In einer nächtlichen Verwüstungstour haben unbekannte Täter mehrere Jobcenter beschädigt. Die teils vermummten und maskierten Täter warfen Steine und Farbbeutel gegen die Fassaden der Gebäude und zerschlugen etliche Fensterscheiben. Auch die Landesgeschäftsstelle der SPD und weitere Gebäude wurden Ziele von Anschlägen. In einem Fall konnte die Polizei eine tatverdächtige Frau festnehmen, die mit Pflastersteinen unterwegs war.
Gegen 1 Uhr beobachtete ein Autofahrer vier vermummte Personen, die Farbe an die Hauswand der SPD-Landeszentrale in der Weddinger Müllerstraße sprühten. Die Täter warfen zudem Steine gegen das Gebäude und zerstörten mehrere Fensterscheiben. 80 weitere Scheiben gingen durch Steinwürfe auf das Jobcenter an der Alarichstraße in Tempelhof zu Bruch. Als ein Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes gegen 4.50 Uhr den Schaden bemerkte, waren die Täter schon verschwunden.
Andere Jobcenter wurden in Steglitz, Johannisthal, Lichtenberg, Pankow, Charlottenburg und Reinickendorf beschädigt. In manchen Fällen entkamen die Täter der Polizei nur knapp. So alarmierten Anwohner aus der Lichtenberger Gotlindestraße gegen Mitternacht die Polizei, als dort vier dunkel gekleidete Personen Fenster, Türen und die Fassade des Jobcenters mit Steinen und Farbgläsern bewarfen und mehrere Meter lange Schriftzüge an die Hauswand schmierten. Doch unmittelbar vor dem Eintreffen der Polizeistreife gelang den Unbekannten die Flucht. Auf Fahrrädern fuhren sie in verschiedene Richtungen davon.
Tatverdächtige festgenommen und wieder freigelassen
Ein mit roter Farbe gefüllter Luftballon zerplatzte gegen 2.10 Uhr am Jobcenter am Groß-Berliner-Damm in Johannisthal. Polizisten bemerkten die Sachbeschädigung, ohne jedoch die Täter ergreifen zu können. Vor dem Jobcenter in Pankow zündeten Unbekannte eine Fußmatte an, die sie zuvor in eine brennbare Flüssigkeit getränkt hatten. Das Feuer erlosch nach Polizeiangaben von selbst, die Tür wurde nur leicht beschädigt.
In der Königin-Elisabeth-Straße in Charlottenburg gelang es einem Wachschutzmitarbeiter und einem Polizisten, eine 24-jährige Frau festzuhalten. Mit zwei Komplizen hatte sie das dortige Jobcenter beschädigt. Kurz bevor sie von den beiden Männern ergriffen wurde, warf sie einen Stoffbeutel weg, in dem sich etliche Pflastersteine befanden. Ihren Komplizen gelang die Flucht. Inzwischen ist auch die 24-Jährige wieder auf freiem Fuß. Sie wohnt nach Polizeiangaben in Berlin. Ob sie bereits wegen ähnlicher Delikte in Erscheinung getreten ist, wollte ein Sprecher nicht mitteilen.
Hausmeister findet Schmierereien an der Fassade
Von den insgesamt zehn beschädigten Gebäuden waren drei keine Jobcenter, darunter auch das Amtsgericht in Mitte. Wie die Polizei erst am Freitagnachmittag bekannt gab, wurde in derselben Nacht auch ein Anschlag auf das Gebäude an der Littenstraße verübt. Der Hausmeister stellte um 6 Uhr Schmierereien an der Fassade fest: Die Täter hatten mit roter Farbe gefüllte Glasflaschen dagegen geworfen und einen Schriftzug hinterlassen, der nach Polizeiangaben Zwangsräumungen thematisiert.
Bereits eine Nacht zuvor hatte ein Wachmann an einem Bürogebäude an der Axel-Springer-Straße schwarze Farbe an der Fassade bemerkt. In dem Gebäude haben unter anderem Rechtsanwaltskanzleien und Botschaften ihren Sitz.
Die Polizei vermutet die Täter der Anschläge in der linksextremen Szene. Im Internet sind zwei entsprechende Bekennerschreiben aufgetaucht, die nun ausgewertet werden. Der Polizeiliche Staatsschutz des Landeskriminalamts hat die Ermittlungen übernommen.
Henkel verurteilt „feige Anschläge“
Obwohl der zeitliche Ablauf und die Auswahl der Zielobjekte auf eine Serie hindeuten, wollte ein Polizeisprecher den Zusammenhang der einzelnen Anschläge noch nicht bestätigen. „Wir prüfen das“, hieß es nur. Ein Zusammenhang zu dem Brandanschlag auf einen Kabelschacht der Deutschen Bahn in der Nacht zu Donnerstag bestehe dagegen eher nicht, sagte der Sprecher. Auch in diesem Fall werden die Täter aufgrund eines Bekennerschreibens den Linksextremisten zugeordnet.
Die Politik reagierte empört und kündigte eine harte Linie an. Innensenator Frank Henkel (CDU) verurteilte die Farbbeutel- und Stein-Attacken und kündigte ein energisches Vorgehen an. „Ich verurteile diese feigen Anschläge auf das Schärfste. Gewalt kann niemals Mittel der politischen Auseinandersetzung sein. Wer versucht, Demokraten einzuschüchtern, der wird auf unseren entschiedenen Widerstand treffen“, ließ Henkel über seinen Sprecher Stefan Sukale am Freitag mitteilen. „Es gibt in unserer Stadt weder für linke noch für rechte Militante einen Freibrief“, erklärte Henkel. Einigen gehe es offenbar darum, ein Klima der Angst und Verunsicherung zu schaffen.
„Wer sozialen Zusammenhalt will, muss Gewalt ablehnen“
Damit schlug Henkel einen deutlich schärferen Ton an als noch am Vortag, als er eine positive Bilanz des Polizeieinsatzes rund um den 1. Mai gezogen hatte. Nach den vergleichsweise friedlichen Demonstrationen hatte Polizeipräsident Klaus Kandt die linke Szene sogar ausdrücklich für ihre Besonnenheit gelobt.
Der Vorsitzende der SPD-Fraktion, Raed Saleh, sagte zu den jüngsten Taten: „Anschläge auf öffentliche Einrichtungen sind kriminell und kein Ausdruck politischen Handelns. Wer sozialen Zusammenhalt will, muss Gewalt ablehnen.“ Der 1. Mai mit seinen weitgehend friedlichen Demonstrationen habe gezeigt, dass es zahlreiche Möglichkeiten in dieser Stadt gebe, sich politisch und gesellschaftlich zu engagieren. Auch CDU-Generalsekretär Kai Wegner sagte: „Gewalt ist und bleibt kein Mittel der politischen Auseinandersetzung. Ich verurteile diese Anschläge daher scharf.“





