Donnerstagnachmittag vor einer Lidl-Filiale in Mitte: Kunden schieben den gut gefüllten Einkaufswagen aus dem Markt zum Auto. Andere gehen mit leerem Korb oder Tasche hinein. Das Thema Rattengift beschäftigt viele. „Ich kaufe noch ein, aber keine Brötchen“, sagt eine junge Frau. Doch bei vielen Käufern ist das Vertrauen in den Supermarkt größer als die Angst. „Es ist zwiespältig“, findet Dagmar Spitzer. Sie holt den Einkaufskorb aus dem Kofferraum ihres Autos. „Die Alternative wäre, Ratten im Supermarkt zu haben.“ Nahrungsmittel, die von den Nagetieren angefressen seien, wolle sie auch nicht. Die 60-Jährige aus Tempelhof erfuhr aus den Nachrichten, dass das Gift in einigen Lidl-Filialen ausgelegt worden sein soll.
Am Mittwoch hatte das ARD-Magazin „Kontraste“ davon berichtet, dass in mehreren Lidl-Filialen in Berlin, in Niedersachsen und Bayern Rattengift aufgefunden worden sein soll. Mitarbeiter hätten davon berichtet. In einem Berliner Markt sollen die Substanzen angewandt worden sein, ohne das zuständige Amt zu informieren.
Tanja Ghaffar Hashemi schiebt den vollen Einkaufswagen zu ihrem Auto. „Man muss es realistisch sehen, das Problem gibt es ja an mehreren Stellen“, sagt die 33-Jährige. In Restaurants habe sie des Öfteren mitbekommen, dass Fallen aufgestellt sind oder Gift ausgelegt wird, um Ratten zu bekämpfen.
Wie gefährlich ist Rattengift für Menschen, und wie reagieren die Aufsichtsbehörden? Die wichtigsten Fragen und Antworten zu diesem Thema.
Was sagte Lidl zu dem Vorwurf, heimlich Rattengift ausgelegt zu haben?
Der Discounter erklärte am Donnerstag, das Unternehmen werde den Hinweisen „intensiv nachgehen“ und sich „intensiv mit den relevanten Betriebsprozessen auf allen Ebenen auseinandersetzen“. In einer Pressemitteilung hieß es weiter: Im Falle eines Schädlingsbefalls setze das Unternehmen „ausschließlich auf namhafte und zertifizierte Schädlingsbekämpfer“. Pressesprecher Stephan Krückel sagte, das Unternehmen habe keine Hinweise von Mitarbeitern über gesundheitliche Beschwerden.
Aus welcher Filiale wurde die Rattengiftprobe entnommen?
Bislang ist noch nicht bekannt, aus welchem Lidl-Markt die „Kontraste“ Reporter die Rattengiftprobe genommen haben. Von der ARD gab es dazu keine genauen Angaben. Laut Supermarktcheck.de gibt es 147 Lidl-Filialen in Berlin.
Rattengift in Supermärkten ausstreuen, darf man das?
„Das darf man nicht nur – das ist Pflicht!“, sagt Daniel Krämer. Krämer ist seit 25 Jahren Schädlingsbekämpfer und seit 15 Jahren Geschäftsleiter bei „MIB Schädlingsbeseitigung Berlin“. Laut Krämer ist jeder Supermarkt verpflichtet, ständig sogenanntes Schädlingsmonitoring durchzuführen, um einen Schädlingsbefall möglichst schnell zu bemerken. Bei Ratten ist es üblich, Boxen mit giftigen Rattenködern gezielt zu platzieren und regelmäßig zu kontrollieren. Werden die Köder angenagt, sind Ratten vor Ort. Eine Alternative sind Fallen, doch weil die Ratten schnell lernen, diese zu meiden, sind Köder effektiver.
Wie gefährlich ist Rattengift für Menschen?
„Das hängt vom Wirkstoff und der Dosierung ab“, sagt Jürgen Thier-Kundke vom Bundesinstitut für Risikobewertung. Eine befriedigendere Antwort sei momentan nicht möglich, weil keine genauen Daten vorliegen. Meistens besteht Rattengift aber aus gerinnungshemmenden Mitteln. „Die Dosierung, die bei Schädlingsbekämpfung verwendet wird, reicht nicht für eine Vergiftung von einem Menschen aus“, sagt der Schädlingsbekämpfer Krämer. Außerdem sind die Köder bitter. „Selbst ein Hund spuckt die sofort wieder aus“, so Krämer.
Wie reagieren die Behörden?
Normalerweise würde das zuständige Bezirksamt einen Lebensmittelkontrolleur zur Lidl-Filiale schicken, um festzustellen, ob ein Problem vorliegt. „Solange aber unklar ist, um welche Filiale es geht, können die Bezirksämter nichts tun“, sagt die Sprecherin der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz, Claudia Engfeld.
Muss bei einem Schädlingsbefall ein Lebensmittelunternehmen schließen?
Nein. Wenn ein Schädlingsbefall festgestellt wird, muss man zwar dagegen angehen, aber je nach Schädling und je nach verwendetem Wirkstoff muss ein Unternehmen selbst während der Beseitigung nicht schließen.
Wie funktioniert die Kontrolle von Lebensmittelbetrieben in Berlin?
Jeder Lebensmittelbetrieb muss beim zugehörigen Bezirksamt gemeldet sein. Er wird in regelmäßigen Abständen von einem der 86 Lebensmittelkontrolleure in Berlin besucht – meist einmal pro Jahr.
![DEU, 2002: Wanderratte (Rattus norvegicus) vor einem Schild "Vorsicht Rattengift". [en] Brown Rat, Common Rat, Norway Rat (Rattus norvegicus) in front of warning sign "Danger rat poison". | DEU, 2002: Brown Rat, Common Rat, Norway Rat (Rattus norvegicus) in front of warning sign "Danger rat poison". DEU, 2002: Wanderratte (Rattus norvegicus) vor einem Schild "Vorsicht Rattengift". [en] Brown Rat, Common Rat, Norway Rat (Rattus norvegicus) in front of warning sign "Danger rat poison". | DEU, 2002: Brown Rat, Common Rat, Norway Rat (Rattus norvegicus) in front of warning sign "Danger rat poison".](https://img.sparknews.funkemedien.de/117118364/117118364_1423600999_v16_9_1200.jpeg)




