Was immer die Medien auch Bedrohliches über berüchtigte Rockergruppen berichten, die Repräsentanten der Szene sind stets ebenso eifrig wie reflexartig bemüht, ein geradezu harmloses Bild ihrer Organisationen zu zeichnen. Brutale Gewaltverbrechen, organisierte Kriminalität? Alles Quatsch, versichern sie treuherzig.
„Wir sind einfach Jungs, die bei schönem Wetter gern mit dem Motorrad herumfahren.“ Zu dieser Darstellung verstieg sich erst vor wenigen Wochen ein Rocker-Boss aus der Region Berlin-Brandenburg. Am Mittwoch herrschte schönes Wetter in der Region, das Herumfahren musste an diesem Tag allerdings ausfallen. Am frühen Morgen um 6 Uhr bekamen zeitgleich einige Dutzend Mitglieder zweier berüchtigter Rockergruppen Besuch von der Polizei.
In Berlin ebenso wie im beschaulichen Storkow sowie mehreren anderen ostbrandenburgischen Kleinstädten präsentierten die Beamten den Rockern mit knappen, unmissverständlichen Worten richterliche Durchsuchungsbeschlüsse und machten sich unverzüglich an ihre Arbeit. Die Wohnungen wurden akribisch durchsucht, nach Waffen, Drogen, Adressenlisten, Kontounterlagen und anderen möglichen Beweismitteln für kriminelle Aktivitäten der Rockergruppen.
Die Betroffenen mussten die Maßnahme wohl oder übel dulden. Die Polizei war mit Großaufgeboten angetreten, auch Spezialkräfte der GSG 9 waren beteiligt. Und die treten bei Bedarf mindestens so martialisch auf wie die „Kuttenträger“, wie Rocker oft genannt werden.
Kisten voller Beweismaterial
Die Durchsuchung ihrer Wohnungen und Treffpunkte dauerte mehrere Stunden. Kistenweise schleppten Polizeibeamte Beweismaterial aus den Objekten, Festplatten, Dateien, Aktenordner. Material, aus dem sich die Ermittler des Bundes und der Länder weitere Hinweise und Belege für Aktivitäten der Rocker in allen lukrativen Bereichen der organisierten Kriminalität versprechen.
Die Gruppen, da sind sich die Ermittler sicher, betätigen sich im Drogenhandel, im Rotlichtmilieu und in der Türsteherszene, sie sind in Waffengeschäfte und in Schutzgelderpressungen verstrickt. Und sie verteidigen ihre einträglichen Reviere mit brutaler Gewalt, bei der sie auch vor Mordanschlägen nicht zurückschrecken. Für all diese Delikte nutzen sie nach Überzeugung der Behörden ihre Strukturen und Kontakte.
Indizien dafür gibt es zur Genüge, die konkrete Beweisführung ist dennoch schwierig, denn in der Szene gilt wie bei der Mafia das Gesetz des Schweigens. Die Tatverdächtigen reden nicht, mögliche Zeugen schweigen ebenfalls oder widerrufen frühere Aussagen. Weil sie bedroht wurden, sind sich Ermittler sicher. Selbst Opfer szeneinterner Auseinandersetzungen schweigen.
Aber nicht aus Angst, sondern weil man derartige Streitigkeiten unter sich regelt. Speziell das bereitet den Beamten der Fachdienststelle im Berliner Landeskriminalamt (LKA) besondere Sorgen. „Unter sich regeln“, das heißt häufig, auf einen Angriff folgt ein Gegenangriff, der wiederum den nächsten Racheakt nach sich zieht. So dreht sich die Spirale der Gewalt immer weiter.
Prozesse versanden
Viele Gerichtsverhandlungen verlaufen am Ende so, dass sich Außenstehende unwillkürlich die Frage stellen, warum überhaupt verhandelt wurde. Und wird doch mal ein Rocker verurteilt, ist das auch nur ein Teilerfolg, wie bei diversen Prozessen vor dem Landgericht Moabit in den vergangenen Monaten deutlich wurde. Anfang des Jahres wurde dort gegen drei den Bandidos und ihrem Umfeld zugerechnete Männer verhandelt.
Das Trio war angeklagt, in Berlin und im nördlichen Umland einen schwunghaften Drogenhandel betrieben zu haben. Das Ganze unter Ausnutzung der Strukturen und Kontakte des in Reinickendorf beheimateten Rockerklubs. Die Beweislast war erdrückend, der Hauptangeklagte legte schließlich ein Geständnis ab, versicherte allerdings, er habe die Taten allein, quasi als Privatmann begangen. Seine „Bruderschaft“, wie Rocker ihre Gruppen gern nennen, habe damit nichts zu tun.
Mit Verboten, wie am Mittwoch ausgesprochen, ist auch Berlin schon gegen Rocker vorgegangen. Im Mai vergangenen Jahres verbot Innensenator Frank Henkel (CDU) die Ortsgruppe Berlin City der Hells Angels. Doch die Wirkung der Maßnahme wurde durch eine Panne massiv beeinträchtigt. Die Rocker sollen von einem Polizeibeamten über die bevorstehende Razzia informiert worden sein, die Ermittlungen dazu laufen bis heute. Und zudem berichtete noch ein großes Nachrichtenmagazin von der bevorstehenden Razzia.
Gruppen lösen sich selbst auf
Die Folge: Einen Tag vor der geplanten Umsetzung des Verbots löste sich die Gruppe selbst auf. Und ein Ableger der Bandidos, den großen Rivalen der Hells Angels in der Hauptstadt, trat aus Angst vor einem Verbot geschlossen einem Rockerklub in Potsdam bei. Ergebnis dieses Wechselspiels: Offiziell gibt es diverse Rockergruppen in Berlin nicht mehr, die Mitglieder treten deutlich seltener in Erscheinung, sind aber nach wie vor präsent. Und gehen nach Einschätzung von szenekundigen Ermittlern weiterhin ihren ebenso lukrativen wie kriminellen Geschäften nach.
Verbote, die Innensenator Henkel auch in Berlin bei entsprechenden Voraussetzungen weiter aussprechen will, sind ein Weg. Ein kurzzeitig in Erwägung gezogenes Aussteigerprogramm, ähnlich denen für ehemalige Mitglieder extremistischer Gruppen, wird es aber in der Hauptstadt nicht geben, darauf haben sich bereits alle Verantwortlichen geeinigt.
Dafür gibt es in Berlin inzwischen ein Zeugenschutzprogramm, das offenbar Wirkung zeigt. Einige Aussteiger wurden inzwischen in dieses Programm aufgenommen und haben im Gegenzug umfassend gegen die früheren „Brüder“ ausgesagt. Die Ermittler des zuständigen LKA-Fachkommissariats erhoffen sich ebenso wie die Beamten der Staatsanwaltschaft für die Zukunft weitere Erfolge und setzen früher oder später auf den Durchbruch.
Rocker wechseln die Seiten
Eine Kombination verschiedener Maßnahmen stellt für die Berliner Behörden die ideale Vorgehensweise dar. Die Liste reicht vom Verbot über Dauerüberwachung und regelmäßige Razzien bis hin zum Rückgriff auf Ausstiegswillige. „Wir haben es geschafft, die Szene zu verunsichern und in ständiger Bewegung zu halten“, stellt Polizeipräsident Klaus Kandt fest. Diese Strategie, da sind sich Politik, Justiz und Polizei einig, müsse konsequent durchgehalten werden.
„Nicht jede Razzia bringt den durchschlagenden Erfolg, bei manchen wird kaum etwas Brauchbares gefunden. Aber jede Razzia ist unabhängig von ihrem Erfolg ein Nadelstich, und je mehr Nadelstiche wir verteilen, desto besser“, sagt ein Ermittler der Fachdienststelle Rockerkriminalität im LKA. Die Szene in Berlin sei in jedem Fall verunsichert, versicherte der Beamte.
Die Rockerszene, der das Leben in der Hauptstadt von den Behörden in der Tat momentan schwer gemacht wird, war mit ihren vielen Ablegern und Unterstützergruppen für Außenstehende schon immer schwer durchschaubar. Inzwischen ist sie sogar noch komplizierter geworden. Spätestens Mitte der 70er-Jahre wandten sich etliche Rockergruppen der organisierten Kriminalität zu. Seit einigen Jahren läuft eine umgekehrte Entwicklung. Personen aus der organisierten Kriminalität haben sich gerade in Berlin Rockergruppen angeschlossen oder eigene gegründet.
Vor allem Türken und Araber sind immer häufiger in Rockerklubs zu finden. In der latent rassistischen Szene wäre das noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Das Gleiche gilt auch für Alt-Rocker, die plötzlich die Seiten wechseln. Vor zwei Jahren wechselte eine ganze Bandidos-Gruppe von einem Tag auf dem anderen die „Kutten“, wie die Lederwesten genannt werden und schloss sich den Hells Angels an. Auch das war vor Jahren nicht nur undenkbar, sondern ein in den Augen der Rockerbanden todeswürdiges Verbrechen. Heute ist es fast normal. Gefährlich bleibt die Szene dennoch.











