Sportprojekt

Henkel steigt im Wahlkampf in den Boxring

Boxen kann Jugendlichen helfen, etwas über Verantwortung und Disziplin zu lernen, meint Innensenator Frank Henkel (CDU). Also besuchte er ein Boxtraining in Neukölln und stieg selbst in den Ring.

Als Frank Henkel in den Ring steigt, beißen einige Zuschauer kurz die Zähne zusammen. So, als würden sie selbst gleich Schmerzen spüren. Klein ist er ja nicht, der CDU-Chef und Innensenator, knapp einsneunzig groß. Aber im Ring wirkt der Mann, mit Verlaub, verletzlich wie ein Igel ohne Stacheln. Da helfen auch die Boxhandschuhe nicht. Man hofft, dass alles gut geht, als der Trainer seinen Jugendlichen zuruft: „Mohammed, du bleibst drinnen. Die anderen gehen so lange an die Geräte.“

Es ist ein Auftritt mitten im Wahlkampf, bei dem nicht klar ist, was der Politiker demonstrieren wird: Stärke oder Schwäche.

Man kennt andere Bilder von Innensenatoren: starke Posen. Damit fängt der Termin in Neukölln an, im schwarzen Auto fährt Henkel vor dem Sportzentrum an der Oderstraße vor, er wirkt groß und mächtig, als er aussteigt. Der Politiker besucht das Projekt „Kick im Boxring“, für Jugendliche hier aus dem Kiez, viele haben „massive Gewalterfahrungen“ gemacht, heißt es in einer Studie. Gefolgt von Sicherheitskräften geht der Senator hinein, dort riecht es nach Leder und Schweiß.

Wann er das letzte Mal geboxt habe, wird er gefragt. Henkel: „1982, so bis 84 oder 85.“ Genau wisse er das nicht mehr. Und ob er talentiert gewesen sei? Henkel: „Offensichtlich nicht, sonst hätte ich nicht aufgehört.“ Henkel lacht dabei wie ein Berliner Junge.

Als er sein Jackett auszieht und die Brille absetzt, streift er auch seine Aura des mächtigen Politikers ab, in der er angekommen war.

„Bitte nicht so doll“

Neben ihm trainiert ein kräftiger Junge am Boxsack. Es knallt so laut, als wenn sich ein Gewitter entlädt. Das hier ist ein Ort, an dem junge Menschen alles rauslassen können: Frust und Stress, aber auch ihre unerschöpfliche Kraft.

Es geht los. Henkel gegen Mohammed. 18 Jahre alt, klein und kräftig. „Bitte nicht so doll“, ruft eine Frau. Henkel hält die Deckung oben und teilt mit der Linken aus. Gar nicht so schlecht, sogar die Beinarbeit. Gelernt ist gelernt. Mohammed bleibt ruhig, er stoppt seine Schläge rechtzeitig. Volle Kontrolle. Kurz darauf nimmt Henkel den Jungen in den Arm. Kameras blitzen.

Nach dem Kampf steht der Senator am Ring und erklärt, noch schwer atmend, die Vorzüge des Boxens. Dass man lerne, was es bedeutet, jemandem gegenüberzustehen, dass dieser Sport nicht funktioniere ohne Verantwortung und Disziplin. Und wie wichtig das sei, um Gewalt zu vermeiden und sich eine Perspektive zu erarbeiten. Darüber spricht der Senator später auch direkt mit den Jugendlichen hier. Seit dem tödlichen Angriff auf Jonny K. am Alexanderplatz führt Henkel diesen „Wertedialog“ in Einrichtungen.

„Einfach umhauen können“

„Du hättest mich einfach umhauen können“, sagt Henkel zu Mohammed. „Aber das wolltest du nicht, warum?“ Der Jugendliche schüttelt den Kopf. Weil er Boxen zur Selbstverteidigung gelernt habe. „Und brauchst du das?“, fragt Henkel. Ja, es gebe Probleme auf der Straße, sagt Mohammed. Er versuche, Streit aus dem Weg zu gehen, aber manchmal müsse man das anders lösen. Mohammed hat schon viele offizielle Kämpfe gewonnen, zuletzt einen, in dem der Kampfrichter ihn ungerecht behandelt habe, erzählt ein Betreuer. Mohammed sei ruhig geblieben und habe fair gekämpft.

Die Sporthochschule Köln hat das Projekt bewertet, allein hier in Neukölln trainieren mehr als 50 Jugendliche. Das staatlich geförderte Projekt habe sich „positiv auf das Konfliktverhalten“ aller Teilnehmer ausgewirkt, so das Fazit.

Einen Tiefschlag fängt sich Henkel auf seine Frage: „Was würdet ihr machen, wenn ihr einen Tag an meiner Stelle sein würdet?“ ein. Schweigen. „Wisst ihr überhaupt, was ich mache?“ Schweigen. Er sei für die Feuerwehr und Polizei zuständig, erklärt Henkel und schaut in die Runde. Einzige Antwort: „Auf den Schießstand gehen“, sagt Mohammed und grinst.

„Leute“, ruft der Trainer, „sonst habt ihr eine Riesenklappe, jetzt sagt keiner was.“ Es klingt erfrischend auf einem Politikertermin im Wahlkampf und zeigt: Die Jugendlichen wurden nicht extra vorbereitet auf Henkels Besuch.

Henkel hat seine Schwäche gezeigt. Man kann sagen, es war mutig.