Für viele Bahnreisende war der 13. Mai in Berlin ein Schwarzer Montag. Entweder fuhr ihr Zug nur mit großer Verspätung oder fiel gar ganz aus. Zehntausende Fahrgäste kamen zu spät zur Arbeit oder verpassten ihre Anschlüsse.

Martina Mayer ist empört und außer Atem. Gerade kommt sie mit ihrem Gepäck vom Bahnhof Südkreuz, wo sie eigentlich um 16.45 Uhr in den ICE nach München einsteigen wollte. „Da fuhr allerdings gar nichts mehr“, klagt die Mittfünfzigerin. Deshalb steht sie jetzt am Berliner Hauptbahnhof und schaut gespannt auf die große Anzeigetafel. „Die Bahnmitarbeiter haben mich hierher geschickt.“ Jetzt hat sie fast zwei Stunden Wartezeit, bis der nächste Zug abfährt. „Eigentlich fahren die ja stündlich, aber man sagte mir, dass dies die nächste Verbindung ist“, sagt die Münchnerin und schüttelt den Kopf.

Vor der Tafel hat sich mittlerweile eine kleine Menschentraube versammelt. Laut Anzeige fallen zahlreiche Züge aus – auch der von Peter Rech. Er will nach Elsterwerda gelangen. „Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll. Vielleicht fahre ich einen Umweg und nehme einen anderen Zug in diese Richtung.“

Die Züge fahren - aber nicht ab Hauptbahnhof

Besser beraten sind die Passagiere, die sich persönlich bei den Bahn-Mitarbeitern an der Info-Theke schlau machen. Die erfahren nämlich, dass die Züge fahren – nur eben nicht ab Hauptbahnhof. „Kein Zug fällt aus“, sagt ein Mitarbeiter in Bahner-Uniform. „Das was auf den Tafeln steht, ist einfach falsch ausgedrückt.“ Die Züge würden jetzt teilweise an anderen Bahnhöfen wie etwa Gesundbrunnen abfahren – „aber sie fahren“, sagt der Eisenbahner. Peter Rech ärgert sich, nachdem er von der über die missverständliche Information auf den Anzeigetafel erfahren hat. „Hier wird einem einfach nichts gesagt“, sagt er.

In der Tiefebene des Hauptbahnhofs sind die Bahnsteige verwaist. „ICE nach Leipzig: heute von Gleis 8“ – steht auf einer Anzeigetafel. Passagiere mit Koffern drehen um und nehmen die Rolltreppe nach oben. Dort wird die Schlange am DB-Info-Stand stetig länger. Doch die Mitarbeiter bringt das nicht aus dem Konzept. „Wir haben etwas mehr Andrang als vorher, aber das ist alles noch überschaubar“, sagt einer.

Auslöser für das Chaos im hauptstädtischen Bahnverkehr war ein Reisezug, der am Vormittag unmittelbar hinter dem Hauptbahnhof auf freier Strecke liegen geblieben ist. Gegen 11.30 Uhr waren nach Angaben eines Bahnsprechers die Lokomotive und die ersten beiden Wagen des Eurocity 178 an der nördlichen Ausfahrt aus der Tiefebene des Bahnhofs aus den Schienen gesprungen. Reisende sind bei dem Vorfall nicht zu Schaden gekommen. Denn der Zug, der aus der tschechischen Hauptstadt Prag über Dresden nach Berlin gekommen war, hatte seine Fahrt kurz zuvor im Hauptbahnhof bereits beendet und sollte nun in eine Abstellanlage fahren. An Bord des Zuges befanden sich nur der Lokführer und zwei Zugbegleiter, die den Vorfall unverletzt überstanden.

Für einen Anschlag gibt es keine Hinweise

Allerdings ist der Zug an einer für den Bahnverkehr überaus ungünstigen Stelle – nur rund 200 Meter hinter der Tunnelausfahrt und vor den Brückenbauwerk, der in Richtung Bahnhof Gesundbrunnen führt – entgleist. Er blockierte damit den Fern- und Regionalzugverkehr, der durch die Tiefebene des Hauptbahnhofs geführt wird. Betroffen war der gesamte Fernverkehr in Richtung Hamburg, Hannover, Dresden und Leipzig. Die Züge mussten über die schon unter normalen Verhältnisse sehr stark ausgelastete Stadtbahn umgeleitet werden, es kam daher zu Verspätungen.

Erhebliche Auswirkungen gab es auch auf den Regionalverkehr der Linien RE3, RE 5 und RB10. Lediglich der Regionalexpress 4 (Rathenow–Berlin–Jüterbog), der von der privaten Ostdeutschen Eisenbahn betrieben wird, durfte ab etwa 13 Uhr wieder einmal pro Stunde im Schritttempo an der Unfallstelle vorbeifahren, was ebenfalls für Verspätungen sorgte. Der Zugverkehr der Berliner S-Bahn, der über separate Gleise rollt, war von den Einschränkungen nicht betroffen.

Warum der Zug entgleiste, ist noch unklar. Die Bundespolizei und das Eisenbahn-Bundesamt haben die Ermittlungen aufgenommen. Vor einigen Monaten hatte es fast an gleicher Stelle einen Anschlag mit mehreren Brandsätzen von Linksextremisten gegeben, der gravierende Auswirkungen auf den Bahnverkehr hatte. Für einen erneuten Anschlag auf die Bahnanlagen gebe es bisher jedoch keinerlei Hinweise, hieß es am Nachmittag aus Bahnkreisen.

Reparaturen wohl bis Donnerstag oder Freitag

Offen ist bislang auch, wie lang es dauern wird, bis der Verkehr wieder normal rollen kann. Zunächst muss der havarierte Zug von der Strecke. Dank der niedrigen Geschwindigkeit bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof sind weder die Lok noch die beiden Waggons umgekippt. „Sie sind lediglich aus den Gleisen gesprungen und müssen nun wieder draufgesetzt werden“, sagte der Bahnsprecher. Ein Hilfszug sei inzwischen am Ort des Unfalls eingetroffen.

Bis zum Abend konnte einer der Wagen wieder auf die Schienen gehievt werden. Unklar ist auch, ob der Zug aus eigener Kraft wegfahren kann oder abgeschleppt werden muss. Der gesamte Bereich nördlich des Berliner Hauptbahnhofs ist bis auf Weiteres gesperrt.

Nach Bahnangaben müssen sich die Reisenden daher auch am Dienstag und in den nächsten Tagen auf Einschränkungen einstellen. „Die Schäden an den Schienen und Schwellen, aber auch an der Sicherungstechnik sind erheblich“, so der Bahnsprecher. Die Reparaturen werden wohl bis Donnerstag oder Freitag andauern. So lange müssten auch die Züge umgeleitet werden, vor allem über die Stadtbahn-Gleise.