Die First Lady ist unsichtbar. Es ist 9.38 Uhr, als an der westlichen Seite des Stelenfeldes, das an den Holocaust erinnert, Polizeiwagen und ein schwarzer Kleinbus vorfahren. „Sehen Sie sie?“, fragt eine Dame einen Fotografen mit großem Objektiv. Der schüttelt den Kopf. Zu sehen ist Michelle Obama hier nicht.
Aber da sein muss sie irgendwo, denn für 9.40 Uhr steht schließlich das Holocaust-Mahnmal auf ihrer Tagesordnung, die meist Damenprogramm genannt wird, was in Deutschland aber so nicht passt. Denn bei den offiziellen Terminen der First Lady hierzulande ist auch Joachim Sauer dabei, dessen Ehefrau Angela Merkel sich am Vormittag mit Michelle Obamas Ehemann unterhält. „Sonderprogramm“ ist daher der offizielle Titel.
Aus Sicherheitsgründen sind die Stationen der Berlin-Tour der First Lady vollkommen abgeschirmt. Das Stelenfeld direkt neben dem ohnehin seit Tagen abgesperrten Brandenburger Tor ist am Mittwochmorgen großräumig umzäunt, Polizisten bewachen es. Abgesehen von der Deutschen Presse-Agentur, die den Tag der First Family fotografisch dokumentiert, sind keine weiteren Journalisten zugelassen. Und interessierte Berliner schon gar nicht.
Viel Polizei, wo immer die Familie auftaucht
Die Kamerateams stehen am Rand der Metallgitter an der Ostseite des Mahnmals und verpassen die prominente Stippvisite. Es ist der erste Termin im „Sonderprogramm“; das Hotel der Obamas, das „Ritz Carlton“ am Potsdamer Platz, ist nur einen Steinwurf entfernt.
Später auf den Fotos wird man sehen können, wie die First Lady mit ihren Töchtern Malia (14) und Sasha (12) das wellenförmige Stelenfeld durchschreitet und sich von Uwe Neumärker das Denkmal erklären lässt, dem Direktor der zuständigen Stiftung. Auch die Halbschwester des Präsidenten ist dabei, Auma Obama, sie hat in Deutschland studiert. Nach einer halben Stunde verschwindet die exklusive Reisegruppe – von den Absperrungen aus gesehen so unsichtbar, wie sie gekommen ist.
Von der Präsidentengattin sehen die Berliner in erster Linie die Fahrzeugkolonne. Und viel Polizei, wo immer die Familie auftaucht. Während der Programmpunkt Holocaust-Mahnmal um 10.15 Uhr zu Ende geht, wird an der Bernauer Straße bereits abgesperrt, die Mauergedenkstätte steht später auf dem Programm.
Obama-Frauen erkunden die Schönheit und Geschichte Berlins
Als Nächstes taucht die Kolonne erst einmal am Checkpoint Charlie wieder auf. Es ist eine Geschichtstour, die die Präsidentenfamilie an diesem Tag in Berlin unternimmt. Seine Frau und seine Töchter seien unterwegs, die Schönheit und Geschichte Berlins zu erkunden, sagt dann auch Obama am Nachmittag bei seiner Rede. So erklärt er, warum seine Familie nicht bei ihm ist.
Das vom Berliner Künstler Yadegar Asisi geschaffene „Mauerpanorama“ am ehemaligen Grenzübergang, ein 15 Meter hohes und 60 Meter breites Rundbild, zeigt das Alltagsleben auf beiden Seiten der Mauer.
„Es hat wirklich gemenschelt“, berichtet Asisi nach dem Besuch, der für ihn „fast ein kleiner Ritterschlag“ gewesen sei. „Es war eine sehr gelöste Atmosphäre, wir haben fast eine Stunde miteinander geredet.“ Herr Sauer habe Geschichten erzählt, und Frau Obama habe viele Fragen gestellt.
Der Schrecken der Mauer
Auch die Töchter habe der Besuch bewegt. Während Malia viele Fragen gestellt habe, sei Sasha lange ruhig und nachdenklich gewesen. „Dann hat sie gesagt: ‚Das ist sehr traurig‘ – aus tiefstem Herzen“, berichtet Asisi später. Als der Besuch beendet ist, gibt es am „Mauerpanorama“ immerhin einen kleinen Applaus der wenigen Zaungäste, als die 49-Jährige mit ihren Kindern aus der Rotunde kommt. Sie winkt und verschwindet in der gepanzerten Limousine.
An der Bernauer Straße haben sich derweil einige Anwohner trotz Aufforderung der Polizei, die Fenster zu schließen, auf ihren Balkonen in Stellung gebracht. Nur so können sie etwas vom Besuch der First Lady sehen. Doch als der Tross um 11.30 Uhr eintrifft, ist die Familie zwischen ihren Begleitern wieder nicht zu entdecken.
Die Deutsche Presse-Agentur berichtet später, in der Gedenkstätte habe Michelle Obama länger das Foto von der Flucht eines Mannes mit seinem Sohn betrachtet. Sie waren in den Tagen des Mauerbaus 1961 aus dem Fenster eines Hauses an der Ostseite der Bernauer Straße auf die Westseite Berlins geflüchtet. „Die Tatsache, dass dort Vater und Sohn gezeigt wurden, hat sie besonders interessiert“, sagt eine Sprecherin der Gedenkstätte später.
„Nach einer Minute war das Eis gebrochen“
Dann steigen die Obamas auf die Aussichtsplattform des Besucherzentrums. Ein Mann erklärt ihnen die Geschichte und deutet in alle Himmelsrichtungen, Tochter Malia hört dabei besonders aufmerksam zu, ihre Mutter und Schwester halten sich im Hintergrund. Aus rund 50 Meter Entfernung rufen Fans: „Welcome to Berlin!“
Auch der ehemalige Todesstreifen wird besichtigt. Bunte Rosen legen die Obamas und Herr Sauer hier ab. Gedenkstättenleiter Axel Klausmeier sagt nach dem Besuch, Michelle Obama sei sehr interessiert, nett und unprätentiös gewesen. „Wir haben ganz normal miteinander geredet.“ Und: „Nach einer Minute war das Eis gebrochen.“
Die Eltern essen im Schloss - die Töchter gehen shoppen
Zum Mittagessen geht es in den Reichstag, ins Dachrestaurant. Dafür wurde am Vormittag bereits das ohnehin schon gut bewachte Gebäude erneut gesichert. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat die Obamas dann laut „Bild“ durch das Gebäude geführt, zum Lunch war US-Botschaftergattin Tammy Murphy dabei.
Am Ende des Tages fährt Michelle Obama mit ihrem Mann zum Staatsbankett ins Charlottenburger Schloss, und die beiden Mädchen machen noch eine schnelle Shopping-Runde durch die Potsdamer Platz Arkaden. Sie schauen sich unter anderem in einem Buchhandel um, kaufen Ampelmännchen-Souvenirs. Kurz darauf, ihre Eltern sitzen noch beim Dinner, werden sie schon zum Flughafen gefahren, wo die Air Force One startbereit wartet. Um 22.05 Uhr ist der Berlin-Besuch vorüber. Die Obamas fliegen zurück in die USA.



