Würde der Brief leben, er wäre satt und zufrieden. Weich und gefüttert ist das Papier des Couverts. Auf der Rückseite steht keine Adresse, keine Postleitzahl, kein Name. Sondern nur: „Der Bundespräsident“. Nicht viele Menschen in Deutschland bekommen Post vom Staatsoberhaupt. Aber noch viel seltener finden sich darin Sätze wie in diesem Brief. Sätze, die zeigen, wie sehr es sich lohnen kann, mutig zu sein.

Drei Monate, bevor der Präsident seinen Brief mit „Euer Joachim Gauck“ unterschrieben hat, steht die Empfängerin, Sadaf Walizada, vor dem Flüchtlingsheim Marienfelde. Der Bundespräsident ist an diesem Tag gekommen, um eine Rede zum 50. Jahrestag der Gedenkstätte des Lagers zu sprechen, in dem früher Flüchtlinge aus der DDR ankamen.

Heute lebt Sadaf hier, das zwölfjährige Mädchen, sie ist vor zwei Jahren mit ihrer Familie aus Afghanistan geflohen. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, die Behörden glaubten der Familie nicht alle Gründe für ihre Flucht. Sadaf ging davon aus, dass sie zurück müssen nach Ghazni, eine krisengeschüttelte Region. In diesem Moment geht Sadaf vorbei an den Fotografen und Zuschauern, winkt dem Bundespräsidenten zu und ruft: „Darf ich kurz mit Ihnen sprechen?“

Sie habe damals nicht lange überlegt, sagt Sadaf heute. Sie ist ein Mädchen mit klaren Augen und seltsam wissendem Blick. „Ich spreche oft Menschen an, hier im Heim kennt mich jeder.“ Kürzlich ging sie zum Friseur, sie wollte lernen, wie man einen schicken Pony schneidet. Also fragte sie, ob sie mal zuschauen könne. Sadaf blieb mehrere Stunden und lernte viel über professionelle Schnitte.

Gauck bleibt stehen und hört zu

Natürlich ist das ein Unterschied: einen Friseur anzusprechen oder den Bundespräsidenten. Aber warum eigentlich, wenn es um etwas Wichtiges geht? Joachim Gauck jedenfalls ist stehen geblieben und hört ihr zu. Ein paar Meter gehen sie gemeinsam durch das Blitzlichtgewitter.

Zuvor hat Gauck über Flüchtlinge gesprochen und appelliert, man solle nicht vorschnell über Motive urteilen, die Heimat zu verlassen. „Wer kann es Menschen verdenken, wenn sie vor Elend und Perspektivlosigkeit fliehen, wenn sie sich auf die Suche machen nach einer besseren Zukunft für ihre Kinder?“, sagte Gauck. Nun erzählt Sadaf ihm, das sie und ihre Familie Angst davor hätten, nach Afghanistan zurück zu gehen. Gauck sagt, sie solle ihm einen Brief schreiben.

Kleiner Bruder korrigiert den Brief

70.000 Briefe und Zuschriften kommen jedes Jahr im Schloss Bellevue an. Sadaf schreibt ihren Brief auf dem Teppich im Wohnzimmer, es ist der Esstisch der Familie. Sie fängt an mit „Lieber Präsident von Deutschland.“ Sie schreibt auch über ihre Angst vor älteren Männern in Afghanistan, die ihre Schwester heiraten wollten. Mit ihr im Wohnzimmer sitzen Torpekai, die Mutter, Sadeq, der Vater, Sahar, die ältere Schwester.

Und Kambiz, der kleine Bruder. Der achtet darauf, dass Sadaf auch Grammatik und Rechtschreibung einhält. Er muss sehr genau hinschauen, denn Sadaf macht kaum Fehler. Kambiz hält einen Tablet-Computer in den Händen, und als Sadaf einmal „Tablet“ sagt, ausgesprochen mit langem A, korrigiert Kambiz sie. „Täblet“, mit ä, so spreche man das auf Englisch aus, sagt er. Kambiz, ihr Bruder, ist sieben Jahre alt.

Schule unterstützt das Mädchen

Die Morgenpost berichtete damals über diesen Brief, und wenig später schreibt auch die Klasse von Sadaf, die 5b der Kiepert-Schule Marienfelde, einen Brief an Gauck. Das hatten die Schüler gemeinsam mit der Klassenlehrerin Romy Wendt entschieden, als sie über Sadafs Situation sprachen.

Und es ist schon eine Überraschung, als weniger als einen Monat später in der Schule die Antwort des Präsidenten ankommt: dieser schöne Brief aus dickem Papier. Gauck schreibt, er erinnere sich gut, wie Sadaf ihn angesprochen und ihr Problem geschildert habe. Ein Bundespräsident dürfe sich zwar in solche Angelegenheiten nicht einschalten, schreibt Gauck, zuständig sei die Ausländerbehörde.

Doch dann kommt dieser Satz, der Sadaf für ihren Mut belohnt, der auf ein besseres Leben hoffen lässt: „Ich habe deshalb meine Mitarbeiter gebeten, dort einmal nachzufragen, ob es eine Möglichkeit gibt, das Sadaf mit ihrer Familie in Deutschland bleiben kann“, schreibt Joachim Gauck.

Schloss Bellevue ist plötzlich mit im Spiel

Es waren nur wenige Minuten, in denen Sadaf auf der Straße vor dem Flüchtlingslager mit dem Präsidenten sprach und so ihren großen Mitspieler gewann. Danach waren Sadaf und ihre Familie nicht mehr nur ein Vorgang im Bundesamt für Migration, sondern auch im Schloss Bellevue. Ein kleines Gespräch, das eine gewaltige Distanz zwischen Menschen überwunden hat.

Die Schule ist aus und Sadaf geht mit ihrem Bruder nach Hause. Er auf dem Fahrrad, sie zu Fuß. Natürlich ermahnt Sadaf ihren kleinen Bruder, wenn er zu sehr schlingert auf seinem Fahrrad. Sie muss ihm ja zurückgeben, dass er sie zur korrekten Aussprache von „Tablet“ belehrt hat. Außerdem ist sie die ältere Schwester. Zu ihrem Bruder dürfe sie auch mal zickig sein, sagt sie. Bei ihrer älteren Schwester wiederum, sie ist 14, traue sie sich das nicht.

Flucht ohne Eltern

Man muss sich mal vorstellen, wie sehr die drei Kinder es gewöhnt sind, aufeinander aufzupassen. Die Etappe ihrer Flucht von Griechenland nach Deutschland mussten sie ohne Eltern bewältigen. Doch von dieser Zeit will das Mädchen nicht erzählen. Schlimme Erinnerungen einerseits. Andererseits bläuen Fluchthelfer ihren Kunden ein, keine Details zu verraten.

Kürzlich war Ramadan und die Walizadas fasteten. Aber Sadaf hatte Bauchschmerzen und ihr war schwindelig. Ihre Eltern sagten: Es ist okay, du darfst essen. In Afghanistan, sagen sie, wäre das ein Problem gewesen, wenn die Tochter in der Schule gegessen hätte. Zwar erlaube die Tradition durchaus, bei gesundheitlichen Problemen das Fasten abzubrechen. Aber es kommt eben darauf an, wer über diese Regeln wacht und wie strikt er das tut. Auch deshalb wollten die Walizadas weg aus ihrer Heimat.

Ende Juli kam dann kam ein weiterer Brief in der Kiepert-Schule an. Eine Mitarbeiterin von Gauck schreibt, es liege die Antwort vor: Sadaf dürfe mit ihrer Familien in Deutschland bleiben. „Diese Nachricht hat den Bundespräsidenten sehr gefreut.“

Zettel mit Vokabeln in der Küche

Auch bei den Walizadas kam ein Brief vom Amt an. Es war ein Sonnabend, als sie erfuhren, dass sie in Deutschland bleiben können. Sie luden ihre Nachbarn ein und feierten. Kambiz, der Bruder kam Nachmittags vom Spielplatz und sah die gut gelaunten Menschen. Für die Walizdadas bedeutet das nun: Sie sind als Flüchtlinge anerkannt.

Sie können zunächst drei Jahre in Deutschland bleiben. Die Kinder gehen zur Schule, die Eltern besuchen einen Integrationskurs, sie dürfen arbeiten. Sadaf hat zu Hause in der Küche Zettel mit Vokabeln an die Wand geklebt, damit ihre Mutter auch lernen kann, wenn sie kocht.

Es ist nicht selten, dass Asylanträge anfangs abgelehnt werden. Aber die Walizadas waren so schlau, sich einen guten Anwalt zu nehmen. Sadaf und ihre Geschwister sind zudem bemerkenswert gute Schüler geworden, auch das spielt bei der Entscheidung eine Rolle. Doch all das kostet Kraft, und man fühlt sich bei diesem Kampf weniger alleine mit einem gefütterten Brief vom Bundespräsidenten in der Tasche.

Wir machen Fotos von Sadaf, im Park neben der Schule. Eine Freundin kommt vorbei. Sie sagt: „Echt? Du hast den Präsidenten getroffen?“ Sadaf sagt: „Ja, Barack Obama“. Die Freundin kontert erneut: „Oder machst du bei Germanys Next Topmodel mit?“ Dabei reißt sie die Augen auf und sagt: „Vielleicht sieht Brad Pitt deine Bilder.“ Und dann lachen beide Mädchen.

Noch immer kein normales Leben

Es sieht aus wie ein bemerkenswert normales Leben, das sich Sadaf hier aufgebaut hat. Hier im Umfeld des Flüchtlingsheims leben auch andere Kinder, die ihre Heimat verlassen mussten, aus Tschetschenien, Syrien, Irak. „Wir sprechen nicht darüber, wo wir herkommen“, sagt Sadaf. „Sondern darüber, was wir am Nachmittag machen wollen.“

Ein Stück weit wird Sadaf aber wieder von vorne anfangen müssen. Ihre Familie muss bald aus dem Flüchtlingsheim ausziehen. Vermutlich geht es weiter in einem anderen Teil der Stadt. Es ist eben doch kein normales Leben. Noch nicht. Vielleicht hätte Sadaf auch ohne das wachsame Auge aus Bellevue in Deutschland bleiben dürfen. Aber sie hat gelernt, dass man Menschen ansprechen muss, um ein Ziel zu erreichen. Egal, ob es der Friseur um die Ecke ist. Oder der Bundespräsident.