Anneliese Kracht steckt ihren lockigen Kopf aus der Wohnungstür. Polizeianwärter Alexander Racko will gerade ansetzen und seine Begrüßungsformel aufsagen – keine Sorge, es ist nichts passiert, wir wollen nur kurz mit Ihnen reden –, da wird die Tür schon ganz geöffnet. „Oh, ein ganzes Polizeiaufgebot, ich werde wohl verhaftet“, sagt die 84-Jährige und lacht die vier uniformierten Beamten an, die in ihrem Hausflur stehen.
Haftbefehle haben die Beamten an diesem Mittag nicht dabei, für Anneliese Kracht natürlich sowieso nicht. Zum ersten Mal hat die Berliner Polizei am Mittwoch eine neue Methode der Präventionsarbeit probiert. In kleinen Gruppen waren sie in Westend unterwegs und haben Senioren direkt zu Hause aufgesucht, um sie vor Trickdieben zu warnen.
In Bremen arbeitet die Polizei mit dieser Methode bereits erfolgreich, nun testet die Direktion 2 im Westen der Stadt das Modell gemeinsam mit der Berliner Polizeischule. Denn auch in Berlin ist in diesem Jahr die Zahl der Trickdiebstähle in Wohnungen angestiegen. Bevorzugtes Opfer dabei sind Senioren.
Polizisten haben nichts zu verheimlichen
„Weiß ich alles, ich lasse niemanden rein“, sagt Anneliese Kracht. Polizeikommissar Häßelbarth hakt nach: „Und wenn ein Polizist in Zivil kommt und in ihre Wohnung will, um etwas zu überprüfen?“ Dann wolle sie natürlich die Polizeimarke sehen, entgegnet die Rentnerin. Doch wie genau die aussieht, das wisse sie eigentlich auch nicht.
„Die Metallmarke der Kriminalpolizei allein reicht nicht, die kann man mittlerweile in jedem Spielwarenladen kaufen“, klären die Beamten Anneliese Kracht auf. Nur in Verbindung mit einem Dienstausweis ist die Marke aussagekräftig – Zivilpolizisten der Kriminalpolizei haben zusätzlich eine rote Plastikkarte in der Größe einer Bankchipkarte mit Foto, Namen und Wasserzeichen.
Die uniformierten Beamten der Schutzpolizei weisen sich mit einem grünen Ausweis aus. Häßelbarth drückt der Rentnerin seinen Ausweis in die Hand. „Ein richtiger Polizist hat nichts zu verheimlichen, da dürfen Sie sich den Ausweis auch länger genau anschauen“, sagt der 39-Jährige.
Die drei häufigsten Maschen der Trickdiebe
Falsche Polizeibeamte, vermeintliche Handwerker, unechte Schornsteinfeger, falsche Sozialamtsmitarbeiter – eine offizielle Funktion oder eine andere vermeintliche Befugnis vorzutäuschen, um in die Wohnung des Opfers zu gelangen, ist eines von drei Grundmustern, das von Trickdieben immer wieder angewendet wird, erklärt Torsten Hablawetz, Kriminalhauptkommissar beim zuständigen Fachkommissariat beim Landeskriminalamt.
Ein weiteres Muster: die vorgetäuschte Notlage. Eine vermeintlich schwangere Frau bittet an einem warmen Tag um ein Glas Wasser, jemand fragt noch einem Zettel und einem Stift, um eine Nachricht für den Nachbarn zu hinterlassen oder will ein Geschenk oder ein Paket für einen Nachbarn hinterlegen.
Dritte Masche: Die vorgetäuschte persönliche Beziehung. Jemand will zum Beispiel an der Wohnungstür angeblich eine Nachricht von Verwandten ausrichten. Beim sogenannten Enkeltrick werden die Opfer angerufen und gebeten, schnell einem Verwandten in einer Notlage mit Bargeld auszuhelfen.
Versuchte Diebstähle werden oft gar nicht angezeigt
Während die uniformierten Kollegen an den Haustüren klingeln, steht Hablawetz am Theodor-Heuss-Platz an einem Infostand der Polizei. Die Ratschläge: Keine Fremden in die Wohnung lassen, durch den Türspion schauen, wenn es klingelt, laut rufen, wenn jemand zudringlich wird.
„Trickdiebe werden meist nicht gewalttätig, sie wollen möglichst unbemerkt ihre Opfer bestehlen und dann schnell wieder verschwinden“, sagt Hablawetz. Die Trickdiebe würden versuchen in die Wohnung zu gelangen, dann das Opfer ablenken und unbemerkt an Schränke oder Taschen gehen. Häufig arbeiten die Diebe auch zu zweit, der Lockvogel verschafft sich Zutritt zur Wohnung, beschäftigt das Opfer und lässt einen weiteren Täter unbemerkt in die Wohnung.
„Leider wird Trickdiebstahl oft erst angezeigt, wenn tatsächlich etwas gestohlen wurde, von den Versuchen erfahren wir oft gar nicht“, so der Hauptkommissar. Dennoch lasse sich in diesem Jahr schon eine deutliche Tendenz sehen. Gab es in den vergangenen Jahren stets etwa um 800 angezeigte Trickdiebstähle in Wohnungen, seien es 2013 schon deutlich mehr.
Diebe mit „Enkeltrick“ bei jedem zehnten Anruf erfolgreich
„Ende des Jahres könnten wir bei 1000 angezeigten Taten sein“, sagt Hablawetz. Das wäre ein Plus von 25 Prozent. Der Schaden in Berlin wird jährlich auf eine Million Euro geschätzt. Der Enkeltrick am Telefon sei in den Vorjahren zwischen 1300 und 1700 Mal in Berlin angezeigt worden, jedes zehnte Mal etwa sei der Trick erfolgreich. Schaden: Rund 1,5 Millionen Euro. Die Täter seien oft in ganz Deutschland aktiv, sagt Hablawetz.
Polizeikommissar Häßelbarth klingelt derweil bei Ursula Kiepert. Die 87-Jährige erklärt den Beamten, sie habe sich gerade eine Gegensprechanlage einbauen lassen, nachdem kürzlich bei ihr der Enkeltrick versucht wurde. Die Polizei habe sie nicht alarmiert, sagt Ursula Kiepert. Es sei ja glücklicherweise nichts passiert. „Wenn Sie so etwas erleben, rufen Sie die 110“, raten die Beamten. Jeder Hinweis helfe der Polizei weiter.





