Berliner Wissenschaft

Kürzungen bei Einstein-Stiftung – Kein Geld für Ai Weiwei

Die geplanten Kürzungen bei der Einstein-Stiftung gefährden hochkarätige Berufungen der Berliner Universitäten. Auch für Ai Weiwei, sollte China ihn ausreisen lassen, wäre nicht das zugesagte Geld da.

Foto: EJJ/FL / AFP/Getty Images

Es wäre ein fatales Signal. Wenn die Volksrepublik China Ai Weiwei doch aus- und garantiert wieder einreisen ließe, könnte der regimekritische Star-Künstler endlich seine Gastprofessur an der Universität der Künste (UdK) antreten. UdK-Präsident Martin Rennert hält den Platz für den Chinesen seit 2011 frei. Aber wenn er denn käme, wäre wohl kein Geld da, um Ai Weiwei die zugesagten Arbeitsbedingungen zu bieten. Denn der Künstler wurde mit finanzieller Hilfe der Einstein-Stiftung für Berlin gewonnen. Dieser 2009 gegründeten Einrichtung will der Senat den Geldhahn zudrehen. Statt 12,5 Millionen Euro pro Jahr soll es nur noch 2,5 Millionen geben, um damit Topwissenschaftler an Berlins Universitäten zu holen oder exzellente Forschungsvorhaben zu fördern.

„Die Finanzierung für Ai Weiwei gerät dadurch natürlich in Gefahr“, sagte Einstein-Geschäftsstellenleiterin Marion Müller. An den Universitäten stört die wissenschaftspolitische Vollbremsung des rot-schwarzen Senats schon jetzt den Betrieb. Jörg Steinbach, Präsident der Technischen Universität (TU), kann eine freie Professorenstelle im Maschinenbau zunächst nicht mit der dafür ausgesuchten ambitionierten Wissenschaftlerin besetzen. „Das können wir ohne die Einstein-Stiftung nicht stemmen“, sagte Steinbach. Ohne das zusätzliche Geld kann die Kandidatin den Ruf nicht annehmen, das ganze Berufungsverfahren verzögere sich, so der TU-Präsident.

Dilemma der Hochschulen

Zehn Wissenschaftler haben derzeit eine Einstein-Professur inne. Die Universität trägt die normalen Kosten, die ein Lehrstuhl verursacht. Die Einstein-Stiftung ermöglicht eine bessere Ausstattung, mal neue Labors, gegebenenfalls mehr Mitarbeiter, die ein international gefragter Experte erwartet und die ihm anderswo auch gewährt würden. Diese Extras können je nach Fall von einigen 100.000 bis zu einer Million Euro kosten, die die Stiftung trägt.

Peter-André Alt, der Präsident der Freien Universität (FU), berichtet von „Problemen bei den Bleibeprozessen“. Denn wenn Professoren den Ruf einer anderen Hochschule erhalten, verhandeln sie meist, ob nicht auch in Berlin die Bedingungen verbessert werden könnten. „Wir müssen kompensieren, dass wir in Berlin niedrigere Grundgehälter bezahlen als anderswo“, sagte Alt. „Das ist ein echter Standortnachteil.“ Bisher habe in Verhandlungen auch die „Attraktivität“ der Stadt geholfen. „Aber das hält nicht ewig“, warnte Alt.

Das Dilemma der hiesigen Hochschulen hatte der frühere Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) erkannt. Die Einstein-Stiftung sollte Abhilfe bringen. Zunächst wurde die Stiftung mit einem riesigen Etat von 40 Millionen Euro ausgestattet. So viel Geld ließ sich in den von Streit begleiteten Anfangsjahren nicht verteilen. Das Abgeordnetenhaus kassierte viel Geld wieder ein. Der Stiftung blieben aber 15 Millionen Euro im Jahr übrig. Einstein sei „für viele Projekte sehr förderlich“, sagte Steinbach.

Restmittel von acht Millionen Euro

Die Unis brauchen die Stiftung, um damit ihre Exzellenzprojekte weiter zu finanzieren, wenn die Zuschüsse des Bundes auslaufen. Das war ein wichtiges Argument im Wettbewerb um den Titel „Eliteuniversität“.

Für zwei exzellente Forschungsvorhaben brauchen die Universitäten bald eine Alternativlösung. Die Altertumswissenschaftler des Verbundes Topoi und die Katalyseforscher des Exzellenzclusters UniCat benötigen eine Anschlussfinanzierung. Im Haus von Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) heißt es, die Stiftung habe noch Restmittel von acht Millionen Euro. Zudem wolle man ab 2016 den Zuschuss wieder auf fünf Millionen Euro pro Jahr erhöhen.

Steinbach hält das zwar für ausreichend, um die bereits gegebenen Zusagen zu bedienen: „Aber es ist kein Cent mehr übrig.“ Die Fördertätigkeit der Stiftung werde für zwei Jahre auf Eis gelegt. „Aber wir kriegen das danach nicht von null auf 100 wieder hochgefahren“, warnte Steinbach. In der Wissenschaftsszene hat der Berliner Kürzungsplan Verwunderung ausgelöst, und zwar weltweit, weil es Zöllner gelungen war, viele prominente Wissenschaftler zur ehrenamtlichen Mitarbeit zu bewegen.

Wettbewerb um Spitzenforscher

Zu diesen gehört auch Gerhard Casper, deutscher Verfassungsjurist und jahrelang Präsident der kalifornischen Elite-Universität Stanford. Die Einstein-Stiftung sei geschaffen worden, um die Spitzenforschung in Berlin so zu stärken, dass Berlin wieder zu einem hervorragenden internationalen Wissenschaftsstandort wird, schrieb Casper auf Anfrage in einer E-Mail aus den USA. „Diesen Zielen habe auch ich mich verpflichtet, und ich bin für Berlin gern tätig, aber nur wenn auch die Rahmenbedingungen akzeptabel sind“, so der Juraprofessor. Die Stiftung müsse in der Lage sein, wissenschaftliche Langzeitperspektiven zu entwickeln. Das müsse auch langfristige, verlässliche Finanzierung bedeuten.

„Die vorgesehenen temporären Kürzungsmaßnahmen werden die Arbeit der Stiftung und vor allem das mit viel Aufwand aufgebaute Vertrauen in die Stiftung nachhaltig beschädigen“, warnt Casper. „Für auswärtige Mitglieder des Stiftungsrates wie mich ist es eine große Enttäuschung zu sehen, wie der Senat mit der Stiftung jetzt umgehen will.“ Natürlich bestehe die große Gefahr, dass sich Mitglieder aus Gremien der Stiftung zurückziehen. „Wie will Berlin denn dann den fraglos entstehenden Verlust von Ansehen und Goodwill wieder ausgleichen?“, fragt der frühere Stanford-Präsident.

Er verwies auf den Wettbewerb um Spitzenforscher. Die Grundausstattung für die Berufung eines angesehen Professors in den Naturwissenschaften könne sich in den USA leicht auf 2,5 Millionen Euro belaufen, ohne Gehalt, sondern nur für Geräte, Labors, wissenschaftliches Personal.

Aber auch unter Berlinern, die sich für Einstein engagieren, ist der Ärger groß. „Das ist fast eine Beleidigung, ein Niederschlag“, sagte Andreas Eckert, Gründer und Chef des Strahlentechnik-Unternehmens Eckert & Ziegler in Buch. Der Spielraum für innovative Impulse würde sich erheblich verringern.