Es hat schon seine Vorteile, wenn man in Berlin ein aufgeweckter und selbstbewusster Hauptschulabsolvent wie Ozan Algül ist. Algül (23) bekam nach der Schule eine Lehrstelle als Bürokaufmann. Er machte seinen Abschluss und stellte fest: „Ist nichts für mich. Ich brauche ein bisschen Action.“ Jetzt trägt er die Uniform der Deutschen Bahn, lernt Verkehrskaufmann im dritten Jahr. Das bringt ihm genug „Action“, wenn er im Getümmel des Hauptbahnhofs seiner Arbeit nachgeht und in einem Jahr einen Abschluss in der Hand hält, mit dem sich was anfangen lässt. Vor allem aber ist es besser als BFS-TZ. Oder OBF 1. Oder IBA.
Ozan Algül musste nicht ergründen, welch tieferer Sinn hinter diesen bürokratischen Kürzeln stecken. Zwar erfüllt er von außen betrachtet einige Kriterien, die ihn schon in jungen Jahren zum Sorgenkind am Arbeitsmarkt stempeln könnten. Männlich, Migrationshintergrund, keinen höheren Schulabschluss. Aber er konnte es vermeiden, in das System voll rätselhafter Kürzel zu geraten. Ein System, das doch eigentlich dazu gedacht ist, jungen Menschen ohne Ausbildungsplatz zu helfen.
Der Unterschied zwischen OBF 1 und IBA
In diesem System steht zum Beispiel BFS-TZ für „Berufsfachschule in Teilzeitform“. Da kann man einen Beruf lernen, ohne je eine richtige Firma von innen gesehen zu haben. OBF 1 steht für einjährige Berufsfachschule. Dort wird ein Teil der Theorie diverser Ausbildungsberufe gelehrt. IBA ist die „integrierte Berufsausbildungsvorbereitung“. Da geht der junge Mensch wie bei OBF in ein Oberstufenzentrum. Wer sich jetzt fragt, was denn, bitte schön, der Unterschied zwischen OBF 1 und IBA ist, hat noch nichts von BvB („berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme“) und BaE („außerbetriebliche Berufsausbildung“) gehört. Von BQL-VZ, BQ-FL oder EQ nicht zu reden.
Die Aufzählung wäre damit längst noch nicht beendet. Mal gibt es Geld für den Jugendlichen, wenn er diese „Maßnahmen“ besucht, und mal nicht. Mal ist es nur Theorie in der Schule, mal auch in einer Firma. Mal hält der junge Mensch am Ende einen verwertbaren Abschluss in den Händen, häufig jedoch nicht. Dieser Tage treten Tausende Berliner Jugendliche zum ersten Lehrjahr an. Tausende werden noch auf der Suche sein. Ist womöglich die Art der vielen und breiten Hilfe ein Teil des Berliner Lehrlingsproblems?
Jugendliche ohne Antrieb
Michael Holleitner muss man nichts von Problemjugendlichen erzählen. Er hat jeden Tag mit ihnen zu tun. Holleitner kleidet sich sportlich salopp. Mit seiner Art zu reden kann er Distanzhürden wegräumen. Vor allem aber liebt er eine klare Sprache, und die bekommt Denis (16) an diesem Vormittag zu hören. Holleitner macht klar: „Was wir hier nicht hören wollen, ist: ‚Mal schauen, weiß nicht, mal sehen.‘“ Termine und Vereinbarungen werden eingehalten. Keine Diskussion.
Holleitner ist von der Bundesagentur ins Ludwig-Erhard-Haus entsandt. Dort, wo die Industrie- und Handelskammer (IHK) der größte Mieter ist, empfängt er Jugendliche, denen Handwerksmeister und Personalchefs gern die Tür weisen. Oder Jugendliche, die selber keinen Antrieb haben. Die zu faul sind, zu schlecht in Mathe und Deutsch, zu unhöflich, zu wenig daran gewöhnt, früh aufzustehen. Die keine Unterstützung von den Eltern erfahren, junge Menschen, denen das Leben früh entglitten ist. 80 Prozent von Holleitners Besuchern kommen aus Familien, die ihren Lebensunterhalt mit Hartz IV bestreiten.
Holleitners Aufgabe besteht häufig darin, zunächst einmal Flausen auszutreiben. Etwa jenen, die trotz nachgewiesener Matheschwäche von einer Informatiker-Karriere träumen. An einem anderen Tag weist er ein junges Mädchen darauf hin, dass Tischler vor allem auf Baustellen arbeiten. Und zu Denis, dem sie in seiner ersten Lehre nach Ende der Probezeit gekündigt haben und der sich jetzt „vielleicht was mit Verkauf“ vorstellen kann, sagt er: „Grundsätzlich sehe ich Sie nicht im Verkauf. Könnte problematisch werden, wenn es um Buchhaltung geht.“ Gebäudereiniger, fragt Holleitner, wie wäre es denn damit? Er, Denis, solle doch mal eine Bewerbung fertig machen und per E-Mail schicken.
Holleitner: „Eine E-Mail-Adresse haben Sie doch, oder?“
Denis: „Ja.“
Holleitner: „Wie oft rufen Sie Ihre E-Mails ab?“
Denis: „So einmal pro Woche.“
Holleitner: „Nehmen Sie mal Folgendes als Hausaufgabe mit. Erstens: Bewerbungsschreiben wirklich selber formulieren und ab sofort einmal täglich nach E-Mails gucken.“
Vorschule für Azubis
Hinterher sagt Holleitner, das sei ein eher problemloses Gespräch gewesen. Er habe bei Denis ein gutes Gefühl. Der wird wohl zu den 50 Prozent gehören, die dabeibleiben. Viele sitzen einmal bei Holleitner und lassen sich dann nicht wieder blicken. Denis hatte immerhin schon ein Telefonat und erschien dann zum Gespräch. Demnach stehen die Chancen ganz gut, dass er demnächst eine Einstiegsqualifizierung beginnen kann. Genau dafür wurde Michael Holleitner mit seinen Kollegen ins Ludwig-Erhard-Haus gesetzt.
Im Abkürzungswahn Berliner Berufsbildungsbürokraten heißt Einstiegsqualifizierung EQ. Bei einer EQ macht der Jugendliche das erste Lehrjahr mit und bekommt zusätzliche Hilfe, wenn er beispielsweise in der Berufsschule Probleme hat. Wenn man so will, ist EQ eine Art Azubi-Vorschule. Der Jugendliche bekommt ein bisschen Geld, ungefähr 240 Euro im Monat. Firmen, die EQ-Plätze anbieten, werden von der Bundesagentur für Arbeit mit Fördermitteln bedacht. Die Praxis zeigt: EQ funktioniert ziemlich gut. Die meisten Jugendlichen fangen danach eine reguläre Berufsausbildung in einem Betrieb an. Und das Gute ist: Das Programm ist in der Anzahl nicht begrenzt, genug Geld ist da.
Allerdings, und das ist eines der vielen Rätsel in Berlin, gibt es nur verschwindend wenige Jugendliche, die eine EQ machen. Obwohl in der Praxis bewährt, waren es im Mai knapp 250. Gleichzeitig wurden im August 2013 in Berlin 6400 „unversorgte Bewerber“ gezählt. Und es ist davon die Rede, dass jeder fünfte Berliner Schulabgänger nicht ausbildungsreif sei. Legt man die knapp 30.000 Abgänger des vergangenen Schuljahres zugrunde, wären das 6000 Jugendliche. In der Statistik der Bundesagentur für Arbeit sind 3250 offene Lehrstellen vermerkt. Die Lehrstellenbörsen von IHK und Handwerkskammern haben auch noch etliche Hundert unbesetzte Lehrstellen. Aber keiner weiß, was bei der BA alles gezählt wird und was bei den Kammern. Also weiß auch keiner, wie viele Lehrlinge in Berlin wirklich unterkommen könnten.
Vonseiten der Wirtschaft heißt es: Bestenfalls 70 Prozent der Lehrstellen werden der Bundesagentur gemeldet. Demnach gibt es statt 3250 gut 4600 Ausbildungsplätze. Kann aber niemand wirklich überprüfen. Es weiß aber auch niemand, wie viele von den jungen Menschen, die „ausbildungsplatzsuchend“ sind, wirklich eine Lehre anstreben. Dieter Wagon, Chef Berliner Außenstelle der Bundesagentur, fordert seit Monaten von der Berliner Wirtschaft, mehr Ausbildungsplätze bereitzustellen. Der Konter aus dem Wirtschaftslager lautet gebetsmühlenartig: „Wir würden gern mehr ausbilden, aber die Jugendlichen wollen und können nicht.“
Hoher pädagogischer Aufwand
„Für den Lehrstellenmarkt gibt es nicht die eine Statistik, die alles erklärt. Wir sprechen da immer über Teilwahrheiten“, sagt Thilo Pahl. Er ist der Bildungsgeschäftsführer der IHK. Pahl ist natürlich interessensgetriebener Akteur, ein Mann mit Macht im Ausbildungsmarkt, weil der wesentlich von der Industrie- und Handelskammer getragen wird. Aber Pahl gehört nicht zu jenen Scharfmachern, die Berlins Jugend in großen Teilen als für zu dumm für eine Ausbildung erachten. „Bei vielen Jugendlichen in Berlin haben wir ein Motivationsproblem“, sagt er. Einerseits. Gleichzeitig weiß er aber auch: „Unseren Unternehmen müssen wir immer wieder sagen: Es gibt einfach nicht mehr so viele Jugendliche wie früher.“
In Berlin gab es noch vor zehn Jahren knapp 40.000 Schulabgänger Jahr für Jahr. Jetzt sind es 10.000 weniger. Heißt für Unternehmen: Man hat nicht mehr die große Auswahl wie noch vor wenigen Jahren. Die neue Realität der Berufsausbildung dringt aber erst nach und nach in die Unternehmen.
„Viele Firmen sind sich nicht bewusst, dass sie heute häufig einen höheren pädagogischen Aufwand mit Jugendlichen haben“, sagt Michael Holleitner. Er muss nicht nur Schulversager dazu bringen, sich pünktlich mit vollständigen Unterlagen bei Unternehmen zu melden. Überzeugen muss er häufig auch die Unternehmen, einem Hauptschüler mit miesem Zeugnis und schockierend langer Fehltage-Liste eine Chance zu geben. „In einer ganzen Reihe von Branchen hat man das noch nicht kapiert“, sagt Holleitner.“
Aber es bewegt sich was. Ozan Algül, Lehrling der Deutschen Bahn, ist dafür ein gutes Beispiel. Mit seinem erweiterten Hauptschulabschluss ist er fast ein Exot in der Berufsschule. Die meisten haben mindestens den mittleren Schulabschluss, viele aber auch die Hochschulreife. Schulnoten, sagt Algül, sagen doch so gut wie nichts über jemanden aus. Sein Arbeitgeber folgt ein wenig dieser Sichtweise. Seit einem Jahr müssen Lehrstellenbewerber als erste Stufe einen Test im Internet machen. Noten will da noch niemand sehen.





