Juli ist vier Jahre alt und blind. Sie will alles tun, was ihre gleichaltrigen Freundinnen auch machen: Rennen, Radfahren, Skifahren. Manchmal vergisst sie dabei, dass sie nicht sehen kann.

Meistens aber hält sie sich an das, was sie gelernt hat: Während sie beim Gehen mit der Zunge Schnalzlaute macht, fährt sie mit ihrem kurzen weißen Blindenstock die Stufen ab. Vorsichtig nimmt sie Schritt für Schritt jede vermeintliche Hürde. Die Methode, mit der sich das Mädchen orientiert, heißt Klicksonar und ist eine fortgeschrittene Form der Echo-Ortung.

Juli kam blind zur Welt. Ihre Mutter Ellen Schweizer, 39, merkte schnell, dass Kinder, die nicht sehen können, oft unterschätzt werden. „Es gibt hier keine Blindenstöcke für Kleinkinder, denn den Umgang damit lernen Kinder in der Regel erst in der Schule. Ansprechende Bücher für blinde Kinder gibt es praktisch nicht.

Das Schritthalten mit sehenden Altersgenossen ist daher kaum möglich“, sagt sie. Im Internet las sie etwas über den blinden US-Amerikaner Daniel Kish, der ein Leben wie ein Nicht-Blinder führt: Er fährt Rad, wandert allein durch die Berge, bereist die Welt.

Unabhängiges Leben für Blinde dank „Klicksonar“

Seine Orientierungsmethode: Klicksonar. Ellen Schweizer war beeindruckt. Gemeinsam mit ihrem Mann Steffen Zimmermann, 48, gründete sie im Herbst 2011 in Prenzlauer Berg den Verein Anderes Sehen. Sie lud Daniel Kish nach Berlin ein, um in Seminaren Trainern und Eltern die Technik beizubringen.

Bisher haben so 300 Menschen Klicksonar gelernt. „Die Technik gibt den Kindern die Möglichkeit, später ein unabhängigeres, selbstständigeres Leben zu führen“, hofft Schweizer.

Am 12. März wird sie für ihr Engagement geehrt. Die Zeitschrift „Bild der Frau“ zeichnet in Berlin fünf Frauen als Alltagsheldinnen mit der Goldenen Bild der Frau aus. Die Gala findet zum siebten Mal statt, in diesem Jahr wird sie erstmals auch im Fernsehen übertragen.

Deutschlandweit hängen bereits Plakate, die die fünf Alltagsheldinnen unter dem Motto „Starke Frauen für ein starkes Land“ zeigen. Die Porträts dafür hat die renommierte Fotografin Gabo gemacht. Jede der Preisträgerinnen erhält 10.000 Euro für ihr soziales Projekt. Die Leser sollen noch abstimmen, wer die „Königin der Leser-Herzen“ werden soll, sie bekommt weitere 30.000 Euro Unterstützung.

Wenn Angst bei Eltern die Freude übertüncht

Unter den Preisträgerinnen sind außer Ellen Schweizer noch zwei weitere Berlinerinnen: Katja Mahn, 36, und Christina Hartmann, 42, helfen mit ihrem Verein Traglinge Familien mit Frühchen oder schwer kranken Kindern in den Alltag.

Die Idee hatte Kinderkrankenschwester Christina Hartmann schon lange. In ihrem Berufsalltag auf der Frühchen-Intensivstation hatte sie immer wieder mit den Kleinsten dieser Welt zu tun: Babys, viel zu früh geboren, angewiesen auf den Brutkasten, angeschlossen an Schläuche und Kanülen. Kinder, bei deren Eltern Ängste die Freude übertünchten. Die sich nach der Entlassung aus dem Krankenhaus oft überfordert und alleingelassen fühlten.

Im Juli 2009 tat sie sich mit Katja Mahn zusammen, deren Sohn Matthis selbst ein Jahr zuvor ganz plötzlich während eines Ostsee-Urlaubes im sechsten Schwangerschaftsmonat per Notkaiserschnitt geholt werden musste. 690 Gramm wog er damals, zwei Monate wurde er auf der Neonatologie versorgt.

Herzfehler kein Todesurteil mehr

Sie habe sich damals geschworen: „Wenn Matthis das schafft, dann helfe ich anderen Eltern.“ Und so gründeten die beiden Frauen Traglinge e.V. Seither stehen sie gemeinsam mit Kinderärzten, Psychologen, Sozialpädagogen und Kinderkrankenschwestern unter dem Motto „Brücken bauen, bis das Leben gelingt“ Familien mit Frühchen und chronisch oder schwer kranken Kindern bei. Mehr als 60 Familien pro Jahr betreuen sie.

Jedes zehnte Baby in Deutschland kommt zu früh zur Welt – Tendenz steigend. „Mittlerweile haben auch die ganz Kleinen gute Chancen zu überleben, auch schwere Herzfehler und ähnliches können heute oft gut behandelt werden und sind kein Todesurteil“, sagt Christina Hartmann. Für die Traglinge gibt es daher immer mehr zu tun.

Die sozialmedizinische Nachsorge koordinieren sie vom Evangelischen Waldkrankenhaus in Spandau aus. Denn nach der Entlassung aus dem Krankenhaus entstehen im Alltag der Familien viele Fragen und Ängste. „Uns ist es wichtig, dort zu helfen, wo wir gebraucht werden“, sagt Christina Hartmann.

Leistungen werden unrechtmäßig abgelehnt

Die elf Mitarbeiter und vielen ehrenamtlichen Helfer ihres Vereins vermitteln den Kontakt zu Spezialisten und therapeutischen Einrichtungen, beraten und sind in Krisensituationen erreichbar. Und sie helfen auch im nicht medizinischen Bereich. „Viele Familien müssen kämpfen, um ihre Ansprüche gegenüber den Krankenkassen durchzusetzen“, so Mahn.

Mindestens drei Monate lang versuchen sie und ihre Kollegen und Kolleginnen, die Familien im Alltag zu begleiten. Ihre Arbeit wird vom Klinikarzt verordnet und von den Kassen bezahlt – eigentlich. „Die Vergütung ist nicht kostendeckend, und viele Leistungen werden abgelehnt, obwohl sie eigentlich bezahlt werden müssten“, so Hartmann. Mit dem Preisgeld würden sie und Mahn gern ein Geschwisterprojekt auf die Beine stellen.

Helfen ist teuer

Alle drei Frauen wissen: Helfen ist teuer. Deshalb freuen sich Katja Mahn, Christina Hartmann und Ellen Schweizer über die Aufmerksamkeit, die die Preisverleihung mit sich bringt. „Wir wussten von nichts, die Nominierung ist ein Geschenk“, sagt Hartmann.

Beide Vereine, sowohl Anderes Sehen, als auch Traglinge sind auf Spendengeld angewiesen. Schon zehn Stunden Nachsorge des Traglinge-Teams kosten rund 700 Euro. Ellen Schweizer und ihr Mann benötigen für ihre Arbeit im Jahr etwa 100.000 Euro.

„Mit unserem Verein vertreten, fordern und fördern wir als erste Organisation im deutschsprachigen Raum die Auffassung, dass blinde Kinder schon in den ersten vier Lebensjahren auf besondere Weise in Blindenstockgebrauch, Klicksonartechnik und einer offenen Haltung, die sich durch die Gesellschaft keine Grenzen setzen lässt, gefördert werden müssen“, erklärt Ellen Schweizer ihre Arbeit.

Blinde Vorschulkinder ertasten Geschichte

Sie und ihr Mann suchen einen feinmechanischen Betrieb, der für sie Blindenstöcke für Kinder unter sechs Jahren herstellen kann – kostenlos, als Spende. Denn die Hilfsmittel für Erwachsene sind für Kinder viel zu lang, zu schwer und zu unhandlich.

Das Ziel von Anderes Sehen: „Die Bildungspolitik und die Sicht der Gesellschaft zu verändern und Hilfsmittel und Bücher verfügbar zu machen.“ Ein erstes Buch für Kleinkinder hat Schweizers Verein bereits herausgebracht: „Die kleine Brise Wind“ kann vorgelesen werden, mithilfe der Brailleschrift aber auch von blinden Kindern selbst gelesen werden.

Und: Vorschulkinder können die Geschichte ertasten - verschiedene Materialien wie Stoff oder Pappe bilden haptische Illustrationen. Die nächsten Bücher sind schon in Arbeit. Ihr Traum wäre, sagen Schweizer und Zimmermann, genug Geld zu haben, um sich irgendwann in Vollzeit um den Verein zu kümmern.