Sozialstruktur

Senat will Ärzte gerechter auf Berliner Bezirke verteilen

Immer mehr Ärzte ziehen aus sozial schwachen Bezirken weg, weil sie dort schlechter verdienen. Der Berliner Senat will die ärztliche Versorgung nun durch ein neues Konzept fairer gestalten.

Foto: Marion Hunger

Klemens Senger kennt Tage, da ist es in seiner Kinderarztpraxis so voll, dass die Patienten kaum noch Platz finden. Im Wartezimmer geht es dann hoch her. Aufgeregte Mütter versuchen ihre weinenden Kinder zu beruhigen, Geschwisterkinder hopsen umher, Väter schauen, ob sie ihre Familie endlich abholen können. „Vor allem zu den Grippezeiten im Herbst und Winter ist die Arbeit oft kaum zu schaffen“, sagt Senger.

Der Kinderarzt - er ist Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Berlins - praktiziert seit 20 Jahren am Hermannplatz in Nord-Neukölln. In den vergangenen Jahren konnte er beobachten, dass viele Ärzte den Kiez verlassen haben. „40 Prozent der Kinderärzte sind in spezielle Versorgungszentren abgewandert, sie arbeiten dort zum Beispiel als Lungen- oder Herzspezialisten“, sagt Senger. Als allgemeine Kinderärzte stünden diese Kollegen nicht mehr zur Verfügung.

Praxen bringen zu wenig Ertrag

Auch viele andere Fachärzte hat Senger weggehen sehen. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft hätten kürzlich ein Augenarzt und ein Urologe aufgegeben, sagt er. Das habe vor allem auch ökonomische Gründe. „In sozial belasteten Bezirken sind die Bedingungen miserabel, der finanzielle Ertrag der Praxen ist viel niedriger.“ Wer wie er nur Kassenpatienten hätte, wäre schnell an der Verschreibungsgrenze für Heil- und Hilfsmittel angelangt.

Etliche Ärzte sind in Bezirke mit besserer Sozialstruktur gezogen. Dem soll nun durch den Beschluss des gemeinsamen Landesgremiums für Berlin zur Versorgung mit niedergelassenen Ärzten ein Riegel vorgeschoben werden. Umzüge sollen nur noch „bergab“, also in Bezirke mit niedrigerem Versorgungsgrad, zugelassen werden. In Berlin ziehen pro Jahr 60 bis 80 Ärzte um. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) sieht hier einen geeigneten Ansatz, um Ungleichheiten zwischen Bezirken abzubauen.

Theoretisch sei es auch möglich, dies über Praxen zu versuchen, die Ärzte aus Altersgründen aufgeben. Doch dies biete kaum Chancen. Zwar gehen pro Jahr in Berlin etwa 150 niedergelassene Ärzte in den Ruhestand, aber nur drei bis sieben Ärzte geben ihren Praxissitz an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) zurück. Dafür gebe es, so Czaja, drei Gründe: Ein Arztsitz könne vererbt werden, der Arzt könne Teil einer Praxisgemeinschaft sein oder sich bereits per Job-Sharing mit einem jüngeren Kollegen die Zulassung bei der KV teilen.

Neukölln, Mitte und Spandau sind Schlusslichter

Das Konzept des gemeinsamen Landesgremiums ist auf freiwilliger Basis entstanden. Eigentlich entscheidet der sogenannte Zulassungsausschuss von Krankenkassen und Kassenärzten über die Zulassungsanträge von Ärzten sowie die Verlegung und Nachbesetzung von Arztpraxen. Uwe Kraffel, stellvertretender Vorsitzender der KV Berlin, betonte, dieser Ausschuss sei per Gesetz nicht weisungsgebunden. Aber es gebe natürlich ein Interesse an einer vernünftigen und sinnvollen medizinischen Versorgung. Er sagte, Kassenärzte und Krankenkassen würden diese Vorschläge positiv aufnehmen und umsetzen. Ob das erfolgreich sei, müsse man in den kommenden zwei Jahren prüfen. Es seien Klagen von Ärzten anhängig, die sich am Sozialgericht dagegen wehren, dass ihnen der Praxisumzug in ihren Wunschbezirk verboten wurde. Er sei aber „vorsichtig optimistisch“, dass die Sozialgerichte diese Klagen abweisen.

Neben der Versorgungssteuerung auf Bezirksebene enthält der Beschluss des Landesgremiums eine zweite wichtige Neuerung: die Berücksichtigung von Sozialdaten und damit des Zusammenhangs von Gesundheit und sozialer Lage. Aus Daten des Berliner Sozialstrukturatlasses wurde ein Sozialindex für die Berliner Bezirke ermittelt. Neukölln, Mitte und Spandau sind darin die Schlusslichter, am besten schneiden Pankow, Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf ab. Diese Daten wurden zu Abrechnungen von Kassenärzten aus dem Jahr 2012 in Beziehung gesetzt. Das Ergebnis war eine hohe Übereinstimmung zwischen Sterblichkeitsrate und Sozialstruktur. Daher, so Czaja, sei es wichtig, soziale Faktoren bei der Versorgung mit Arztpraxen zu berücksichtigen.

Der Arzt zahlt die Impfung

Gabriela Leyh, Leiterin des Verbandes der Ersatzkassen in Berlin/Brandenburg, sagte, das neue Konzept biete eher schlechter versorgten Bezirken auch den Anreiz, Voraussetzungen für Arztpraxen zu schaffen. Oft fehlten bauliche Voraussetzungen wie Barrierefreiheit. Kinderarzt Klemens Senger hat auch Vorschläge, wie manche Bezirke für niedergelassene Mediziner attraktiver werden können. „Ärzte in Brennpunkten sind besonders vielen Regressprüfungen ausgesetzt“, sagt er und nennt ein Beispiel.

Er habe einem Patienten eine Grippeimpfung gegeben, weil die Gefahr der Ansteckung drohte. Vier Jahre später habe die Krankenkasse diese Leistung beanstandet und Rückerstattung der Kosten gefordert. Nun muss Senger die Impfung aus eigener Tasche begleichen. Seine Patienten hätten kein Geld dafür. In besser gestellten Bezirken hätten die Ärzte zudem neben Kassenpatienten auch Privatpatienten in ihren Praxen. Diese Mischung sei wirtschaftlich. Senger fordert, Ärzten in Brennpunkten eine Zulage zu zahlen und ihnen Regressprüfungen zu ersparen. Nur so könne verhindert werden, dass Kollegen versuchen, aus sozial belasteten Gebieten abzuwandern.