Wirklich gewünscht hatte ihn sich wohl kaum noch jemand, und doch zeigt sich der Winter in diesen Tagen von einer besonders schönen Seite. Die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht kombiniert mit dem lang ersehnten Sonnenschein bringen allerdings auch Gefahren mit sich: Bauschige Schneedecken, von oben zuerst angetaut und später wieder zu sogenannten Schneebrettern überfroren, rutschen als Lawinen von Dächern.

Und Eiszapfen glitzern zwar wunderschön, sind aber potenziell bedrohliche Geschosse. Knapp 40 Mal wurde die Berliner Feuerwehr in den vergangenen 24 Stunden zu winterbedingten Einsätzen gerufen. Für die Eigentümer der Immobilie, an der die Einsatzkräfte Schnee oder Eis beseitigen, kann das teuer werden.

Großeinsatz am U-Bahnhof Schönhauser Allee

Den bisher größten durch das Winterwetter ausgelösten Einsatz dieses Jahres hatten die Retter am Mittwoch zu absolvieren. Am U-Bahnhof Schönhauser Allee drohten Eis und Schnee vom Bahnhofsdach auf die Fahrbahn und die Zugänge zu rutschen. 20 Einsatzkräfte waren vier Stunden lang mit der Entschärfung der Lawinengefahr befasst. 3000 Quadratmeter Dachfläche mussten beräumt werden.

Bereits am Mittwochmorgen war die Feuerwehr am selben Ort, in diesem Fall ging es um den Schutz der Trampassagiere an der Haltestelle vor bösen Überraschungen von oben. Dieser Einsatz dauerte zweieinhalb Stunden.

11.367 Einsätze technischer Art im Jahr 2012

Sehr häufig sind es aber auch private Hauseigentümer, die die Feuerwehr zu Hilfe rufen. Passanten wählen die Nummer der Feuerwehr, wenn sie Eiszapfen an einer Dachrinne direkt über dem Gehweg als Risiko erkennen.

„Wenn so ein Hinweis kommt, rücken wir in jedem Fall aus“, sagt Feuerwehrsprecher Sven Gerling. Dabei sehen die Lebensretter ihre primäre Verantwortung woanders. „Wir sind für Hilfe in lebensgefährlichen Situationen zuständig. Wenn die Kollegen für die Schnee- und Eisbeseitigung gebunden sind, fehlen sie bei anderen Notfällen“, so Gerling. Insgesamt 11.367 Einsätze technischer Art leistete die Berliner Feuerwehr im vergangenen Jahr, darunter allerdings auch Unfälle im Straßenverkehr.

Autofahrer sollten gefährliche Parkplätze meiden

Mancher Einsatz ließe sich laut Gerling schon dadurch vermeiden, dass das Dach frühzeitig von Schnee beräumt wird und die Dachrinne für abfließendes Tauwasser frei gehalten wird. Gefährdete Gehwege einfach abzusperren, sei dagegen ein unzulässiger Eingriff in öffentliches Straßenland, heißt es aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Darüber werde lediglich bei Gefahr im Verzug kurzzeitig hinweggesehen, wenn gleichzeitig deren Beseitigung eingeleitet werde. „Es sollte aber das letzte Mittel sein“, so Sprecherin Petra Rohland. Auf ihrer Internetseite veröffentlicht die Feuerwehr Kontaktdaten gewerblicher Firmen zur Beseitigung von Schneewechten und Eisbildungen. Diese seien auch kostengünstiger, so der Feuerwehrsprecher. Denn ein Feuerwehreinsatz wird auf die Minute genau mit 17 Euro je halbe Stunde pro Einsatzkraft abgerechnet. Dazu kommen Kosten für die Fahrzeuge.

Gerling: „Da kommen schnell dreistellige Summen zusammen.“ Diese würden dem Hauseigentümer in Rechnung gestellt, selbst wenn er den Einsatz nicht selbst beauftragt hat. Anders sieht es nach Auskunft von Dieter Blümmel, Sprecher der Eigentümerschutz-Gemeinschaft Haus und Grund, die Rechtsprechung bei Schäden, die herabfallende Eiszapfen an parkenden Fahrzeugen verursachen. Hier werde der Autofahrer häufig in die Verantwortung genommen, als potenziell gefährlich erkennbare Parkplätze zu meiden.

Berliner Grundbesitzer müssen für Winterdienst sorgen – und zahlen

Kein Ermessensspielraum bleibt Grundbesitzern dagegen in der Frage des Winterdienstes auf dem Gehweg. Im November 2010 wurden die Pflichten im novellierten Berliner Straßenreinigungsgesetz geregelt. Der Schnee muss „unverzüglich“ und regelmäßig auf einer Breite von 1,50 Metern geräumt, glatte Stellen müssen ohne Salzeinsatz gestreut werden. Wie motiviert Anlieger ihren Pflichten nachgehen, beaufsichtigen die Berliner Ordnungsämter. In Tempelhof-Schöneberg werde „mit der Gesamtheit des verfügbaren Personals kontrolliert“, sagt der zuständige Bezirksstadtrat Oliver Schworck (SPD). In die Leitstelle des Außendienstes seien in diesem Winter 49 Verstöße gegen die Vorschriften verzeichnet worden. „Meist handelt es sich um das Fehlen abstumpfender Mittel“, so Schworck. Wenig Probleme mit dem Zustand der Gehwege meldet sein Pankower Amtskollege Torsten Kühne (CDU).

Hier gab es in den vergangenen fünf Tagen 15 Beschwerden. 24 Ordnungsamtsmitarbeiter übernehmen in zwei Schichten die Kontrollen. Friedrichshain-Kreuzberg schickt bis zu vier Doppelstreifen pro Schicht auf die Straßen. „Wir reagieren aber auch vornehmlich auf Beschwerden“, so Ordnungsamtsleiter Joachim Wenz. Flächendeckend ein verdachtsunabhängiges Bild zu erhalten, sei mit dem verfügbaren Personal unmöglich.

14 Ordnungswidrigkeiten wurden in Friedrichshain-Kreuzberg bis zum 13. März aufgenommen. Einmal wurde die BSR zu einer Ersatzvornahme gerufen, weil eine Gefahrenstelle zügig beräumt werden musste. Auch diesen Einsatz zahlt nachträglich der Anlieger. Bußgelder wegen Verstoßes gegen das Straßenreinigungsgesetz liegen laut Wenz „in der Regel in geringer dreistelliger Höhe“. Haus und Grund vermeldet seit der Gesetzesnovelle 2010 ein Verdreifachung der Winterdienstkosten für die Grundeigentümer. Die gewerblichen Winterdienste hätten die Frequenz ihrer Einsätze an Grundstücken in Berlin verdoppelt, so Katja Heers, Vorsitzende des Berliner Verbandes gewerblicher Schneeräumbetriebe.