Das Foucaultsche Pendel schwingt immer noch bedächtig hin und her. Acht Sekunden braucht die 48 Kilogramm schwere Kugel am unteren Ende für jede Pendelbewegung. Beständig und beruhigend.

Das Gleichmaß des berühmten Experiments ist aber fast das Einzige, was sich im Science Center Spectrum des Deutschen Technikmuseums in Berlin-Kreuzberg nicht geändert hat.

Der verstaubte Charme der 90er-Jahre ist einem bunten Leitsystem in den Farben des Regenbogens gewichen. Bewährte Experimentierstationen sind generalüberholt, neue verblüffen die jungen Besucher – wie der Indoor-Regenbogen, der ganz ohne Wasser auskommt und mitten im Raum schwebt.

Etwa 20 Monate haben die Sanierung des historischen Backsteinbaus und die komplette Neugestaltung der zuvor buchstäblich abgegriffenen Experimente gedauert. 2,38 Millionen Euro flossen in das Projekt, finanziert von der Stiftung Klassenlotterie, der EU und dem Berliner Immobilienmanagement. Am Freitag eröffnet das Spectrum im Kopfbau des ehemaligen Anhalter-Güterbahnhofs an der Möckernstraße neu.

200.000 Besucher erwartet

Noch wird in einigen Räumen gehämmert, geschraubt, montiert. Doch für Spectrum-Leiter Christian Neuert ist „schon ein großer Schritt vollbracht“. Neuert rechnet damit, dass sein Haus schon bald wieder an die alten Besucherzahlen anknüpfen kann. Zumindest der Eröffnungsfreitag (9. August 2013) ist schon restlos von Schulklassen ausgebucht. 200.000 zahlende Besucher pro Jahr oder mehr soll das erneuerte Science Center zur Bilanz des Technikmuseums beitragen.

Dass sich die Sanierung etwa sieben Monate länger als geplant hinzog, weil die Decken in dem Altbau nicht mehr den aktuellen Brandschutzvorschriften entsprachen, hat zumindest das Mutterhaus deutlich gemerkt.

Erstmals seit 2008 ging die Gesamtbesucherzahl der Stiftung, zu der auch das Zucker-Museum, die Archenhold-Sternwarte und das Zeiss-Großplanetarium gehören, 2012 zurück, um mehr als sieben Prozent auf 581.912. Stiftungschef Dirk Böndel hofft deshalb auf ein erfolgreiches Comeback des Spectrums. Im ersten Halbjahr 2013 habe das Museum mit Sonderausstellungen den Schwund ausgleichen können, sagte Böndel. Ein neuer Besucherrekord könnte deshalb noch in diesem Jahr erreicht werden.

Enge Verbindung zum Mutterhaus nicht ganz neu

Und Museumschef Böndel hat noch große Pläne, auch mit dem Science Center. Der Erlebnisbereich mit seinen zahlreichen naturwissenschaftlichen Experimenten zum Ausprobieren und Staunen soll noch enger als bisher mit den klassischen Ausstellungen verknüpft werden. Schon seit 2011 befindet sich gleich nebenan, in der ehemaligen Ladestraße des Anhalter-Güterbahnhofs, die Dauerausstellung „Mensch in Fahrt – unterwegs mit Auto & Co“. 2015 soll die nächste Dauerschau „Das Netz“ folgen und die technische Gegenwart und Zukunft beleuchten. Langfristig soll das ganze Areal zum „Technoversum“, einem Museum der Zukunft, werden. Und dabei spielt das Spectrum, das naturwissenschaftliche Phänomene lustvoll erlebbar macht, eine zentrale Rolle.

Die enge Verbindung zum Mutterhaus ist nicht ganz neu. Schon bei der Eröffnung des Technikmuseums vor 30 Jahren gab es eine Abteilung, die Wissenschaft mit Experimenten zum Selbermachen begreifbar machen sollte. Das von Otto Lührs konzipierte sogenannte „Physikalische Versuchsfeld“ wurde zur Keimzelle aller deutschen Science Center späterer Jahre. 1990 zog Lührs mit seinen Experimenten in den alten Verwaltungsbau des Güterbahnhofs um, erweiterte die Experimente stetig. Der Name Spectrum wurde seitdem zu einer eigenen Qualitätsmarke. Fast jedes Berliner Schulkind und Zehntausende Besucher aus aller Welt wissen dank der Kreuzberger Institution, wie ein Regenbogen, Blitze oder Wellen entstehen, wie eine Lochsirene aus Luft Klänge macht, sich Schwingungen auf der Partnerschaukel übertragen, optische Täuschungen funktionieren und was es mit der Nebelkammer auf sich hat.

Angebote für kleine Kinder

All diese Klassiker finden sich auch im neuen Spectrum. Allerdings gründlich aufpoliert, zum Teil mit multimedialen Elementen erweitert und mit völlig neuen, nun zweisprachigen (Deutsch und Englisch) Erklärungen nebst Piktogrammen zur Bedienung versehen. Dazu kommen zahlreiche neue Stationen, die zum Teil vom Team des Hauses selbst entwickelt wurden. Insgesamt gibt es nun mehr als 150 Experimente auf 1400Quadratmetern Ausstellungsfläche. Ebenfalls neu: Ein einfaches Erklärsystem soll die Experimente erstmals auch für kleinere Kinder im Vorschulalter erschließen. Und auch den Museumsstandort Berlin würdigt das Science Center nun stärker als zuvor – etwa, wenn im Raum der Schwingungen erklärt wird, dass selbst der Berliner Fernsehturm nicht starr in den Himmel ragt – und warum er dank eines „Schwingungstilgers“ trotzdem nicht umfällt. Noch im Bau ist das neue Schülerlabor, das historische Experimente am historischen Ort anbieten will. Im Herbst ist die Fertigstellung und damit der endgültige Abschluss der Sanierung geplant.

Für Knut Nevermann, Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung in der Senatsbildungsverwaltung, wird das umgebaute Spectrum zum „Idealfall eines außerschulischen Lernorts“. Und das könnte aus Sicht der Berliner Politik durchaus gewollte Nebeneffekte haben. Denn in Berlin und andernorts in Deutschland mangelt es an Lehrern für die sogenannten MINT-Fächer, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Wer sich dank der spaßorientierten Science Center schon im Kindesalter für diese Themen begeistert, so die Hoffnung der Bildungspolitiker, der könnte später auch ein entsprechendes Studium wählen und die Lehrerlaufbahn einschlagen. Auch deshalb hofft Nevermann auf einen „großen Erfolg“ der neu gestalteten Wissenschaftswelt an der Möckernstraße und prognostizierte schon bei der Vorbesichtigung am Dienstag: „Die Bude wird brummen.“

Das Science Center Spectrum Möckernstraße 26, Berlin-Kreuzberg, ab Freitag (9. August 2013) wieder geöffnet. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 9 bis 17.30 Uhr, Sonnabend/Sonntag, 10 bis 18 Uhr. Eintritt 6 Euro (ermäßigt 3,50 Euro). Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben ab 15 Uhr freien Eintritt.