Anonyme Geburten

Wenn die Babyklappe der letzte Ausweg ist

| Lesedauer: 21 Minuten
Regina Köhler

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Frauen sollen künftig Kinder nicht mehr anonym zur Welt bringen dürfen. Doch ist diese Regelung im Interesse der Betroffenen? Die Geschichte zweier Mütter aus Berlin.

Die dunklen Gedanken kommen, als sie im achten Monat ist. Von ihrer Schwangerschaft weiß bis zu diesem Zeitpunkt niemand. Auch Maria hat es bisher verdrängt. „Der Test war zwar positiv, trotzdem habe ich es geschafft, so zu tun, als wäre nichts“, sagt sie. Als sie im achten Monat ist, geht das nicht mehr. Zu deutlich spürt sie die Bewegungen des Kindes.

Maria ist 21, als sie nach einer Vergewaltigung schwanger wird. Sie schämt sich so, dass sie mit keinem darüber reden kann. Sie ist panisch, die Situation kommt ihr ausweglos vor. Die Gedanken drehen sich im Kreis. Soll sie das Kind im Wald zur Welt bringen?

Irgendwann wird Maria klar, dass sie auf keinen Fall so sein will wie andere Mütter, von denen sie gelesen hat, die ihre Kinder nach der Geburt getötet haben, weil sie nicht weiter wussten. „Ich wollte anders sein. Ich wollte eine Lösung finden“, sagt sie.

Wo Frauen noch anonym bleiben können

Maria entbindet schließlich im Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede. Dort können Frauen anonym bleiben. Das Krankenhaus hat auch eine Babyklappe. Sogar einen Namen kann Maria ihrem Sohn mit auf den Weg geben. Sie nennt ihn Markus. Der Kleine wird zwei Tage nach der Geburt von Adoptiveltern abgeholt. Maria darf diese Eltern kennenlernen und ist überzeugt, dass es ihrem Sohn bei ihnen gut gehen wird. Und sie ist dankbar, dass alles so gekommen ist. „Ich habe nicht gewusst, dass es diesen Weg gibt“, sagt sie.

Auch Julia, 23, – sie ist Künstlerin, lebt von Hartz IV – verdrängt ihre ungewollte Schwangerschaft so lange es irgendwie geht. Nicht einmal ihrer besten Freundin erzählt sie etwas davon. „Mir ging es damals ohnehin sehr schlecht“, sagt sie. Die hormonelle Umstellung habe alles nur noch schlimmer gemacht. „Ich dachte jeden Morgen an Selbstmord.“ Beim Jugendamt oder in irgendeiner Beratungsstelle um Hilfe zu bitten, kommt Julia überhaupt nicht in den Sinn. Jedes falsche Wort, jeder schiefe Blick würde sie nur noch tiefer in die Krise stürzen. Am Ende findet aber auch Julia den Weg in das Zehlendorfer Krankenhaus. Die Möglichkeit, dort unerkannt zu bleiben, wird sie und ihr Kind – sie nennt es Nele – retten.

In Zukunft muss man seinen Namen nennen

In Zukunft werden Frauen wie Maria oder Julia aber kaum noch den Weg ins Krankenhaus finden. Der Gesetzgeber hat die anonyme Geburt verboten. Die Frauen müssen künftig ihren Namen nennen, auch wenn sie nicht wollen, dass jemand von der Geburt erfährt. Vertrauliche Geburt heißt dieser Vorgang. Wenn das Kind 16 Jahre alt ist, soll es den Namen seiner Mutter erfahren, damit es seine Herkunft kennt.

Ohne viel Aufhebens ist dieses Gesetz am 5. Juli vom Bundesrat verabschiedet worden. Die bestehenden Babyklappen sollen zwar nicht abgeschafft werden, neue aber nicht mehr hinzukommen.

Anonyme Geburten fanden in Deutschland bisher in einer rechtlichen Grauzone statt. Experten haben jahrelang über eine gesetzliche Reglung gestritten. Während die einen Babyklappe und anonyme Geburt als letzten Ausweg sahen, beharrten die anderen darauf, dass jeder Mensch das Recht hat, seine Herkunft zu kennen, die Frauen dürften deshalb nicht anonym bleiben können. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) hat sich durchgesetzt mit ihrem Wunsch, dass es in Deutschland statt der anonymen die vertrauliche Geburt geben soll. Schröder nennt das neue Gesetz einen „Meilenstein für Schwangere in Not.“ Sie möchte, dass die für Mütter und Kinder riskanten heimlichen Geburten möglichst vermieden werden. Auch solle verhindert werden, dass Neugeborene ausgesetzt oder getötet werden. „Das neue Gesetz schützt Frauen, die ihre Schwangerschaft verdrängen oder verheimlichen und vom regulären Hilfesystem derzeit nicht erreicht werden. Müttern wird für eine genügend lange Dauer die Anonymität ihrer Daten garantiert. Gleichzeitig haben die betroffenen Kinder ab dem 16. Lebensjahr die Chance, ihre eigene Identität festzustellen“, lässt sich die Ministerin im Netz zitieren.

„Ich konnte mich nicht dagegen wehren“

Maria – zierlich, blonder Pferdeschwanz, blaue Augen – erzählt, dass sie nach einer Feier auf dem Nachhauseweg vergewaltigt worden sei. „Ich hatte etwas getrunken, konnte mich nicht wehren. Es ging alles sehr schnell.“ Sie fühlt Demütigung und Scham, sie kann mit niemanden über das Geschehene sprechen. Deshalb versucht sie, einfach so weiterzumachen, als sei nichts geschehen. Sie geht arbeiten, kümmert sich um ihre fünfjährige Tochter, die sie allein erzieht. Irgendwann fragen Freundinnen sie, ob sie schwanger sei. Maria erzählt ihnen von einer Eierstockzyste und sagt, dass sie vielleicht ins Krankenhaus muss, um sich operieren zu lassen. Auch ihren Eltern erzählt sie das. Alle glauben ihr.

Gabriele Stangl kennt viele solcher Geschichten. Die Pastorin des Krankenhauses Waldfriede hat im September des Jahres 2000 Berlins erste Babyklappe eingerichtet. Der Zugang zur Klappe befindet sich auf dem Gelände des Krankenhauses, nur wenige Meter vom Haupteingang entfernt. Stangl spricht allerdings viel lieber von Babywiege, wenn es um das mit Kissen und Decken ausgepolsterte Wärmebettchen geht, das sich hinter der Klappe befindet. „Das hat sich im offiziellen Sprachgebrauch aber leider nicht durchgesetzt“, sagt sie. Am Ende sei es egal, wie dieser Ort genannt werde, „das Wichtigste ist, dass es ihn gibt und Menschenleben auf diese Weise gerettet werden können.“ Etwa 20 Kinder haben bisher in der „Babyklappenwiege“ des Krankenhauses Waldfriede gelegen. Die meisten waren gesund, andere mussten ärztlich behandelt werden, nur eins war schon tot, als es jemand zur Klappe gebracht hat.

„Die meisten haben Angst vor den Behörden“

Doch Stangl hat nicht nur die Babyklappe eingerichtet, sondern auch dafür gesorgt, dass Frauen in Krankenhaus Waldfriede anonym entbinden können. Ihr geht das Gesetz zur vertraulichen Geburt deshalb nicht weit genug. „Die Frauen kommen doch nur zu uns, weil wir ihnen Anonymität zusichern und sie die Wahl haben, unerkannt zu bleiben“, sagt sie. Nur dieses Versprechen öffne ihnen den Weg aus der Isolation, in die sie aus lauter Angst geraten seien. „Die meisten haben Angst vor irgendwelchen Behörden, davor, dass man sie bedrängt.“ Stangl weiß das aus Erfahrung. Sie hat in den vergangenen zehn Jahren mehr als 180 Geburten begleitet, bei denen die Frauen zunächst anonym bleiben wollten. „95 Prozent von ihnen konnten wir überzeugen, uns doch ihren Namen zu nennen“, sagt sie. Viele dieser Mütter hätten wie Maria oder Julia sogar Kontakt zu den Adoptiveltern ihres Kindes oder wüssten wenigstens, dass ihr Kind gut aufgehoben ist. Einige hätten sich später entschieden, das Kind doch zu behalten. „Wir drängen die Frauen nicht, aber wir sprechen viel mit ihnen“, sagt Stangl.

Die Pastorin streichelt, ermutigt und beruhigt

Die meisten dieser Frauen gehen während der Schwangerschaft zu keinem Arzt, aus Angst davor, entdeckt zu werden. Gabriele Stangl schickt sie deshalb zuerst in die Praxis eines Gynäkologen, der sie untersucht, um mögliche Komplikationen auszuschließen. Auch dort bleiben sie anonym. Steht die Geburt dann unmittelbar bevor, versucht die Pastorin, dabei zu sein. Sie ist da, wenn die Wehen kommen, sie streichelt, beruhigt und ermutigt. Und sie freut sich jedes Mal mit, wenn das Kind dann endlich da ist. Auch nach der Geburt bleibt sie für die Frauen erreichbar. Diese Nähe schafft Vertrauen.

Manchmal ruft eine an, um der Pastorin zu erzählen, dass sie immer wieder an ihr Kind denken muss und sich schlecht fühlt, weil sie es weggegeben hat. Manchmal will ihr eine einfach nur berichten, dass sie im Leben wieder Fuß gefasst hat. Gabriele Stangl hört zu, tröstet, ermutigt, berät. Für viele der Frauen ist sie fast wie eine Mutter.

„Sie hat mich nicht verurteilt, sondern verstanden“

Julia erinnert sich noch genau an die Gespräche mit der Pastorin. Das war wenige Wochen vor der Entbindung. Julia ist damals sehr erleichtert, dass endlich einer Bescheid weiß. Und sie fühlt sich von Anfang an sicher und aufgehoben. „Gabriele Stangl hat all meine Fragen beantwortet und mir immer wieder gesagt, dass ich es schaffen werde. Sie hat mich nicht verurteilt, sondern verstanden“, sagt Julia. Die alleinerziehende Mutter eines dreijährigen Jungen ist psychisch am Ende, als sie feststellt, dass sie wieder schwanger ist. Sie kann und will dieses Kind nicht haben. Sie weiß zwar von der Möglichkeit, es zur Adoption frei zu geben. Doch sie hat Angst, dass man ihr dann den Sohn wegnehmen könnte.

Jetzt, zwei Jahre später, sieht alles anders aus. Julia – flippig angezogen, wuschelige Haare, offener Gesichtsausdruck – wirkt selbstbewusst. Sie hat viel nachgedacht, kann ihre Gefühle klar zum Ausdruck bringen. „Dass ich die Wahl hatte, anonym zu bleiben, war die Lösung für mich“, sagt sie.

Sie nennt ihren Namen, weil sie sich sicher fühlt

Maria recherchiert im Internet, wo man anonym entbinden kann und findet dabei das Krankenhaus Waldfriede. Sie schreibt sich die Telefonnummer der Entbindungsstation auf und trägt sie tagelang mit sich herum. Doch sie ruft dort nicht an. Sie hat Angst, dass jemand die Nummer zurückverfolgen könnte und sie vielleicht erkannt wird. „Ich dachte, dass es besser ist, wenn ich einfach dort hingehe“, sagt sie. Doch Gabriele Stangl ist im Urlaub, als Maria auf der Entbindungsstation des Krankenhauses nach ihr fragt. Ein Kollege der Pastorin kümmert sich um sie und stellt einen telefonischen Kontakt zu Stangl her. „Sie klang so optimistisch, so mitfühlend“, sagt Maria. „Ich hatte sofort ein gutes Gefühl.“ Kurz bevor sie ihren Sohn zur Welt bringt, entscheidet Maria, Gabriele Stangl ihren Namen zu nennen. Sie kann das, weil sie sich sicher fühlt und sie macht es auch deshalb, weil sie nicht will, dass die Geburt von Spendengeldern bezahlt werden muss. So ist das bei anonymen Geburten. „Es gibt viel schlimmere Fälle als meinen, wo Frauen von ihrer Familie verfolgt werden und deshalb unbedingt anonym bleiben müssen. Dafür sollten die Spenden da sein“, sagt Maria.

Julia verbietet es sich zunächst sogar, im Internet zu recherchieren. „Ich hatte selbst zu Hause Angst davor, entdeckt zu werden“, sagt sie. Irgendwann fällt ihr ein, dass sie einmal etwas von einer Babyklappe gelesen hat. Sie schaut dann doch im Netz nach und stößt auf die Seite des Zehlendorfer Krankenhauses. Dort ist von der Babyklappe die Rede, aber auch von der anonymen Geburt. Julia traut sich, Gabriele Stangl anzurufen.

Die Frauen kommen aus allen sozialen Milieus

In Deutschland bringen nach Schätzungen von Experten jährlich etwa 100 Frauen ihr Kind unerkannt zur Welt. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Es sind eben nicht nur ungewollt schwangere Teenager oder Frauen aus sozial schwachen, bildungsfernen Verhältnissen wie viele denken. Gabriele Stangl kann das bestätigen. Die Möglichkeit der anonymen Geburt besteht seit etwa 15 Jahren, aber nur, weil etliche Krankenhäuser sich trotz der unsicheren rechtlichen Lage dazu entschieden haben, im Zweifel für die Frauen da zu sein und ihnen Anonymität zuzusichern.

Maria kann sich gar nicht vorstellen, wie es ihr gehen würde, wenn sie nicht wüsste, was aus ihrem Kind geworden ist, wenn sie die Adoptiveltern nicht kennengelernt hätte. „Es wäre unerträglich, nicht zu wissen, bei wem er groß wird“, sagt sie. Das sei die eine Seite. Die Möglichkeit, anonym zu bleiben, die andere. „Ich wäre nirgendwo hingegangen, wenn es diese Möglichkeit nicht gegeben hätte.“ Am Ende darf Maria sogar sagen, welche Familie sie sich für ihr Kind wünscht. „Ich wollte unbedingt, dass ein Geschwisterkind da ist“, sagt sie. Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Markus hat jetzt zwei große Brüder.

Wer sind meine Eltern?

Familie Müller (Name geändert) aus Berlin wird die Mutter ihrer Adoptivtochter niemals kennenlernen. Und auch Valentina, die jetzt ein Jahr alt ist, wird nie wissen, wer ihre Eltern sind. Die Kleine hat in der Babyklappe des Krankenhauses Waldfriede gelegen. Jetzt ist sie die Tochter von Margarete und Martin Müller. Sie haben Valentina adoptiert. „Valentina“ bedeutet so viel wie die Kräftige, die Gesunde. Den Namen hat die leibliche Mutter dem kleinen Mädchen gegeben. Sie hat ihn auf einen Zettel geschrieben und mit in die Babyklappe gelegt. „Das ist das einzige, was unser Kind von seiner Mutter mitbekommen hat“, sagt Margarete Müller. Sie und ihr Mann haben deshalb entschieden, dass ihre Tochter diesen Namen behält. Auch, weil ihnen seine Bedeutung gefällt. „Das zeigt doch, dass die Mutter ihrem Kind etwas Gutes mitgeben wollte“, sagt Margarete Müller.

Müllers wollten dann aber auch selbst noch einen Namen für ihrer Töchterchen finden. Sie haben das Mädchen mit zweitem Vornamen Felina genannt, was Glück bedeutet. „Dieser Name passt zu ihr, sie ist ein fröhliches, strahlendes Kind und wir wünschen uns, dass es so bleibt“, sagt Margarete Müller.

Die Entscheidung zur Adoption

Müllers können keine eigenen Kinder bekommen. Vor einigen Jahren haben sie sich deshalb entschieden, ein Kind zu adoptieren und dabei eins aus der Babyklappe nicht ausgeschlossen. „Wir haben uns lange mit dieser Problematik auseinandergesetzt, viel darüber gelesen und auch mit Freunden darüber diskutiert“, sagt Margarete Müller. Irgendwann sei es für sie kein Thema mehr gewesen, dass die Eltern eines Babyklappen-Kindes nicht bekannt sind. Schließlich könnten auch leibliche Kinder krank auf die Welt kommen. Mit diesem Schicksal müssten alle Eltern rechnen. Auch dass ihr Kind Eigenschaften von einer unbekannten Mutter oder einem unbekannten Vater geerbt haben könnte, die sie nicht vermuten und aus der eigenen Familie vielleicht gar nicht kennen, macht den Müllers keine Angst. „Ich bin überzeugt davon, dass die soziale Prägung entscheidend ist“, sagt Margarete Müller. Und Probleme, da ist sie sich sicher, könnte es genauso gut mit eigenen Kindern geben. „Natürlich wäre es leichter, wenn wir Valentinas leibliche Mutter kennen oder wenigstens etwas von ihr wissen würden“, sagt Müller. Sie und ihr Mann haben sich dennoch für die größere Herausforderung entschieden. Sie fühlen sich stark genug, einem Kind wie Valentina Halt und Sicherheit zu bieten. „Wir wollen unsere Tochter so gut es geht auf das Leben vorbereiten, damit sie es später eigenständig meistern kann“, sagt Margarete Müller.

Einiges Kopfzerbrechen bereitet den Eltern allerdings, was sie ihrer Tochter später über ihren Start ins Leben erzählen sollen. „Wir waren schon ein paar Mal an der Babyklappe und haben dort auch Fotos gemacht“, sagt Martin Müller. Wenn Valentina älter ist, wollen sie wieder hingehen und ihr alles zeigen. Außerdem denken sich die beiden schon jetzt Geschichten darüber aus, wie es gewesen sein könnte mit Valentinas leiblicher Mutter und warum die Babyklappe für sie der letzte Ausweg war. „Das ist gar nicht so leicht, schließlich wollen wir unsere Tochter nicht verletzen“, sagt Müller. Doch je mehr Alternativen zu ihrer möglichen Geschichte Valentina später zur Verfügung habe, desto besser werde sie mit dem Thema umgehen können, hofft der Vater.

„Ich dachte, dass sie mich vielleicht ablehnen“

Wichtig ist den Müllers auch der Austausch mit zwei befreundeten Paaren, die ebenfalls ein Kind aus der Babyklappe adoptiert haben. Valentina wird zusammen mit diesen Kindern aufwachsen. „Die drei haben ähnliche Geschichten, wir wünschen uns, dass sie später darüber miteinander reden und sich vielleicht auch helfen können, wenn es Probleme gibt“, sagt Margarete Müller.

Maria und Julia haben es den Adoptiveltern ihrer Kinder leichter gemacht. Sie sind nicht anonym geblieben. Maria hat sogar den Mut, die künftigen Eltern ihres Sohnes zu treffen. Sie erinnert sich noch gut an diesen Tag. Sie ist aufgeregt und überlegt sogar, lieber nicht hinzugehen. „Ich dachte, dass sie mich vielleicht ablehnen, weil ich mein Kind weggeben habe und mich für eine schlechte Mutter halten“, sagt sie. Doch die beiden begegnen ihr sehr herzlich. Ob sie weiter Kontakt zu ihnen halten möchte, weiß Maria aber noch nicht. Es erleichtert sie deshalb, dass sie jederzeit ein Zeichen geben kann, wenn es ihr zu viel wird. Ihrem Sohn will sie jetzt einen Brief schreiben. Den soll er aber erst bekommen, wenn er selbst lesen kann.

Der Tochter geht es gut

Julia ist den Adoptiveltern ihrer Tochter bisher noch nicht begegnet und sie ist sich auch nicht sicher, ob sie sie kennenlernen will. Im Moment fühlt sie sich nicht bereit dazu. Doch sie hat Zeit, sich zu entscheiden. Es gibt keinen Druck. „Für mein Herz ist die Tür also offen“, sagt Julia. Und schließt nicht aus, dass sie ihr Kind und dessen Eltern später doch einmal besuchen wird.

Von Gabriele Stangl weiß sie bereits, dass es ihrer Tochter gut geht und sie von liebevollen Eltern aufgenommen wurde. Und sie weiß auch, dass Nele auf dem Land in einem Haus mit Garten groß werden wird, so wie sie es sich gewünscht hat. „Trotzdem kommt mir oft blitzartig dieser Gedanke ‚Du hast dein Kind weggegeben‘“, sagt Julia. Zum Glück könne sie sich dann immer wieder sagen, dass alles okay ist. „Ich muss mich nicht selbst verurteilen.“

Sicherheit und Geborgenheit

Die Geschichten von Maria und Julia zeigen, wie wichtig es ist, dass Frauen die Möglichkeit haben, sich anonym um Hilfe zu bemühen. Und sie zeigen auch, dass Anonymität in den allermeisten Fällen als Brücke funktioniert, die die Frauen aus ihrer als ausweglos erlebten Situation hinaus führt, nach dorthin, wo sie Sicherheit und Geborgenheit erfahren.

In Berlin hat man das erkannt. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) will trotz des neuen Gesetzes von den bisherigen Angeboten wie Babyklappe und anonyme Geburt nicht abrücken. Frauen in extremen Ausnahmesituationen könne damit geholfen werden, sagt er. Czaja plant sogar, eine weitere Babyklappe einzurichten. Im kommenden Jahr soll es im Vivantes Klinikum Hellersdorf Berlins fünfte Babyklappe geben. Damit sei eine gute Erreichbarkeit auch für die östlichen Bezirke der Stadt gewährleistet, sagt Czaja. Wann genau die Babyklappe im Klinikum Hellersdorf eröffnet wird, steht aber noch nicht fest. Gegenwärtig wird nach einem geeigneten Standort auf dem Gelände des Krankenhauses gesucht.

Auch Gabriele Stangl will weiter machen. Im Zweifelsfall würde sie immer das Recht eines Kindes auf Leben über das Recht auf Kenntnis seiner Herkunft stellen, sagt sie. „Wir haben alle Probleme, es ist Teil unseres Lebensplans, an diesen Problemen zu wachsen. Und für manche ist ihre Herkunft ein solches Problem.“