Rund eine Woche vor dem Start des neuen Ausbildungsjahres sind in Berliner Betrieben noch viele Lehrstellen unbesetzt. Gleichzeitig haben etliche Jugendliche aber noch keinen Vertrag in der Tasche.

Im Kampf um die qualifiziertesten Auszubildenden winken manche Betriebe gar mit dem ersten eigenen Dienstwagen. Aber auch Schulungsprogramme, um junge Menschen auf eine Ausbildung vorzubereiten, gibt es immer mehr.

Allein für Berlin zählt die Bundesagentur für Arbeit jüngsten Daten zufolge noch 4750 freie Ausbildungsstellen. Allerdings sind dort auch noch 7860 unversorgte Bewerber registriert.

Auch in vielen Brandenburger Unternehmen sind immer noch Ausbildungsplätze frei – obwohl das Ausbildungsjahr in den meisten Betrieben schon begonnen hat. „Die Zahl der Schulabgänger geht weiter zurück, während die Nachfrage der Unternehmen nach Auszubildenden unverändert bleibt“, erklärte Jochem Freyer, Geschäftsführer der Arbeitsagentur Frankfurt (Oder). „In der Zukunft wird es da im Land größere Lücken geben“, warnte er.

Bei der jüngsten Erhebung der fünf Agenturen für Arbeit zum 31. Juli wurden 4590 Stellen gezählt, mehr als 4700 junge Menschen waren noch unversorgt. Auch die Bundesagentur für Arbeit betonte Anfang des Monats, dass die Wünsche der Betriebe nicht immer erfüllt werden könnten. Sie zählte deutschlandweit mehr als 146.000 freie Lehrstellen und 200. 000 junge Menschen, die noch auf der Suche sind.

Der Pressesprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, Leif Erichsen, warnt aber: „Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Ein klares Bild ergibt sich erst Ende September.“ Dann muss per Gesetz Bilanz gezogen werden.

Die Bundesagentur für Arbeit Berlin-Brandenburg versteht diese Bedenken nicht. Es gebe eben keine Pflicht, sich zu melden. „Die Nachfrage nach Lehrstellen ist höher als das Angebot. Das ist nach den vorliegenden Zahlen einfach so“, betonte Sprecher Olaf Möller.

Jugendliche oft mit falschen Vorstellungen

Einige Betriebe und Experten sehen das aber anders. „Wir haben noch nicht das gravierende Problem, unsere Plätze zu besetzen. Die Bewerbungen haben in der Qualität aber schon nachgelassen“, sagt Sabine Thümler, Sprecherin der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR). „Junge Menschen gehen oft mit den falschen Vorstellungen an eine Ausbildung heran“, bemängelt auch Erichsen. „Viele bekommen hier Disziplin nicht vorgelebt.“ Erschwert wird die Suche nach dem passenden Auszubildenden auch durch den demografischen Wandel. Weniger Schulabgänger gleich weniger potenzielle Kandidaten – so die einfache Rechnung. Sind die wenigen auch noch schlechter?

„Nein“, sagt Martin Baethge, der Soziologie-Professor an der Ernst-August-Universität Göttingen ist. „Die Klage, viele Jugendliche seien nicht ausbildungsreif, konnte man schon die letzten 50 Jahre immer hören.“ Baethge analysiert seit Jahren für Bund und Länder regelmäßig im Bildungsbericht die Ausbildungssituation. Die ganz große Aufgabe des nächsten Jahrzehnts bestehe darin, die Jugendlichen, die am unteren Ende der allgemeinbildenden Abschlüsse stehen, in die Ausbildung zu integrieren, sagt er. Dies sei aber auch Aufgabe der Betriebe.

Und die Botschaft scheint angekommen zu sein. Programme für eben diese Jugendlichen werden auf die Beine gestellt. „Gemeinsam schaffen wir das“ und „Berlin braucht Dich!“ heißen die Initiativen der Stadtreinigungsbetriebe in der Hauptstadt.

In einen Fachkräftemangel laufe man trotzdem hinein, mahnt Leif Erichsen von der IHK Berlin. Die beste Lösung sei, die Fachkräfte selbst auszubilden. Für die großen Unternehmen kein Problem, sagt er, „aber für den kleinen Mittelstand, der Berlin prägt“, schon.

Festgestellt hat dieses Problem auch die Handwerkskammer in Berlin. Kurz vor Toreschluss sind dort noch 388 freie Lehrstellen verzeichnet. Genug Bewerber? Fehlanzeige. „In Berlin würde ich noch nicht alle Alarmglocken läuten. Allerdings könnte man langsam zum Schalter gehen, um sie anzuschalten. Es gibt aber auch Regionen, wo es deutlich schlechter aussieht“, sagt die Referatsleiterin für Ausbildungsberatung Katharina Schumann.

dpa/sei