Gemütlich, gediegen, fast schon etwas zu ruhig: Das ist der Ruf, der Steglitz vorauseilt. Wer sich an einem Wochentag zwischen dem Rathaus Steglitz und dem Walther-Schreiber-Platz umtut, der kann dieses Image bestätigen — er bekommt aber auch ein ganz anderes Gesicht des Bezirks zu sehen.
Donnerstagmittag, zur Marktzeit, vor dem S-Bahnhof Rathaus Steglitz: Am Blumenstand von Aktog Muzaffer stehen die älteren Damen beieinander. Sie kennen sich, ebenso wie „ihren“ Blumenmann, fachsimpeln über Balkonblumen und tauschen Neuigkeiten aus. In den vergangenen Tagen hat es geregnet, jetzt lockt die Sonne sie wieder zum inoffiziellen Kiez-Treffpunkt. So sieht gelebte Nachbarschaft aus.
„Die meisten meiner Kundinnen kennen mich“, bestätigt Blumenhändler Aktog Muzaffer (55). Schon „sehr lange“ lebe und arbeite er in Steglitz, aus Überzeugung. Der kleine Markt am S-Bahnhof, sagt Muzaffer, sei eine schöne Alternative zu den Shoppingcentern. Die Geruhsamkeit lobt auch Jörg Ebert.
Stille Ecken zwischen Parks und Shopping-Centern
Der Bauingenieur freut sich, wenn er von der Arbeit aus dem quirligen Mitte in die stillen Seitenstraßen links und rechts der Steglitzer Schloßstraße eintauchen kann. „Die meisten Menschen hier sind Alteingesessene“, so Eberts Erfahrung. Touristen verirrten sich kaum hierher. Dafür sitzt so mancher Angestellte der kleineren Geschäfte vor der Tür und genießt die Sonne.
Und doch schätzt Jörg Ebert auch das andere Steglitz. Das der Schloßstraße, die weit über den Bezirk hinaus als Einkaufsstraße beliebt ist und täglich Tausende Berliner anzieht. Genau das sei das Schöne , sagt der 35-Jährige: dass jeder schnell zwischen den ruhigen Lagen und dem Trubel der Einkaufsmeile wechseln könne.
Dort ist Abiturient Said Ibrahim mit Freunden unterwegs. Die vier nutzen die freie Zeit zum Bummeln und ärgern sich lediglich über den Dreck auf den Straßen. Auch Sonja Ralph (30) flaniert gerne durch die Center. Sie freut sich aber genauso über die nahen Parks, wo die Grundschullehrerin immer ein stilles Eckchen zum Stillen ihres Babys findet.
Autos sind unnötig, Radfahren ist gefährlich
Michèle Krüger zieht es beim Einkaufen eher in die vielen kleinen, oft inhabergeführten Läden und Cafés abseits der Schloßstraße. Ein Auto braucht die Maskenbildnerin nicht, um dorthin zu kommen: „In Steglitz kann man mit den Öffentlichen überall hin“, lobt die 33-Jährige.
Und was fehlt den Steglitzern zu ihrem Glück? Mehr günstiger Wohnraum für junge Menschen, sagt Bauingenieur Jörg Ebert, „damit das Durchschnittsalter sinkt“. Mehr öffentliche Toiletten, moniert Blumenhändler Muzaffer. Und mehr Radwege, sagt Said Ibrahim: „Das Fahren ist hier wirklich gefährlich.“
leni




