Wie ein unsichtbarer Wirbelsturm fegte das vergangene Jahrhundert durch diesen Ort. Erst schwemmte der Zweite Weltkrieg Ausgebombte und Vertriebene an, dann wurden Grenzen gezogen, wo es vorab keine gab. Jetzt gibt es Großbausiedlungen, ländliches Idyll und neu gebaute Einfamilienhäuser in etwas zu bunten Farben. Der Ortsteil Staaken liegt im äußersten Westen Berlins und gehört zum Bezirk Spandau. Doch wer von der Nachkriegsgeschichte Staakens spricht, muss es bei den Himmelsrichtungen genauer nehmen. Direkt im Anschluss an den Krieg einigten sich Russen und Briten auf eine besondere Aufteilung des Gebiets. Die Russen erhielten Weststaaken, während den Briten der östliche Teil Staakens zugesprochen wurde. Geografischer Westen wurde damit zum politischen Osten.

Geteilte Flughäfen und Kneipen

Grund dafür waren die Flughäfen Gatow und Staaken, die ohne diese Regelung funktionsuntüchtig gewesen wären. Beide lagen auf britischem beziehungsweise sowjetischem Verwaltungsgebiet und waren so von keiner Seite allein nutzbar. In Erzählungen und Anekdoten wird die Geschichte des künstlich geteilten Ortsteils sehr präsent. Im Geschichtstreff des Quartiersmanagements Heerstraße treffen sich alle zwei Wochen Spandauer, um über ihre Geschichte zu sprechen und alte Fotos zu zeigen. „Als unsere Wohnung am Alexanderplatz im Februar 1945 ausgebombt wurde und mein Vater noch zur Wehrmacht eingezogen werden sollte, flohen wir zu einem Onkel nach Staaken“, erzählt Monika Seliger, geborene Liedtke.

Auch sie nimmt regelmäßig am Geschichtstreff teil. In Staaken konnte die Familie in einer Scheune des Onkels schlafen. Seligers Onkel, ein dienstbeflissenes NSDAP-Mitglied, und ihr kommunistischer Vater gerieten ständig aneinander. Doch die Familie hatte erst einmal ein Dach über dem Kopf. Als dann die Karten von den Alliierten neu gemischt wurden, bekamen sie ein Stück Land am Magistratsweg zugeteilt, wo heute die Louise-Schröder-Siedlung steht. Baustoffe für das Haus kamen von den ehemaligen Baracken für Zwangsarbeiter am Rande Staakens. Da Schulräume knapp waren, pendelte Seliger von dort aus zur alten Dorfschule am Nennhauser Damm. „Der Lehrer hatte den ganzen Tag nervös gewirkt. Auf einmal packte er seine Sachen und sprang aus dem Fenster im Parterre. Wir Kinder blieben wie erstarrt sitzen“, erzählt Seliger. Kurze Zeit später standen drei Beamte der Schutzpolizei im Klassenzimmer. Diese erklärten den vom Krieg verängstigten Kindern, dass die Schule von nun an zur DDR gehörte. Das war im Jahr 1951.

Auf einen Schlagbaum folgte ein Stacheldrahtzaun

Warum der Lehrer Hals über Kopf floh, wurde nicht bekannt. Während der DDR-Zeit wurde die alte Dorfschule umgewandelt in das Klubhaus Erich Meier – ein Freizeitheim. Teile Weststaakens waren zu diesem Zeitpunkt Sperrgebiet, weshalb in diesem Bereich vor allem linientreue Familien von Grenzbeamten lebten. Wie überall war auch in Staaken die Abschirmung des Ostens bis zum endgültigen Bau der Mauer 1961 ein schleichender Prozess. Auf einen Schlagbaum mit Kontrollen folgte ein Stacheldrahtzaun, danach kamen die Mauersteine. In den ersten Jahren nach dem Krieg betrieb der Onkel von Monika Seliger im „Volkshaus Staaken“ eine Kneipe und Vergnügungsstätte. Die war in einer der ehemaligen Zwangsarbeiterbaracken untergebracht. „Nach allem, was passiert ist, hatten die Menschen ein starkes Bedürfnis nach Amüsements“, erzählt sie. Wobei diese Kneipe eine Besonderheit aufwies: Sie lag genau am Finkenkruger Weg und damit direkt auf der Grenze der verschiedenen Verwaltungsbereiche.

„Die Kneipe hatte zwei Eingänge, einer konnte von Osten betreten werden, der andere von Westen. Da saßen teilweise Russen mit westlichen Polizisten und haben gemeinsam ein Bier getrunken“, erzählt Seliger. Lange währte dieser Zustand nicht. „Spätestens ’53 muss es damit wohl vorüber gewesen sein“, sagt sie. Während Seeliger nach der Aufteilung der Gebiete im politischen Westens Staakens aufwuchs, blieb Horst Winkler dort, wo er bereits vorher sein gesamtes Leben gelebt hatte: im westlichen Teil Staakens. Der heute 84-Jährige betreibt dort noch heute eine kleine Gärtnerei. „Unter den Engländern wäre es schon schöner gewesen“, sagt Winkler mit einem verschmitzten Lächeln. „Aber man war jung. Da war das Leben einfach schön, vor allem nachdem man diesen furchtbaren Krieg überstanden hatte.“

Bauweise erinnert bis heute an Trennung

Winkler war der einzige von fünf Geschwistern, der in der DDR lebte. Die anderen waren als sogenannte Storchenkinder nach dem Krieg in den Westen geschickt worden, um aufgepäppelt zu werden – und waren dort geblieben. Die Wiedervereinigung bezeichnet Winkler als einen „Glücksfall“ für Deutschland. Als die Mauer fiel, kam eine ehemalige Nachbarin zu ihm und gab ihm 100 Mark in die Hand. „Sie sagte, meine Mutter hätte damals ihr Kopfgeld gezahlt, damit sie rüber in den Westen konnte. Das wollte sie mir zurückzahlen“, sagt Winkler. Als er davon erzählt, wirkt er sichtlich bewegt.

Heutzutage erinnert allenfalls noch die unterschiedliche Bauweise an die Zeit der Teilung Staakens. Der westliche Teil Staakens entlang dem Nennhauser Damm wirkt ländlich und steht in einem starken Kontrast zu den anonymen Großsiedlungen im Osten Staakens. Aus der alten Dorfschule ist mittlerweile „Jona’s Haus“ geworden. Nachdem das rote Backsteinhaus nach der Wende heruntergekommen war und sich dort zunehmend Jugendliche mit rechtsradikalen Tendenzen trafen, wurde das Haus 2006 von der Stiftung Jona übernommen. Seitdem gibt es dort jeden Tag der Woche ein Freizeitangebot für Kinder und warme Mahlzeiten. Denn auch das ist Staaken heute. „Das Quartier Heerstraße Nord ist unser Sorgenkind. Viele Kinder dort sind sozialen Problemen ausgesetzt“, sagt Georg Scherer vom Jugendamt Spandau.

Teilung spielt keine Rolle mehr

Die Teilung Staakens spiele bei diesen Problemen knapp ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer keine Rolle mehr. Ähnlich sieht es auch Frau Professor Bier, von der die Stiftung Jona gemeinsam mit dem verstorbenen Mann ins Leben gerufen worden ist. „Am Anfang haben wir schon gemerkt, dass es Widerstände gegen uns als „Westler“ gab. Manche Eltern sahen unser Angebot sehr skeptisch“, erzählt Bier. Mittlerweile stünden die sozialen Probleme jedoch ganz klar im Vordergrund. Vor allem Kinder aus den anliegenden Großsiedlungen kämen ins „Haus Jona“. Die vielen entstandenen Neubauhäuser in Weststaaken sind davon sozial weit entfernt. Viele Zugezogene verwirklichen dort auf günstigem Bauland ihren Traum vom eigenen Haus.

Als Monika Seliger das erste Mal nach rund 60 Jahren ihr ehemaliges Klassenzimmer in „Jona’s Haus“ betritt, aus dem vor so langer Zeit ihr Lehrer aus dem Fenster sprang, kehren viele Erinnerungen zurück. Wie aggressiv die Stimmung im damaligen Deutschland war und wie man mit den Kindern umgegangen ist. „Körperliche Züchtigungen in der Schule und zu Hause waren an der Tagesordnung“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Die Kinder von „Jona’s Haus“ machen sich gerade fertig für einen Ausflug und toben wild umher. Nur für einen kurzen Moment lassen sie sich für das gemeinsame Foto zähmen. Viel Geschichte liegt zwischen diesen Generationen. Ein Land in Schutt und Asche, sein Wiederaufbau und eine künstliche Teilung, die viel zu lange trennte, was zusammengehört. Selbst diese unglaubliche Geschichte der Wiedervereinigung scheint mittlerweile weit weg. Auch hier in Staaken.