Weniger Bewerber

Nachwuchssorgen - Berlin sucht dringend Polizeianwärter

Für die Berliner Polizei wird es erstmals zu einem Problem, genügend geeignete Bewerber für ihre Ausbildungsplätze zu bekommen. Die Zahl der Interessenten ist drastisch eingebrochen.

Foto: Florian Schuh / pa/dpa

Jetzt hat auch die Berliner Polizei Nachwuchssorgen. Bisher war die Behörde noch nicht von dem Problem betroffen, mit dem andere Arbeitgeber in der Stadt schon seit einiger Zeit zu kämpfen haben: zu wenige gute Bewerber. Doch ausgerechnet für die kommenden Ausbildungsjahrgänge ist die Zahl der Interessenten für einen Job bei der Polizei stark eingebrochen.

Dabei will Berlins Polizei vom Frühjahr 2014 an eigentlich weit mehr Schulabgänger als Anwärter einstellen als bisher.

Gab es für den Ausbildungsstart im Frühjahr dieses Jahres noch 2360 Bewerber auf 140 Plätze im Mittleren Dienst, sind es für den nächsten Ausbildungsstart im Frühjahr 2014 nun 13 Prozent weniger (rund 2050). Dabei sollen dann nicht nur 140 Anwärter, sondern 200 bis 300 eingestellt werden.

Auch für die Ausbildung im gehobenen Dienst der Schutzpolizei zeigt sich ein ähnliches Bild. Im vergangenen Jahr bewarben sich noch 1000 Schulabgänger auf die 90 Stellen, nun sollen bis zu 150 Ausbildungsplätze besetzt werden, aber dafür haben sich bislang sogar 35 Prozent weniger Kandidaten (rund 650) interessiert.

Hohe Ansprüche an Bewerber

„Das Verhältnis zwischen Bewerberanzahl und Zahl der Plätze hat sich sehr verschlechtert“, sagte Stefan Redlich, Sprecher der Berliner Polizei, am Dienstag. Weil die Ansprüche an die Bewerber hoch seien, sei eine große Auswahl notwendig. „Es reicht für uns nicht aus, 300 Bewerber auf 300 Plätze zu haben“, so Redlich. „Unser Ziel ist es, die Besten für den Job zu bekommen.“ Neben Sport- und Gesundheitsprüfungen müssen Bewerber auf eine Stelle bei der Polizei Sprach- und Persönlichkeitstests absolvieren, auch ihr Allgemeinwissen wird überprüft.

Mit großen Anzeigen wirbt die Polizei aktuell in Zeitungen für ihre Ausbildung – besonders gern im Sportteil, der viel von jungen Menschen gelesen wird. „Komm in unser Team“, steht in großen Lettern unter einem Foto, auf dem ein Dutzend strahlender junger Azubis in Uniform zu sehen ist. Knallrot darüber prangt der Schriftzug: „Bewerbungsfrist verlängert“.

Als erste Reaktion auf die wenigen Bewerbungen sei die Frist hochgesetzt worden, erklärte Redlich. Ab Ausschreibungsdatum waren zunächst acht Wochen Zeit für die Bewerber angesetzt, jetzt sind es zehn. Es ist das erste Mal, dass der Zeitraum so lang ist. Auch Beratungsgespräche bietet die Polizei Interessierten mittlerweile an.

In Konkurrenz zu anderen Arbeitgebern

„Die Polizei hatte bisher immer den Vorteil, dass der Job besonders spannend ist und viele interessiert“, sagte Redlich. „Wir stehen natürlich in Konkurrenz zu anderen Arbeitgebern, aber der Beruf Polizist ist einfach abwechslungsreich und vielseitig, und in der Bundeshauptstadt ist er noch einmal etwas ganz Besonderes.“

Auch wenn es bislang stets ausreichend viele Bewerber gab, ganz auf diese Anziehungskraft verlassen will man sich bei der Polizei schon länger nicht mehr. Auf 130 Veranstaltungen an Schulen und auf Jobbörsen hätten die Mitarbeiter vom Einstellungsbüro der Polizei im vergangenen Jahr für den Beruf geworben, hieß es. Sogar gemeinsam mit dem türkischen Generalkonsulat habe es eine Werbeveranstaltung gegeben, denn die Polizei bemüht sich ebenso wie die übrige Berliner Verwaltung um Bewerber mit Migrationshintergrund. Ihr Anteil liege aktuell bei rund 20 Prozent, so Redlich. Nur Frauen mit Migrationshintergrund würden sich noch zu selten als Polizistin bewerben.

Auch außerhalb des öffentlichen Dienstes herrscht Mangel

Auch in anderen Landesbehörden wird es zunehmend schwierig, die Ausbildungsplätze mit geeigneten Bewerbern zu füllen. In den Finanzämtern beispielsweise schlugen die Gewerkschaften bereits im vergangenen Jahr Alarm. Auch außerhalb des öffentlichen Dienstes herrscht Mangel. Die Handwerkskammern meldeten jüngst deutschlandweit 24.000 offene Lehrstellen.

Eine Ursache der Problematik ist der demografische Wandel. Die Jahrgänge werden kleiner. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Berliner Schüler laut Daten der Bildungsverwaltung um 15 Prozent geschrumpft. In den Berliner Behörden wird der Kampf um die kleiner werdende Schar von potenziellen Azubis jedoch noch um zwei weitere Faktoren verschärft.

Zunächst einmal durch die Besoldungsunterschiede. Das Land Berlin zahlt seinen Beamten weit weniger als der Bund und als andere Bundesländer – Gewerkschaften sprechen von 15 bis 20 Prozent. In den kommenden zwei Jahren soll es zwar ein Plus von 2,5 Prozent geben, aber geschlossen ist die Lücke damit noch nicht. Interessiert sich ein Schulabgänger also für die Arbeit bei der Polizei, kann er sich auch bei der Bundespolizei oder in einem anderen Bundesland bewerben und verdient dort mehr.

6300 Beamte gehen in Pension

Hinzu kommt, dass in den Berliner Behörden Jahre mit sehr hohen Pensionswellen bevorstehen, denn geburtenstarke Jahrgänge gehen in den Ruhestand. Es muss also verstärkt ausgebildet werden, um die Personalstärke halten zu können. Allein bei der Berliner Polizei scheiden laut ihrem Sprecher in den nächsten zehn Jahren regulär 6300 Polizisten aus dem Dienst – insgesamt arbeiten dort aktuell rund 16.000 Vollzugsbeamte. „Deshalb wollen wir jetzt schon mehr Auszubildende einstellen“, sagte Redlich. Hinzu kommt bei der Polizei auch noch die politische Entscheidung, zusätzliche Stellen zu schaffen, um die Polizeipräsenz in der Hauptstadt wieder zu erhöhen. In den laufenden Haushaltsberatungen sind bis 2015 insgesamt 100 Extra-Stellen im Gespräch, für die ab Frühjahr ausgebildet werden soll.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) kritisierte den Umgang mit dem Bewerbermangel. „Die Nachwuchsgewinnung bei der Polizei wächst sich zum Problem aus“, sagte der Landesvorsitzende Michael Purper. Es reiche nicht aus, die Bewerbungsfrist bis zum 16. August 2013 zu verlängern, um das Problem zu lösen. Die Bewerberzahl sei so niedrig, weil Polizisten so wenig Wertschätzung entgegen gebracht werde, so Purper. Nötig sei ein Lob von Politik und Öffentlichkeit und eine Bezahlung, die der in anderen Bundesländern nicht nachstehe.