Gesundheit

Alle Berliner sollen sich gegen Masern impfen lassen

Weil die Infektionswelle nicht abebbt, sollen sich nun alle Berliner immunisieren lassen. Bisher hatten die Behörden nur Kindern und allen nach 1970 geborenen Personen den Masernschutz empfohlen.

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Sie gelten noch immer als harmlose Kinderkrankheit. Doch Masern können mit gravierenden, bisweilen sogar tödlichen Komplikationen einhergehen. Die aktuelle Masern-Welle in Berlin macht deshalb den Gesundheitsbehörden Sorgen. 351 an Masern Erkrankte sind seit Jahresbeginn in der Stadt registriert worden. Im Jahr 2012 wurden in der Stadt lediglich 18 Fälle der meldepflichtigen Infektionskrankheit erfasst.

Schon seit den 70er-Jahren empfiehlt die ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (RKI), alle Kleinkinder ab dem 11. Lebensmonat zweimal gegen die hochansteckende Infektionskrankheit impfen zu lassen.

Weil sich immer mehr Ältere mit der vermeidlichen Kinderkrankheit anstecken, ruft die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales nun alle Berliner auf, ihren Impfschutz beim Hausarzt überprüfen zu lassen. „Ein entsprechender Rundbrief an alle Amtsärzte und die Impfausschüsse ist bereits heraus“, sagte Regina Kneiding, Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung, am Montag.

53 Prozent der Infizierten waren zwischen 16 und 45 Jahre alt

Mit der Veröffentlichung im Amtsblatt, voraussichtlich am 26. Juni, ist die Impfempfehlung für alle Berliner dann offiziell. Bisher hatte die Behörde von Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) neben der Impfempfehlung für Kleinkinder lediglich Personen ab dem Jahrgang 1970 aufgefordert, sich gegen Masern immunisieren oder einen bereits bestehenden Impfschutz auffrischen zu lassen.

Die Gesundheitsbehörden waren bisher davon ausgegangen, dass nahezu alle Menschen, die heute über 40 Jahre alt sind, die einstige Volkskrankheit bereits durchlitten haben und so immunisiert worden sind.

Doch unter den in diesem Jahr mit Masern Infizierten waren 53 Prozent zwischen 16 und 45 Jahre alt. In dieser Altersgruppe sei der Impfschutz offenbar noch immer lückenhaft, die notwendige Folgeimpfung sei oft vergessen worden, vermuten Gesundheitsexperten. Grund für die erweiterte Impfempfehlung an Erwachsene sei die hohe Zahl der älteren Masernkranken, begründete denn auch Czajas Sprecherin Kneiding den Impfappell an alle Bewohner der Bundeshauptstadt.

Schwere Komplikationen bei älteren Kranken

Denn die ausschließlich durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragbare Krankheit hat bei Jugendlichen und Erwachsenen meist einen besonders schweren Verlauf. Neben Fieber und dem für Masern typischen Hautausschlag leiden ältere Kranke besonders häufig unter schweren Komplikationen wie Lungen- und sogar Gehirnentzündungen.

In seltenen Fällen können Masern sogar die subakute sklerotisierende Panezephalitis (SSPE) auslösen, eine immer tödliche Gehirnveränderung. Erst in der vergangenen Woche war in Nordrhein-Westfalen ein 14-Jähriger, der als Kleinkind Masern hatte, an den Spätfolgen einer solchen Gehirnentzündung gestorben.

In Berlin hat es bisher aber noch keine Todesfälle durch Masern gegeben. Nach Angaben der Senatsgesundheitsverwaltung mussten rund ein Drittel der mit Masern infizierten Berliner allerdings in einer Klinik behandelt werden. Unter den über 30-Jährigen, die sich mit Masern angesteckt haben, wurden sogar 44 Prozent in Krankenhäuser eingewiesen.

Schutzimpfungen sind bei einigen noch immer umstritten

Nach Ansicht der meisten Fachleute kann eine Spritze, meist mit einem Kombinationspräparat gegen Masern, Mumps und Röteln, sowohl Kinder als auch Erwachsene vor den unangenehmen Folgen der Masern bewahren. Ganz unumstritten ist die flächendeckende Masernimpfung allerdings nicht.

Besonders Naturheilkundler vermuten, dass die Vielzahl von empfohlenen Schutzimpfungen das Immunsystem von Kindern überfordern könnte. Sie führen besonders die Zunahme von Allergien auf zu viele Impfungen zurück. Zudem warnen sie vor möglichen Impfschäden – das Krankheitsbild könne durch die Immunisierung mit Masern-Viren erst ausgelöst werden.

Der Berliner Kinderarzt Ulrich Fegeler, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, weist das zurück. „Im Vergleich zu den möglichen Komplikationen einer Infektion sind Impfschäden völlig zu vernachlässigen“, sagte Fegeler.

Es handele sich dabei fast immer nur um leichtes Fieber, das mit leichten Medikamenten gut in den Griff zu bekommen sei. In seiner Spandauer Praxis bietet Fegeler deshalb nicht nur für Kinder ab dem 11. Lebensmonat, sondern auch allen Eltern die Impfung an.

Große Städte wie Berlin sind besonders gefährdet

Auch Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut hält an der Empfehlung ihrer ständigen Impfkommission fest. „Es kann überhaupt nicht zu viel geimpft werden“, sagte die RKI-Sprecherin. Das zeigten allein die beträchtliche Ansteckungszahlen derzeit in Berlin. Weil sich die Masern-Infektionen auf alle Stadtbezirke verteilen, ist die Quelle der Infektionswelle völlig unklar.

Eine große Stadt wie Berlin, mit vielen Reisenden, sei allerdings für die Verbreitung von Infektionen besonders gefährdet, sagen Fachleute. Dass auch das RKI, wie nun der Senat seine Impfempfehlung auf alle Altergruppen ausdehnen wird, erwartet Glasmacher allerdings nicht. Die ständige Impfkommission reagiere üblicherweise nicht kurzfristig auf das aktuelle Infektionsgeschehen.

Berliner Kliniken reagieren auf Masern-Welle

Der Klinikkonzern Vivantes hat hingegen auf die aktuelle Masern-Welle reagiert. „Viele unserer Ärzte sind bereits geimpft“, sagte Vivantes-Sprecherin Mischa Moriceau. „Wir haben jetzt aber aktuell all unsere Ärzte aufgefordert, sich gegen Masern impfen zu lassen.“

Eine vergleichbare Empfehlung hatte auch die Charité nach eigenen Angaben an ihre Mediziner schon zu Beginn der Masern-Welle im Frühjahr herausgegeben. Wie berichtet, soll im März ein Mediziner der Charité ein bereits durch eine Herz-Operation geschwächtes Kind mit Masern angesteckt haben.

Der Vater des Babys wirft dem Arzt eine leichtfertige Gefährdung seiner Patienten vor. Der Klinikkonzern hält es allerdings nicht für bewiesen, dass die Ansteckung tatsächlich im Klinikum erfolgt ist.

Das Kind könne sich auch an anderer Stelle infiziert haben, hieß es in einer Erklärung. Die Senatsgesundheitsverwaltung hat nun die Charité dazu um eine Stellungnahme gebeten.