Homophober Überfall

Berliner Travestie-Star von Unbekannten schwer verletzt

Der bekannte Transvestit Gérôme Castell wurde Anfang September in Wilmersdorf von drei Männern brutal zusammengeschlagen. An den Folgen des homophoben Überfalls leidet sie noch heute.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Wenn Gérôme Castell sagt, dass ihr rechtes Auge "wie eine Rosine" ausgesehen hat, dann lacht sie selbst darüber. Ein Auge, so verschrumpelt und zusammengedrückt. Komische Vorstellung. Sie nennt es liebevoll auch "mein Mus-Auge".

Über die Metallplatten, die ihr in die rechte Wange eingesetzt wurden, die dort mindestens sechs Monate bleiben sollen, die dafür sorgen, dass sie ihre rechte Gesichtshälfte kaum spürt, dass ihr Lächeln leicht schief aussieht – über diese Platten sagt sie Sätze wie diese: "Naja, ich kann ja einen Magneten dranhängen, wie an einen Kühlschrank, so vergesse ich zumindest nie mehr meine Einkaufszettel."

Gérôme Castell ist ein Transvestit, wie sie aus dem Schöneberger Kiez nicht typischer aussehen kann. In ihrem Kiez wird sie auch "Königin Mutter der Drag Queens" genannt. In Stöckelschuhen ist sie beeindruckende 1,90 Meter groß, sie kann mit einem Fingerschnipsen Menschen zum Verstummen bringen, doch vor vier Wochen hatte sie dafür keine Chance.

Sie saß in der Nacht zum 8. September 2013 vor der Bar "Vagabund" an der Wilmersdorfer Knesebeckstraße und wollte sich eine Zigarette anzünden. Ihre nächste Erinnerung ist, wie sie auf einer Trage in den Krankenwagen eingeladen wird. Erst später wird sie rekonstruieren, dass sie von vermutlich drei zwischen 25 und 30 Jahre alten Männern zusammengeschlagen wurde. Die Polizei fahndet nach noch den Tätern.

Benefiz-Gala und Spendenboxen

Der Fall wurde erst spät publik, auch die Pressestelle der Polizei informierte erst nicht darüber. Das lag unter anderem an der Schwere der Tat. "Ich war einfach zwölf Tage im Krankenhaus", sagt die 51-Jährige. Sie habe drei Operationen über sich ergehen lassen müssen, zwei an ihrem Auge und dann die Operation, in der ihr die Metallplatte eingesetzt wurde. Sichtbar sind jetzt nur noch eine kleine Narbe über der Augenbraue und eine Erhebung in der Wange. "Aber die Chirurgen sind über die Mundhöhle an die Wange", erklärt Castell, zeigt ihre künstlichen Zähne und fügt noch einen ihrer bühnenreifen Sätze an: "Und mein Gaumen hat jetzt mehr Stiche als eine Chanel-Handtasche." Der andere Grund, warum sie erst vier Wochen nach dem Unfall damit an die Öffentlichkeit geht: "Ich wollte auch nicht meine Freunde beunruhigen."

Das zumindest hat sie nicht geschafft. In der Szene sprach sich der Überfall von Wilmersdorf über Schöneberg nach Kreuzberg herum, auch deshalb, weil Gérôme Castells Auftritt im BKA-Theater am 6. Oktober immer unwahrscheinlicher wurde. Längeres Stehen wurde von den Ärzten untersagt und sie sagt selbst, dass ihr dann schwindelig werde. Außerdem wolle sie keine Mitleids-Gala machen. Ihre Freundin mit dem Künstlernamen "Lola Promilla" hat deshalb eine Benefiz-Veranstaltung organisiert, die von "Gloria Viagra" moderiert wird und bei der unter anderem bekannte Künstler wie Ades Zabel, Tim Fischer und Malediva auftreten werden.

Tsunami der Anteilnahme

Lola war selbst verwundert, wie schnell sich diese Veranstaltung organisieren ließ. "Es kommt ja immer wieder einmal zu homophoben Überfallen in Berlin", sagt sie. Sie konnte nicht glauben, dass es die Menschen kalt lässt. "Aber mit diesem Tsunami der Anteilnahme habe ich nicht gerechnet." Es wurden Spendenboxen in Kneipen aufgestellt, am 13. Oktober wird eine Benefiz-Party im Etablissement Friseursalon (Am Friedrichshain 13) organisiert und am 3. November ist eine Solidaritäts-Party im Club SO36 geplant. Weitere dieser Veranstaltungen sollen folgen, und es erinnert an die Anteilnahme nach dem Fall Johnny K., der vor rund einem Jahr am Alexanderplatz so verprügelt wurde, dass er starb. Auch damals waren die Täter zunächst flüchtig.

Gérôme Castell sagt, dass der Fall auch sie damals betroffen gemacht hat. "Aber man denkt ja nicht", sagt sie, "dass es einem doch selbst passiert." Wenn sie länger über ihren Fall nachdenke, wird ihr auch klar, wie viel Glück sie gehabt habe. "Die wollten mich vernichten", sagt sie dann – und es ist einer der wenigen Momente in dem Gespräch mit ihr, in dem ihr kein lustiger Satz mehr einfällt, den sie schnell hinterherschieben könnte. Im Gegenteil, sie wird ernster: "Die wollten mich töten, nur, weil ich anders bin als sie, weil ich für die nichts mehr als ein Wurm bin." Es könne jedem passieren, sagt sie und ergänzt einen Satz auf Englisch: "Don't hate me because I'm beautiful".

Nur noch 30 Prozent Sehkraft

Das war ausgerechnet der Titel eines ZDF-Films, in dem sie vor 20 Jahren mitgespielt hat: "Bitte hass mich nicht, weil ich schön bin". Wer Gérôme Castell nach ihrem Lebenslauf fragt, erhält eine kurze Zusammenfassung: "Geboren in Marienfelde, aufgewachsen in Tempelhof, Schule in Neukölln, älter geworden in Kreuzberg und seit zehn Jahren eine Wilmersdorfer Witwe." Später gründete sie eine Model-Agentur, trat mit Ralf Morgenstern und Romy Haag auf, moderierte auf der Berlinale 1992 die Verleihung des "1. Teddy Award" und im Jahr 2007 interviewte sie auf der Hauptbühne des Christopher Street Day den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit.

Kein Wunder, dass die Anteilnahme aus der Berliner Szene so groß ist, dass sie inzwischen auch auf der Straße angesprochen wird. "Aber die meisten SMS kann ich gar nicht beantworten", sagt sie, "weil ich noch so schlecht sehe." Die Ärzte hätten ihr erklärt, dass sie nur noch 30 Prozent Sehkraft auf dem rechten Auge habe. Die Netzhaut sei durchtrennt gewesen und damit auch die Nerven an den Stellen.

Auge war komplett zerdrückt

Zudem war das Auge eben kein Ball mehr, sondern komplett zerdrückt. "Die Ärzte wissen nicht, ob mein 'Mus-Auge' wieder wird", sagt Castell, "aber sie wollten mir keine unnötige Hoffnung machen." Derzeit stehe sie jeden Morgen auf, nehme das Schmerzmittel, dann die Augencreme und dann denkt sie: Mist, ich sehe immer noch wie durch Milchglas. Weinen, sagt sie, das ginge noch nicht. Dafür träne das Auge permanent.

Die schlimmste Zeit sei aber die im Krankenhaus gewesen. So gut die Ärzte gewesen seien, doch diese Tests, sagt sie, hätten noch einmal sehr wehgetan. "Es fühlt sich dann so an, als ob diese Prügelei vor vier Wochen immer weitergeht." Dort aber, im Krankenhaus, sei ihr auch eingefallen, als was sie zu Halloween gehen könne: "Als ein Teller Bunte Knete!"

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