„Ladies and Gentlemen“, sagt der Mann vom Secret Service. Er ist vor die Gäste in der Hotellobby getreten. Alle müssten den Empfangsbereich verlassen. „Bitte gehen Sie in den Barbereich – hinter die Vorhänge.“ 30 Minuten müsse man dort bleiben. Ausgang verboten. Kein Widerspruch zugelassen.
Eine Viertelstunde später werden sie zu sehen sein. Erst Malia und Sasha Obama, die 14 und zwölf Jahre alten Präsidententöchter, dann, fünf Minuten später, Michelle Obama. Wie aus dem Nichts tauchen sie links hinter der Treppe in der Lobby auf, nur zehn Schritte, dann verschwinden sie wieder durch eine Seitentür.
Die Mädchen, begleitet von rund zehn Personen aus dem Obama-Stab, lächeln schüchtern. Michelle Obama strahlt und sagt: „Hi, how are you doing“, winkt und ist ebenfalls entschwunden. Nur ein paar Sekunden haben die Auftritte jeweils gedauert – Eindruck machen sie noch Stunden danach.
Fitnessraum für die Obamas gesperrt
Das liegt auch daran, dass die Hotelgäste im „Ritz-Carlton“ am Potsdamer Platz, dem Zuhause der Obamas für eine Nacht, sonst nur Männer und Frauen in Schwarz und mit Knopf im Ohr zu sehen bekommen. Davon dann aber richtig viele. Allein 5500 deutsche Polizisten bewachen den Präsidenten während seines Berlin-Besuchs, wie viele Männer vom Secret Service in Berlin sind, kann man nur raten. Auf jeden Fall noch einmal mehrere Tausend.
Und ein Großteil davon sichert das „Ritz-Carlton“. An jeder Ecke, in jedem Stockwerk, in der Lobby, in der Tea Lounge, vor den Toiletten. Der Fahrstuhl hält nur auf bestimmten Etagen, binnen kürzester Zeit müssen Bereiche des Hotels plötzlich geräumt werden. 200 Meter rund um das Hotel herrscht Sicherheitszone, niemand kann sich dort frei bewegen. Das „Ritz-Carlton“ ist ein Obama-Kokon, die Gäste spüren ihre Anwesenheit bei jedem Schritt über den Marmorboden. Für zwei Tage befindet sich das Fünf-Sterne-Superior-Haus im Ausnahmezustand.
Auch der Wellnessbereich. Dort herrscht um halb sechs Uhr am Mittwochmorgen reger Betrieb. Im Minutentakt stecken Männer in schwarzen Anzügen den Kopf herein, scannen den rund 30 Quadratmeter großen Fitnessraum. Plötzlich muss der Wellnessbereich, eigentlich 24 Stunden am Tag geöffnet, gesperrt werden. „Now“, sagt ein Sicherheitsmann, freundlich, aber bestimmt. Alle raus, es geht direkt zum Fahrstuhl. Danach lässt sich der Knopf für das Untergeschoss, in dem sich der Wellnessbereich samt Pool und Sauna befindet, nicht mehr drücken. Für zwei Stunden gehört er den Obamas.
Ein bisschen wie am Flughafen, nur höflicher
Danach gibt es ein „Meet and Greet“ mit dem Präsidenten. Mitarbeiter der US-Botschaft und ihre Familien versammeln sich vor dem Ballsaal im ersten Stock des Ritz-Carlton. Paare mit Kinderwagen sind dabei, Männer in Anzügen wie auch im Polohemd, junge Frauen in Sommerkleidern. Viele haben Plastiktüten oder Jutebeutel dabei. Auch US-Botschafter Philip D. Murphy kommt. Für ein Erinnerungsfoto setzen sich Michelle und Barack Obama gemeinsam mit den Kindern der Botschaftsmitarbeiter auf den Teppichboden.
Rund 200 Meter vom Hoteleingang entfernt an der Leipziger Straße Ecke Ebertstraße steht ein militärgrünes Sicherheitszelt, das jeder Hotelgast vor dem Eintreten in die abgesperrte Zone um das Hotel durchqueren muss – inklusive Sicherheitsscan. Ein bisschen wie am Flughafen, nur höflicher.
Weitere Informationen erhalten die Gäste per Hinweiszettel: Aufgrund eines Staatsbesuchs werde es zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen geben. Dazu gehört, den Sicherheitsausweis, den jeder Gast erhält, sichtbar um den Hals zu tragen. Diesen auf dem Zimmer nach dem Umziehen zu vergessen, kommt bei den Männern und Frauen mit Knopf im Ohr nicht wirklich gut an.
Neben der Bitte, den Anweisungen des Sicherheitspersonals stets Folge zu leisten, wird der Gast noch darauf hingewiesen, dass es zurzeit keine chemische Reinigung gebe, dass kein Lieferverkehr möglich sei. Der normale Wäscheservice des Hauses werde aber zur Verfügung stehen.
Kein Halt im elften Stock des „Ritz-Carlton“
Stören lassen sich die Gäste davon aber nicht, die meisten nehmen es gelassen, für die anderen ist das Ganze ein Abenteuer. Ein älteres Pärchen aus Liverpool freut sich über die Sicherheitsausweise. „Damit kann ich nachher im Pub Eindruck machen“, sagt der Mann und lacht. Bei ihrem letzten Berlin-Besuch 2003 hatten sie im „Interconti“ gewohnt – ausgerechnet zu der Zeit, als US-Außenminister Colin Powell zu Besuch war. Damals gab es ebenfalls einen enormen Sicherheitsaufwand. „Das“, so die beiden, „gehört für uns zu Berlin.“
Relativ entspannt war das Sicherheitsteam noch am frühen Dienstagnachmittag. Da konnte man sogar noch mit dem Fahrstuhl in den elften Stock fahren, dorthin, wo sich die 204 Quadratmeter große Präsidentensuite befindet. Dort guckt ein amerikanischer Sicherheitsmann erstaunt von seinem Stuhl hoch. „Was machen Sie denn hier?“, fragt er. „Ach, ich wollte mich nur ein bisschen umgucken.“ – „No way“, antwortet der Man in Black, „Sie dürfen eigentlich gar nicht hier oben sein.“ Der Security-Mann ruft einen Fahrstuhl nach unten. Von da an sind die beiden obersten Etagen Sperrzone.
Je näher die Ankunft der Obamas in Tegel rückt, desto mehr Männer in Schwarz, Spürhunde und breitschultrige Kerle mit voll bepackten Rucksäcken laufen durch die Lobby – die zur Fanmeile wird. Gäste und Mitarbeiter versammeln sich zum Public Viewing, alle wollen den Präsidenten sehen. Endlich fährt die Polizei vor. Motorräder halten vor dem Eingang – und fahren wieder. Die Menge wird ein wenig unruhig.
„Renegade/Renaissance/Radiance/Rosebud“
Dann: Die Tür öffnet sich, und herein kommt – eine Schar von Gästen. Bepackt mit Taschen und Rucksäcken. Die Wartenden gucken irritiert. Nein, das sind nicht die Obamas. Denn die kommen gerade durch den Hintereingang.
Kurz darauf. Fahrstuhl hoch zur elften Etage. Der Knopf blinkt, reagiert aber nicht. Stattdessen fährt er in das erste Untergeschoss. Die Tür geht auf. Rund 15 Männer des Secret Service gucken erstaunt. Wohin man wolle? Nach oben eigentlich. Man könne nur bis in den achten, heißt es. Die Tür im neunten geht dennoch auf. Auch hier: vier Männer des Secret Service. Zimmernummer? Man sei sich gerade nicht sicher, ob neunter oder sechster Stock ... Dann sei es sicher der sechste, heißt es. Der Mann bittet in den Fahrstuhl, drückt die sechs.
Die Aufregung in der Lobby verfliegt langsam, was bleibt, sind die Männer vom Secret Service. Und mehrere Din-A4-Blätter an der Wand im Flur des zehnten Stocks, mit Listen, welcher Security-Mitarbeiter in welchem Zimmer untergebracht ist. Hinter Zimmer 1111 im elften Stock steht „Renegade/Renaissance/Radiance/Rosebud“ – die Codenamen der vier Obamas.




