Es sind gleich zwei Trends, die dafür sorgen, dass der viel zitierte demografische Wandel auch auf Berlins Straßen angekommen ist: Zum einen nimmt der Anteil der Senioren an der Gesamtbevölkerung der Bundeshauptstadt stetig zu. Zum anderen sind immer weniger Menschen im Alter bereit, auf das eigene Auto und damit auf selbstbestimmte Mobilität zu verzichten.
Nach Untersuchungen, die der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) und das Prüfunternehmen Dekra am Dienstag vorstellten, ist in Berlin die Zahl der über 70-Jährigen, die einen Pkw besitzen, von 129.000 in 2010 auf aktuell knapp 162.000 gestiegen, ein Plus von 25 Prozent. Noch kräftiger fiel der Anstieg bei den über 75-Jährigen aus: Verfügten 2010 noch 57.213 Menschen in dieser Altersgruppe über ein eigenes Auto, so sind es inzwischen 76.934 (plus 35 Prozent). Im selben Zeitraum stieg die Zahl der in der Stadt zugelassenen Pkw lediglich um 3,9 Prozent – von 1,1 Millionen auf inzwischen knapp 1,15 Millionen.
Vergleichsdaten aus anderen Bundesländern belegen: Berlin ist kein Sonderfall. Während der Gesamtbestand an Pkw nur um gut zwei Prozent anwuchs, stieg die Zahl der Autobesitzer in Brandenburg von 2010 bis 2013 um 25 Prozent bei den über 70-Jährigen, und sogar um 38 Prozent bei den über 75-Jährigen.
Mehr Unfälle durch junge Fahrer
Die Schattenseite: Ältere Autofahrer sind nicht nur immer öfter Opfer, sondern auch Verursacher von Verkehrsunfällen. Forderungen nach regelmäßigen Gesundheitschecks, wie sie in anderen europäischen Ländern bereits Praxis sind, werden da immer wieder laut. ADAC und Dekra halten derartige Forderungen hingegen für unberechtigt und nicht durch Fakten belegt.
Statt auf Verbote und gesetzliche Sanktionen gegen eine bestimmte Altersgruppe unter den Autofahrern setzen sie auf mehr Eigenverantwortung. „Mobilität ist ein hohes Gut in unserer Gesellschaft. Es kann nicht sein, dass wir da eine ganze Bevölkerungsgruppe ausschließen“, sagte Volker Krane, Verkehrsvorstand des ADAC Berlin-Brandenburg.
In Berlin ist der Anteil der Senioren unter den Unfallverursachern in den vergangenen Jahren allerdings deutlich gestiegen. Waren 2005 unter 100 Verursachern noch etwa sechs Senioren, wurde im vergangenen Jahr etwa jeder zehnte Unfall von einem älteren Menschen ausgelöst, wie aus den Statistiken der Polizei hervorgeht.
Steigende Unfallhäufigkeit ab 70 Jahren
Die Zahl der Unfälle stieg von rund 120.000 auf rund 131.000. Auch in Brandenburg stieg der Anteil von Senioren unter den Unfallverursachern – von rund acht Prozent im Jahr 2005 auf zwölf Prozent im vergangenen Jahr. Dort sank die Zahl der Unfälle insgesamt von rund 85.000 auf rund 81.000. Das zeigen Zahlen des Innenministeriums und des Statistikamtes Berlin Brandenburg.
ADAC-Verkehrsvorstand Krane verwies indes auf eine Auswertung des Statistisches Bundesamtes: Darin wurde die Pkw-Fahrleistung privater Autobesitzer mit dem Anteil, den die jeweilige Altersgruppe als Verursacher von Unfällen mit Personenschäden hat, verglichen (Stand: 2008). Danach hat die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen ein Anteil von 8,9 Prozent an den insgesamt in Deutschland gefahrenen Kilometern, ist aber verantwortlich für 24 Prozent aller Unfälle mit Personenschäden.
Auf das Konto der Autofahrer im Alter von 25 bis 39 Jahren kommen sogar 25,4 Prozent aller Unfälle – sie haben allerdings auch einen Anteil an der Gesamtfahrleistung von 31 Prozent. Zum Vergleich: 65- bis 69-jährige Autofahrer haben nur noch einen Anteil von 4,7 Prozent an der Kilometerleistung, ihr Anteil an den Unfällen mit Personenschäden liegt mit 3,7 Prozent noch darunter. Erst ab 70 gibt es eine steigende Unfallhäufigkeit. Autofahrer über 75 erbringen gerade noch 2,4 Prozent der Gesamtkilometerleistung, ihr Anteil an den Unfällen liegt nun aber schon bei sechs Prozent.
Recht auf Mobilität
Forderungen, bei Autofahrern ab 75 Jahren die Führerscheintauglichkeit verbindlich zu überprüfen, lehnt ADAC Berlin-Brandenburg ab. „Warum soll ein 75-Jähriger nicht mehr Auto fahren dürfen, wenn er fit ist. Gerade auch Senioren sind auf das Auto oft angewiesen und haben ein Recht auf Mobilität“, sagte ADAC-Verkehrsvorstand Krane.
In europäischen Ländern, die solche Überprüfungssysteme bereits haben, seien Verbesserungen in der Verkehrssicherheit nicht nachweisbar. „Die Unfallzahlen haben sich dort nach Einführung der Tests nicht signifikant verändert“, sagt Krane und verweist erneut auf eine Statistik. So lag Deutschland im Jahr 2010 bei den Unfalltoten im Alter über 65 Jahren im Europa-Vergleich auf Platz 3 (54 Verkehrstote je eine Million Einwohner) und damit weit vor Spanien (68 Verkehrstote je eine Million Einwohner, Platz 6) und den Niederlanden (76 Verkehrstote je eine Millionen Einwohner, Platz 11).
Bach Ansicht des Stuttgarter Altersmediziner Andrej Zeyfang können Gesundheitstests durchaus Risiken im Straßenverkehr minimieren. Ein einfaches Verfahren reiche aber dafür nicht aus. Zeyfang plädiert für eine Kombination von regelmäßigen Untersuchungen durch einen Arzt und Testgeräten, die den Autofahrern ihre aktuelle Tagesform anzeigen – etwa anhand von Blutdruck und Blutzuckerwerten. „Einen älteren Menschen nur alle paar Jahre zu testen, reicht nicht. Der gesundheitliche Zustand kann sich im hohen Alter sehr schnell verschlechtern“, sagte Zeyfang.
mit dpa



