Kriminalität

Junge Straftäter in Berlin werden immer brutaler

In der Hauptstadt nimmt die Gewalt unter Jugendlichen zu. Sowohl Täter wie Opfer haben sich inzwischen bewaffnet, die Polizei ist besorgt.

Foto: Paul Zinken / dpa

Die beiden Freunde, der eine 14, der andere 15 Jahre alt, wollten sich einen netten Nachmittag im Einkaufszentrum machen, durch Geschäfte bummeln, vielleicht etwas zum Anziehen kaufen. Doch dann trafen sie auf drei andere Jugendliche, von denen sie unter einem Vorwand nach draußen gelockt wurden. „Wir müssen etwas klären“, hieß es. Als sie auf der Straße waren, ging alles sehr schnell, einer der Freunde spürte auf einmal ein Messer am Hals. Die Jugendlichen zwangen ihn, sein Handy herauszugeben, und verschwanden dann in der Masse der vorbeigehenden Menschen.

Der Fall ereignete sich vor einigen Wochen im Alexa-Einkaufszentrum am Alexanderplatz. Die Polizei konnte die Täter fassen: Sie sind gerade mal 15 bis 16 Jahre alt. Ermittlungen ergaben, dass sie noch drei weitere Taten rund um das Alexa begingen. Ihre Masche war dabei stets die gleiche.

Ähnliche, oft nur Sekunden dauernde Raubüberfälle spielen sich täglich in der Öffentlichkeit ab. Meistens handelt es sich bei den Tätern wie bei den Räubern vom Alexa um Jugendliche. Im vergangenen Jahr gab es täglich mehr als sechs Raubüberfälle, die sich auf Straßen, Wegen oder Plätzen ereigneten – ein Jahr zuvor lag der Durchschnitt noch bei fünf Taten pro Tag. Fast 70 Prozent der im Jahr 2012 ermittelten Tatverdächtigen waren unter 21 Jahre alt. Straßenraub ist nach Angaben der Polizei ein typisches Jugenddelikt.

Jugendliche setzen immer häufiger auch Waffen ein

Besonders besorgniserregend ist, dass die Gewalt, die die Jugendlichen bei ihren Raubzügen gegen die meist gleichaltrigen Opfer anwenden oder ihnen gegenüber androhen, laut Polizei immer brutalere Ausmaße annimmt. Immer häufiger setzen die jungen Täter auch Waffen ein. Ein Straßenraub ohne Faustschlag oder Messer ist die Ausnahme. Dabei bevorzugen die Täter gut besuchte Plätze gegenüber einsamen Straßenzügen. Menschenansammlungen sprechen aus ihrer Sicht für günstige Tatgelegenheiten und nicht für potenzielle Zeugen. Wer schaut im Gedränge schon genau hin, was links und rechts von ihm passiert?

„Es findet eine Art Aufrüsten unter den Jugendlichen statt“, sagt Kriminalhauptkommissar Markus Plog, 50, der das Raubkommissariat der Direktion 4 (Tempelhof-Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf) leitet. „Butterflymesser, Schlagringe und Teleskopschlagstöcke sind stark verbreitet, und zwar nicht nur in Problemkiezen.“ Auch die Opfer würden sich fataler Weise immer häufiger bewaffnen, um sich gegebenenfalls verteidigen zu können. Um an die Waffen zu gelangen, würden die Jugendlichen Ältere fragen oder sich Wege über das Internet suchen.

„Das Unrechtsbewusstsein hat sich verändert“

Doch die Gewalt ist nicht nur brutaler geworden, sie wird von den Jugendlichen auch zunehmend bagatellisiert. „Das ist schon daran zu erkennen, dass die jungen Täter verharmlosend von „Abziehen“ sprechen“, sagt Plog. Rechtlich handelt es sich jedoch um ein Verbrechen, das grundsätzlich mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe geahndet wird. Plog: „Das Unrechtsbewusstsein der Jugendlichen hat sich verändert“.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, arbeitet die Polizei mit operativen Ermittlungsgruppen, die auf der Straße unterwegs sind und jugendliche Tatverdächtige und deren Treffpunkte im Auge behalten. Auch durch Präventionsarbeit an Schulen und durch Gespräche mit Tätern und deren Eltern versucht die Polizei, positiven Einfluss zu nehmen. In Seminaren werden Beamte speziell geschult, wie sie mit Jugendlichen sprechen sollen. Zudem hat die Polizei vor einigen Jahren damit begonnen, so genannte Jugendgruppengewaltdelikte gesondert zu erfassen und zu bekämpfen.

In Berlin werden als Jugendgruppengewalt Straftaten definiert, die als gemeinschaftliche Handlung von mindestens zwei Tätern im Alter von 8 bis unter 21 Jahren oder von einem Einzeltäter, der eine Gruppe als Machtinstrument einsetzt, begangen werden. Jeder vierte Straßenraub in 2012 war als Jugendgruppengewalt einzuordnen.

Polizei geht von einer hohen Dunkelziffer aus

Doch die offiziellen Zahlen entsprechen nicht unbedingt der Realität, denn beim Straßenraub wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen. „Ich würde gerne mal an eine Schule gehen und fragen, wer schon alles abgezogen wurde“, sagt Markus Plog. „Ich bin mir sicher, dass sich sehr viel mehr Opfer melden würden, als die Statistiken erfassen.“ Problematisch sei, dass viele Opfer die Taten nicht anzeigen würden.

„Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die Opfer sagen, durch diese Zeit müssen sie durch“, so Kriminalhauptkommissar Markus Plog. Sie würden denken, es gehöre zur Jugend, abgezogen zu werden. Oft spiele auch Scham eine Rolle oder die falsche Vorstellung, die Polizei könne eh nichts machen. Teils würden die Taten auch innerhalb der Familien aufgefangen werden und man mache sich nicht mehr die Mühe, zur Polizei zu gehen. Dabei sollte laut Plog jede Tat angezeigt werden, insbesondere wenn es um Jugendliche gehe. „Gerade bei Jugendlichen kann man durch erzieherische Maßnahmen noch etwas bewirken.“

Von den jugendlichen Tätern beenden nach Angaben des Kriminalhauptkommissars die meisten irgendwann ihre kriminelle Karriere. „Dann führen sie ein normales Leben, machen eine Ausbildung, gründen eine Familie“, so Plog. Auch bei den Opfern komme das vor, manche aber leiden ihr Leben lang unter den Folgen eines Überfalls und haben mit Ängsten zu kämpfen. Es müsste mehr Einrichtungen wie den Weissen Ring geben, die sich um Opfer von Straftaten kümmerten. „Für die Opfer wird zu wenig getan“, sagt Plog.

Geldnot ist nur selten das Motiv

Vielleicht wäre die exzessive Jugendgewalt auch einzudämmen, wenn mehr Motivforschung betrieben würde. Was aber verleitet Jugendliche dazu, unbedingt das Handy und den Laptop des anderen haben zu wollen, wenn sie diese Gegenstände vielleicht sogar bereits selbst besitzen? Warum schrecken sie nicht davor zurück, einen Gleichaltrigen mit einem Messer in Todesangst zu versetzen oder zu treten, wenn er schon am Boden liegt?

„Die Statussymbole haben sich verändert und sind wichtiger geworden“, sagt Plog. „Früher sind wir auf dem blanken Hintern die Rodelbahn runtergerutscht oder haben Kunststücke auf dem Fahrrad gemacht.“ Er selbst habe sich seinen Status immer über den Sport erarbeitet. Heute würden sich Jugendliche oft über ihren Besitz definieren, den sie nach außen tragen. „Das Bedürfnis der Täter nach iPods, Notebooks und Kleidung ist enorm hoch.“

Deshalb rät Plog potenziellen Opfern, ihre Wertsachen nicht immer mitzunehmen und wenn, dann am Körper verteilt zu tragen. „Und nicht immer gleich das Handy zücken, wenn jemand nach der Uhrzeit fragt“, mahnt Markus Plog. „Eine Sekunde, und es ist weg.“