Montagmorgen. Der Blick auf das Außenthermometer zeigt erneut einen Tag mit Frost und Minusgraden. Ein weiterer Tag, an dem sich kleine Strudel in dem Heizöltank von Martin Giesenschlag im Keller bilden werden. Denn, so erklärt der 46-Jährige, wenn er es in seiner Fünf-Zimmer-Wohnung warm haben möchte, würde der Pegel so schnell sinken. „Laut meines durchschnittlichen Jahresverbrauch hätte eigentlich gestern der Winter zu Ende sein müssen“, sagt er. Statt dessen hat der Kaufmann aus Hohengatow 500 Liter Heizöl nachgeordert.

„Während eines normalen Winters komme ich von Oktober bis Mai mit 1500 Litern aus. Mit der Wetterprognose für die kommenden Tage musste ich nachbestellen. Sonst würde ich Ostern im Kalten sitzen.“

Wie Martin Giesenschlag geht es derzeit offenbar vielen Berlinern. „Wir merken im Moment eine besonders hohe Nachfrage“, heißt es beim Heizöllieferanten Effenberger in Bohnsdorf. „Viele Kunden müssen gerade noch einmal nachtanken.“ Auch viele „Leerläufe“ gebe es derzeit – dann ist der Heizöltank leer, und die Menschen sitzen bereits in der kalten Wohnung.

13 Notfälle am Wochenende

Allein am letzten Wochenende habe es zehn solcher Notfälle am Sonnabend und noch einmal drei am Sonntag gegeben. Natürlich sei es etwas teurer, wenn man das Öl dann besonders schnell benötige, ansonsten aber sei der Ölpreis im Moment sogar günstiger als im Herbst. „Das regelt die Börse, da haben die Kunden jetzt sozusagen Glück gehabt.“ Viele Kunden würden aber aktuell nur noch eine kleine Menge bestellen – in der Hoffnung, nur noch eine kurze Zeit überbrücken zu müssen, bis die Heizperiode zu Ende ist.

Früher einmal 37 Pfennig pro Liter

Martin Giesenschlag hat seinen Verbrauch genau im Blick. In der Übergangszeit im Herbst und im Frühling würde er mit rund sechs Litern am Tag die 120 Quadratmeter warm bekommen, an kalten Tagen mit Minusgraden seien es dann schon 17 bis 20 Liter. „Wenn es nachts minus 15 Grad und tagsüber minus 7 Grad sind, kann es passieren, dass ich bis zu 35 Lit

er am Tag verbrauche.“ Derzeit läge der Heizölpreis bei 89 Cent pro Liter. Das sei in Ordnung, sagt er. Der Liter koste häufig aber auch mehr als ein Euro. Dann erinnert er sich gern an die Zeiten der D-Mark zurück. „Bei meiner letzten Bestellung zu D-Mark-Zeiten habe ich für den Liter Heizöl 37 Pfennig bezahlt“, sagt er. „Da bin ich mit 500 bis 600 D-Mark über den Winter gekommen. Die Rechnung habe ich immer noch.“

„Die Quittung kommt mit der Heizkostenabrechnung“

Aber auch wer statt mit Öl mit Gas oder Fernwärme heizt, oder als Mieter nicht selbst für die Energieanlieferung zuständig ist, wird den langen Winter zu spüren bekommen. Nur zeitversetzt. „Die Quittung kommt mit der Heizkostenabrechnung“, sagt Aribert Peters vom Bund der Energieverbraucher. Mit 10 bis 20 Prozent mehr Energiekosten für diesen Winter 2012/2013 rechnet Peters. Einen positiven Effekt könne es allerdings haben, dass auch in den Vorjahren die Heizperioden oft lang waren und die Abschlagszahlungen darum oft schon heraufgesetzt wurden.

Laut der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen ist der Energieverbrauch 2012 mit einem Prozent schneller gewachsen als die Wirtschaft in Deutschland. Den größten Einfluss auf den Verbrauch hat dabei den Angaben zufolge das kühle Wetter mit einer mittleren Jahrestemperatur von 9,2 Grad gespielt, im Vorjahr lag die Jahresdurchschnittstemperatur noch bei 9,7 Grad Celsius. „Das könnte den Schock für diesen Winter abmildern“, meint Aribert Peters vom Bund der Energieverbraucher.

Abwarten, wie warm das Jahr wird

Bei den Berliner Wohnungsbauunternehmen gibt man sich trotz des kalten Winters noch entspannt in der Kostenfrage. „Es ist ja erst ein Teil der Abrechnungsperiode vorbei“, sagt David Eberhardt vom Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU). Je nachdem, wie sich die Temperaturen im laufenden Jahr weiter entwickeln würden, könnte ein milder Herbst etwa auch den kalten März wieder ausgleichen. Auch seien 80 Prozent der BBU-Häuser mittlerweile modernisiert, das mache sich im Energieverbrauch bemerkbar. „Ich denke, die Kosten für den Winter werden im Rahmen bleiben“, so Eberhardt.

Mesut Tekin hat trotzdem schon Sorgen, wenn er an seine Nebenkostenabrechnung denkt. „2011 musste ich 827 Euro Heizkosten nachzahlen, für 2012 habe ich noch keine Jahresabrechnung vom Vermieter bekommen“, sagt er. „Bei dem jetzigen Winter möchte ich überhaupt nicht an die Nachzahlung denken. Die wird extrem.“

Geschäfte leiden ebenfalls unter der Kälte

Tekin hat eine Schusterei an der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg. Knapp 50 Quadratmeter groß. Laden und Werkstatt sind in einem Raum, nur durch eine Glaswand zur Hälfte voneinander abgetrennt. „Ich muss es für die Kunden im Laden einigermaßen warm und angenehm haben“, sagt er. „Andererseits muss ich regelmäßig viel lüften, weil wir viel mit Lösungsmitteln und Klebstoff arbeiten.“ Dadurch würde viel Energie wirkungslos verpuffen.

Das benachbarte Café Sinnbild an der Ecke Thrasoltstraße betreibt seine Frau Janer. Auch hier rechnet das Ehepaar mit sehr hohen Energiekosten. Gleichzeitig aber sinken die Einnahmen. „Durch die Kälte kommen deutlich weniger Gäste und draußen sitzen ist auch noch nicht möglich“, sagen die Tekins. „Im Café muss es aber immer gemütlich warm sein, sonst fühlen sich die Gäste nicht wohl.“ Dabei sei es egal, ob zwei oder zwanzig Gäste da sind.

Berlins Bäder ziehen monatlich eine Energiebilanz

„Minus 14, 39, 29.“ Michael Thoma spricht von Gradzahlen in Celsius. Er ist Energieberater und stellvertretender Leiter der Abteilung Bautechnik bei den Berliner Bäderbetrieben (BBB). „Bei den Schwimmhallen wird Außenluft von derzeit nachts minus 14 Grad angesaugt und dann auf 39 Grad erwärmt“, erklärt Thoma. „Damit erreichen wir dann konstant 29 Grad in den Schwimmhallen.“ Laut Thoma müsste die Hallentemperatur immer zwei Grad höher als die Wassertemperatur sein. In den Dusch- und Umkleideräumen soll das Thermometer zwischen 24 und 26 Grad Celsius anzeigen.

Die BBB ziehen monatlich eine Energiebilanz, und basierend auf Erfahrungen und den letzten Werten rechnen sie mit bis zu 15 Prozent mehr Energieverbrauch für aktuell 32 Hallenbädern und vier Kombibädern die geöffnet sind. Der Verbrauch sei auch wegen der Bausubstanz der Bäder sehr unterschiedlich, sagt Thoma. Geheizt werde mit Erdgas und Fernwärme. „Im März werden wir klar über den sonstigen Zahlen liegen“, sagt Thoma. „Die Kosten werden wir deutlich merken.“