„Mir ist vollkommen klar, dass mich jetzt eine lange Haftstrafe erwartet. Das ist angesichts meiner Straftaten ganz normal.“ Am Mittwoch wirkte er bei der Verkündung des Urteils dann aber enttäuscht, so als habe er weitaus weniger erwartet. Eine Moabiter Strafkammer verurteilte den 30-Jährigen wegen schwerer räuberischer Erpressung und erpresserischen Menschenraubes zu neuneinhalb Jahren Gefängnis.

Vorgeworfen wurden dem Angeklagten drei Überfälle auf Banken. Dabei war er jedes Mal ähnlich vorgegangen: Angeblich habe er eine Bombe bei sich, die er zünden werde, falls die Mitarbeiter der Bank seine Forderungen nicht erfüllen würden. Die Bomben waren stets Attrappen. Am 22. August 2011 erbeutete er auf diese Art im heimischen Wolfsburg rund 7200 Euro, am 8. März 2012 waren es in einer anderen Wolfsburger Filiale 30.000 Euro. Den dritten Banküberfall verübte er am 22. Dezember vergangenen Jahres auf eine Filiale der Deutschen Bank am Teltower Damm in Zehlendorf. Diesmal wollte er 500.000 Euro haben. Als Geisel hielt er einen Bankangestellten, den er mit einer Luftdruckpistole bedrohte. Sie sah aber wie eine echte Waffe aus und wurde von dem 40-jährigen Banker, wie dieser vor Gericht betonte, auch durchaus ernst genommen. Nach mehreren Telefonaten mit Polizeibeamten ließ Thomas D. schließlich seine Geisel frei, nicht ohne sich vorher bei dem Bankangestellten zu entschuldigen, und ergab sich Minuten später der Polizei. Die Geiselnahme sorgte stundenlang für ein Verkehrschaos weit über die Grenzen von Zehlendorf hinaus. Mehr als 300 Polizeibeamte sicherten das Gebäude und riegelten engmaschig die Umgebung ab.

Täter war voll schuldfähig

Die Vorsitzende Richterin sprach bei der Urteilsbegründung von „hoher krimineller Energie“. Zugute gehalten wurden ihm „sein umfassendes Geständnis gleich zu Beginn der Verhandlung“, seine „vom Gericht als nachvollziehbar empfundene Reue“ und „die persönliche Entschuldigung bei den Bankangestellten“. Auch habe der Angeklagte bei allen drei Überfällen Gewalt vermieden.

Nicht folgen könne die Kammer den Verteidigern, die in ihren Plädoyers nachdrücklich davon ausgingen, ihr Mandant sei bei den drei Banküberfällen vermutlich nur eingeschränkt schuldfähig gewesen. „Wir sehen das anders und folgen dabei dem psychiatrischen Gutachten“, sagte die Richterin. Die Sachverständige hatte dem Angeklagten eine am oberen Durchschnitt liegende Intelligenz attestiert. Alles spreche dafür, dass er bei seinen Überfällen durchdacht und kontrolliert vorgegangen sei. Gleichzeitig hatte die Psychiaterin festgestellt, dass Thomas D. eine narzisstische Störung habe – allerdings ohne Krankheitswert. „Wir brauchen ihm ja nur zuzuhören“, sagte die Gutachterin. Der Angeklagte verrate dabei sehr viel über sich.

Thomas D. hatte sich unmittelbar vor dem psychiatrischen Gutachten erstmals zu seinen Motiven geäußerte. Um die Beute sei es ihm nicht gegangen, die habe er zum größten Teil „an noch Ärmere, als ich es bin, verteilt“. Verübt habe er die Banküberfälle angeblich vor allem „aus Protest gegen das Bankensystem“ und den „heuchlerischen Sozialstaat“. So sei er in einem Fall vor Gericht gekommen, nur weil er gearbeitet habe. Tatsächlich hatte Thomas D. Hartz-IV-Leistungen bezogen und parallel Geld für einen Job kassiert. Er hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine Reihe Vorstrafen und wurde wegen Betruges zu drei Monaten auf Bewährung verurteilt.

Zeugen noch traumatisiert

Noch größer, so Thomas D., sei jedoch die Wut auf die Banken gewesen. Er berichtete von einem Job als Produktionshelfer bei den Wolfsburger VW-Werken, der wegen seines großen Fleißes nach einigen Monaten in einen unbefristeten Arbeitsvertrag übergehen sollte. Kurz vorher sei ihm jedoch telefonisch mitgeteilt worden, dass man ihn nun leider doch nicht übernehmen könne. In der Konsequenz habe sich seine Verlobte, mit der es wegen der finanziellen Probleme immer wieder Streit gegeben habe, von ihm getrennt. Und Ärger habe es auch mit seinen Eltern gegeben, die gehofft hätten, dass es nach vielen Fehlschlägen und Niederlagen bei ihm mal so richtig vorwärts gehe. „Ursache, dass ich von VW nicht übernommen wurde, war die Wirtschaftskrise“, referierte der Angeklagte. „Und es war ja klar, dass sie durch die Banken ausgelöst wurde.“ Deswegen habe er sich auch für die Überfälle auf Geldinstitute entschieden. „Die Banken haben mein Leben kaputtgemacht. Ich habe es als meinen persönlichen Rachefeldzug gesehen“, sagte Thomas D. Ich wollte denen wehtun.“

Nicht bedacht habe er, so der Angeklagte, „dass es gar nicht die Banken traf, sondern das Personal“. Die als Zeugen geladenen Bankangestellten waren fast ausnahmslos noch traumatisiert. Sie berichteten von Schlafstörungen. Eine Bankangestellte erlitt einen Nervenzusammenbruch und hatte Panikattacken. „Ich will den Überfall nicht verdrängen, aber ich möchte ihn gern vergessen“, sagte der Banker, der sich zehn Stunden in der Gewalt von Thomas D. befand.