek irgendwann im Gespräch - und sieht dabei ziemlich fröhlich aus.