Auf dem Holzkreuz steht nur „Sara“ und ein Datum: 05.04.2013. Es ist nicht ihr Geburtsdatum, es ist nicht ihr Sterbetag. Es ist keine abgeschlossene Geschichte, wie sie Gräber sonst erzählen. Es ist das Datum, an dem das Mädchen in einem Altkleidercontainer in Berlin-Neukölln gefunden wurde. Damit wird das Kreuz zu einem Vorwurf und zu einer Frage. Der Vorwurf an die Menschen, die das Baby haben sterben lassen. Und die Frage, wer das kleine Mädchen war.

Der Pastor schafft es, an diesem Nachmittag der Beerdigung die einzige bisher mögliche Antwort zu geben. Er wird nach seiner Trauerrede sagen: „Nun lasst uns auf den Friedhof gehen und unser kleines Mädchen zur letzten Ruhe betten.“ Unser kleines Mädchen. Damit hat Sara am Donnerstag erhalten, was einen Menschen ausmacht. Sie gehört zu anderen Menschen.

Der Alte St. Michael-Friedhof in Neukölln liegt nah am Leben. Die Wohnhäuser stehen direkt an der Friedhofsmauer, aus den Fenstern blickt man auf die Blumen und Gräber. Das Baby, dessen Leben in der Anonymität der Großstadt verschluckt wurde, dessen Angehörige und Lebensgeschichte bisher unbekannt sind, hat eine Trauergemeinde versammelt, die groß genug ist um die ganze Kapelle zu füllen.

Zeichen gegen die Einsamkeit

Junge Mütter, Großmütter, Anwohner der Wildenbruchstraße, wo es Mitarbeiter einer Recyclingfirma entdeckten, sogar ein halber Gospel-Chor aus Charlottenburg ist gekommen. Viele haben Blumen mitgebracht, alle hier wollen ein Zeichen gegen die Einsamkeit setzen.

Auch viele Beamte der Kriminalpolizei sind hier. Sie haben das Mädchen Sara genannt. Sara, weil dieser Name in allen Sprachen geläufig ist. Damit man sie ansprechen kann.

Ein älteres Ehepaar steht in der Sonne vor der Kapelle. Es ist 14 Uhr, gleich beginnt die Zeremonie. Sie hat sich eine dunkle Bluse angezogen, er ein gebügeltes Sakko. Sich feierlich anziehen, das gehört zu den wenigen Dingen, die Menschen tun können, um die letzte Ehre zu erweisen. Hilflos wirken die beiden, sprechen wollen sie kaum. Die Unterlippe des Mannes zittert, seine Frau hält ihn am Unterarm fest. Er habe selber zwei Kinder, sagt er dann noch. Und „Wir können nicht begreifen, was Menschen Schreckliches tun können.“

Suchen habe seine Zeit, Verlieren habe seine Zeit

Drinnen in der Kapelle ist es kühl und still. Reinhard Voigt, der Polizeipfarrer für Berlin, hält die Trauerrede. Er ist ein Mann mit grauen Haaren und Augen, die schon viel Leid gesehen haben. Die Mordkommission hatte ihn gebeten, diese Worte zu sprechen. Und so muss er heute Rede halten über drei Unbekannte. Über das Mädchen, das nicht leben sollte. Über die Eltern, die vermutlich seinen Tod verschuldet haben.

Er wird auch einen Appell an die Mutter richten, dass sie sich bei der Polizei melden soll, zumindest indirekt. Denn dazu ruft sie die Polizei beharrlich auf. In solchen Situationen, sagt Voigt später, sei er froh, dass ein Pfarrer sich auf Texte berufen könne, die in der Bibel stehen.

So liest er aus dem Buch des Predigers. „Alles hat seine Zeit“. Suchen habe seine Zeit, Verlieren habe seine Zeit, Lieben habe seine Zeit, Hassen habe seine Zeit. Er wisse nicht, sagt der Pfarrer, ob die Eltern ihr Kind geliebt haben. Er wisse nicht, ob sie weinen müssen, weil sie ihr kleines Mädchen nicht mehr im Arm halten können. Aber er hoffe auf Gottes Liebe, die stärker sei als alle menschliche Liebe.

„Wir verstehen nicht, was das alles für unser Leben bedeuten soll“

Hinten, in der Kapelle, gluckst eine Mädchenstimme. Es ist Alena. Das zweijährige Mädchen ist mit ihrer Großmutter Karola Bitici gekommen, die in Neukölln nah am Fundort lebt, die so oft an dem Altkleidercontainer vorbeigehen muss. Die so wütend ist auf die Eltern des toten Mädchens, weil sie es so weit haben kommen lassen. Wo es doch Babyklappen gebe und Hilfe für verzweifelte Mütter, die anonym bleiben wollen.

Sie hoffe, hatte Karola Bitic gesagt, dass Gott die Eltern dafür strafe. Die kleine Alena dagegen ist so unbekümmert, wie es nur kleine Kinder auf einer Beerdigung sein können. Sie streckt ihre Hand aus und fasst ihrer Großmutter an die Nase, sie kichert und sagt: „Oma.“

Er möchte für dieses Kind beten, sagt der Pfarrer, für seine Eltern, für alle, die gekommen sind. „Guter Gott, wir stehen am Grab dieses Mädchens und verstehen nicht, was geschehen ist.“ Ein kleiner Mensch, der nicht krabbeln, laufen oder sprechen gelernt hat. Eltern, die ihre Elternschaft nicht gelebt haben. „Wir verstehen nicht, was das alles für unser Leben bedeuten soll.“

Der „United Gospel Choir“ aus Charlottenburg singt „I heard a voice from heaven“. Warm breiten sich die Stimmen in der Kapelle aus, sie hallen von den Steinwänden zu den voll besetzten Bänken. „Gesegnet, gesegnet sind die Toten, die da ruhen im Herrn, denn sie ruhen von ihren Anstrengungen aus.“

Der Pfarrer bittet Gott für die Eltern

Der Appell an die unbekannte Mutter, der Pfarrer sagt ihn mit den Worten aus dem Buch des Predigers. Schweigen habe seine Zeit, sagt er. Und Reden habe seine Zeit. Er will der Mutter, die sich zum Schweigen entschieden hat oder dazu gezwungen wurde, die Angst nehmen. Ihr den Mut geben, sich zu stellen. Die Zeit, um über das Geschehene zu sprechen, sich zu erleichtern und Hilfe anzunehmen, die sei nun gekommen. So kann man die Botschaft des Pfarrers wohl verstehen. Er bittet Gott für die Eltern. „Stehe ihnen bei und lass sie nicht aus deiner Liebe fallen.“

Die Glocken klingen. Der weiße Sarg mit Rosen und Schleierkraut darauf ist so klein, dass nur ein Träger ihn aus der Kapelle bringt. Die Prozession setzt sich in Bewegung, hinaus in das warme Neukölln. Über den Sandweg auf den Friedhof, vorbei an einer Statue von Christus am Kreuz, vorbei an der Inschrift „Es ist vollbracht“. Hinter dem Sarg läuft eine Schwangere mit Blumen in der Hand. Am Grab singt der Chor „Scheine auf mich, wirf dein Licht auf mich.“

Es bleibt das Holzkreuz, mit dem Namen und nur diesem einzigen Datum. Ein Steinmetz hat bereits angeboten, einen Grabstein für Sara zu spenden. Vielleicht stehen darauf irgendwann ein Geburtsdatum und ein Sterbetag.